Gundula Tschepego

Foto: Nina Weller

„Aus dem Weißrussischen von Norbert Randow, Gundula und Wladimir Tschepego“ – so steht es unter vielen ihrer Übersetzungen, so steht es auf dem Cover von Maxim Harezkis Zwei Seelen, mit dem der Guggolz Verlag 2014 erstmals ins Rampenlicht trat.

Gundula Randow, am 01.10.1944 in Alt-Strelitz geboren, wollte dem großen Bruder nacheifern, seinerzeit führender Bulgarist der DDR, und bewarb sich um ein Slawistik-Studium an der Humboldt-Universität. Doch Norbert Randow war kurz zuvor wegen „staatsfeindlicher Hetze“ und „Beihilfe zur Republikflucht“ aus dem Slawischen Institut heraus verhaftet und zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, aus dem Studienwunsch durfte (vorerst) nichts werden.

Also: Buchhändlerlehre in Neustrelitz, das mehr stationierte sowjetische Soldaten als Einwohner hatte. Einer der Offiziere, der belarussische Germanist Wladimir Tschepego (Uladsimir Tschapeha), wird ihr Ehemann. Bruder Norbert fädelt nach dem Ende seiner Haftzeit für die Schwester doch noch ein Slawistikstudium in Berlin ein und wendet sich selbst der belarussischen Literatur zu.

Gundula folgt nach dem Studium ihrem Mann nach Minsk, erste Übersetzungen belarussischer Literatur entstehen in Gemeinschaftsarbeit. Etwa für die legendäre Anthologie Störche über den Sümpfen. Belorussische Erzähler (Volk und Welt 1971). Weiter geht es es mit Romanen und Novellen von Iwan Melesh und vor allem Wassil Bykaŭ. In den 1980er-Jahren übersetzt Gundula Tschepego für die Minsker Verlage Mastazjaja litaratura und Junaztwa zahlreiche Volksmärchen, außerdem in „Familienarbeit“ nach Rohübersetzungen ihres Mannes einen ganzen Band mit Kinderreimen: Der Flüstergeist. Mit Die junge Eiche erscheint 1987 bei Reclam eine zweite Anthologie belarussischer Literatur, wiederum ein Familienprojekt.

1988 ziehen die Tschepegos zurück ins Elternhaus in Alt-Strelitz, weitere Übersetzungen entstehen, etwa in Zusammenarbeit mit Elke Erb Ales Rasanaŭs Zeichen vertikaler Zeit (Agora, Berlin 1995). Gundula Tschepego ist über viele Jahre im Neustrelitzer Kulturamt und im Karbe-Wagner-Archiv tätig und wird zu einer prägenden Figur der Alten Kachelofenfabrik, die sie zu einem Kulturort mitentwickelt. 2009 erhält sie den Daniel-Sanders-Kulturpreis, 2022 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland.

Als Übersetzerin stand Gundula Tschepego häufig im großen Schatten ihres großen Bruders. Im Gespräch mit Nina Weller, gedreht am 02.06.2025 in ihrem Elternhaus für die vom Deutschen Übersetzerfonds geförderte Filmreihe Werke und Tage, ist sie noch einmal als eindrucksvolle Zeitzeugin zu sehen. Das Erscheinen der großen Harezki-Übersetzung 2014 erlebten ihr 2013 verstorbener Bruder und ihr kurz darauf verstorbener Mann nicht mehr. Nun starb auch Gundula Tschepego, am 9. Mai 2026.

Die Märchen des Lebens von Jakub Kolas (Buchverlag Der Morgen, 1988) gehören zu den Werken, die sie alleine übersetzt hat. „Die Gänse“ endet mit den Sätzen: „Ihre Flügel waren kräftiger geworden und ihre Flügel leichter. Sie breiteten ihre Schwingen aus, silberne Spritzer sprühten über den Fluß, und furchtlos flogen sie der ersehnten und unerreichbar scheinenden Insel entgegen.“

Thomas Weiler, 11.5.2026

(21.5.2026)