Foto von Heribert Becker

Foto: Peter Schneider-Rabel

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 2025 starb nach kurzer, schwerer Krankheit Heribert Becker in seiner Wohnung in KöIn. Er war jahrzehntelang als Autor und Übersetzer, besonders aus dem Französischen, tätig und organisierte 1978 und 1993 zwei Ausstellungen in Bochum zum Thema Surrealismus („Imagination“ und „Lateinamerika und der Surrealismus“). Er publizierte mehr als 80 Buchtitel und war zeitlebens bekannt und befreundet mit zahlreichen Künstlern und Autoren der Bewegung. Er arbeitete auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und zeigte sich als einer der großen Kenner der weltweiten surrealistischen Kultur und war damit einer derjenigen, der sie auch in Deutschland bekannt machte.

Zeitlebens lehnte er ganz im surrealistischen Geiste alles Bürgerliche und seine Konventionen ab, lebte fast 40 Jahre, wie er gerne erwähnte, mit seiner Partnerin in „wilder Ehe“, die kinderlos blieb. Die christliche Kirche und ihre Institutionen waren ihm zuwider, besonders der katholisch-goldglänzende Popanz, und so lebte er folgerichtig immer sehr bescheiden, materielle Güter hatten für ihn keinen Wert, Geld interessierte ihn nicht. Hatte ihm eins seiner lukrativeren Projekte (beispielsweise die Anthologie Das surrealistische Gedicht im Jahre 1985) etwas Geld eingebracht, finanzierte er damit wieder ein anderes seiner Wunschprojekte. Er war gewissermaßen das Gegenstück zu Dagobert Duck und auch jede Form von Eitelkeit war ihm fremd. Er war Weltbürger, dem jedes nationale Getöse verdächtig erschien, und machte mit seiner Haltung auch vor dem schwarz-rot-goldenen Fahnenschwingen bei internationalen Fußballfesten nicht halt. Trotz seiner lebenslangen Leidenschaft für den Fußballsport ging er diesem Brimborium aus dem Weg und konnte mit dieser Form nationaler Euphorie nicht das geringste anfangen.

Er liebte und lebte den Surrealismus mit jeder Faser seines Körpers. Er liebte besonders seine Lyrik und Prosa und bemühte sich, diese durch seine akribischen und kenntnisreichen Übersetzungen auch hierzulande bekannt zu machen: Mansour, Perét, Arp, Carrington, Césaire, al-Maaly und Prevért, um nur einige der Autoren und Autorinnen zu nennen. Es ist ihm sicher teilweise gelungen. Für den einen oder anderen Titel durfte ich den Einband gestalten.

Aber auch für die bildnerischen Erzeugnisse der Bewegung begeisterte er sich von Jung auf. Tangely und Miró faszinierten ihn besonders. Die letzten 20 Jahre bemühte er sich, einen Verlag für die vollständige Ausgabe von Mirós Constellations zu finden, eines seiner Herzblutprojekte der letzten Jahre. Leider kam es nie dazu, es bleibt ein unerfülltes Vermächtnis, das nur als digitale Datei auf seinem Computer existiert.

Ich kannte ihn fast 30 Jahre. Er war 1998 interessierter Beobachter der Gründung der kurzzeitigen, post-surrealistischen Gruppe „Antlogonis“ hier in Köln, hielt sich aber auf Distanz. Ab 2001 unterstützte er mich tatkräftig bei meinem Web-Projekt „Antlogonis infekt, Forum poetischer Kulturen“, wurde besonders zu Beginn zu einer wichtigen Stütze und zu einem guten Freund. Ich werde ihn vermissen. Die surrealistische Bewegung hat hier in ihrem Niemandsland vielleicht ihren wichtigsten Experten und Verfechter verloren.

Peter Schneider-Rabel (Köln 2025)

 

Hans Heribert Becker war ein deutscher Publizist, Autor, Kurator und Übersetzer überwiegend surrealistischer bzw. surrealismusnaher Lyrik und Prosa. Er veröffentlichte fast 90 Titel in verschiedenen Verlagen sowie Zeitschriftenartikel und Hörfunkbeiträge. Ab den 1980er-Jahren übersetzte Heribert zahlreiche Texte vor allem französischsprachiger Autoren und Autorinnen ins Deutsche, u. a. von Fernando Arrabal, Jacques Prévert, Benjamin Péret, André Breton, Joyce Mansour, André Pieyre de Mandiargues, Michel Leiris, Aimé Césaire und Roland Topor sowie Leonora Carrington aus dem Englischen. Auch arabischen Autoren wie Khalid al-Maaly, Mahmoud Darwisch und Unsi al-Hadj sowie dem Kongolesen Tchicaya U Tam’si widmete er sich.

(14.4.2026)