Foto von Werner Creutziger

Foto: Barbara Köppe, Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Noch ein „Urgestein“ – einer der wesentlichen Repräsentanten DDR-deutscher Übersetzerkultur, Mann der ersten Stunde. Darüber hinaus scheint mir die Metapher auch im eigentlichen, mineralogischen Sinne anwendbar: kristalline Klarheit in der Haltung, den Ansichten – auch zum Übersetzen.

Anziehend für mich, den 30 Jahre jüngeren Kollegen, war seine unter den Zunftkollegen hervorstechende, hausgemachte Intellektualität mit der dazu passenden skeptischen Noblesse.

Bürgerlich war er nicht, aufgewachsen in einem Dorf im westsächsischen Vogtland als Sohn eines Arbeiters und Sozialdemokraten. Zum glücklichen „Jahrgang Eins“ nach dem Krieg zählend, dem Volkssturm gerade so entkommen, notgedrungen ohne Abitur – mit einem nie dagewesenen Bonus für Arbeiterkinder per Vorkurs zum Studium zugelassen: Germanistik in Leipzig bei Greiner, Slawistik bei Olesch, Romanistik bei Krauss und bei Klemperer in Halle.

Danach ging er aber nicht den Schritt vieler seiner Kommilitonen hin zur Karriere im indoktrinierten akademisch-bürokratischen Apparat („dressierte Elite“, wie er zuletzt im Erinnerungsband Ein langes Leben in Deutschland schrieb; dessen zentraler Essay „Ich war nicht dankbar“ beschreibt luzide die Liquidation demokratischer Anfänge nach der Durchsetzung der Vormacht der Kommunisten durch die sowjetische Besatzungsmacht).

Stattdessen suchte der junge Creutziger sein Heil in der Literaturpraxis – ein Jahr bei Reclam Leipzig (erster neuangestellter Lektor nach tabula rasa durch Flucht und Vergrämung), dann zu Aufbau in Berlin (zunächst noch an der Seite der gestrengen Hertha von Schulz, vormals „graue Eminenz“ im Büro des legendären Japan-Instituts). Als dort 1958 nach der Janka-Harich-Affäre eine Art rituelle Säuberung einsetzte, flog der parteilose Junglektor aus dem Verlag – mit Einladung zur freien Tätigkeit, anfangs gar mit monatlichem Fixum. Eine 30-jährige Übersetzerlaufbahn aus dem Russischen und Serbokroatischen (dafür hatte er nebenher noch ein Aufbaustudium an der Humboldt-Universität absolviert) bahnte sich an.

Die beinahe erste Arbeit war jedoch aus dem Französischen – und sogleich Opus Magnum, zu den erfolgreichsten zählend: Jan Potockis Handschrift aus Saragossa (1962), parallel zur Insel-Übersetzung im Westen, bis heute am Markt. Wesentlich außerdem zwei Dostojewski-Romane – Der Spieler und die Brüder Karamasow – für die tragisch unterbelichtete große Aufbau-Ausgabe der späten 1980er, sowie andere russische Klassiker; Bühnenstücke von Gorki; Perlen wie den 1939 repressierten jüdischen Sozialrevolutionär Isaak Goldberg (1968); mehrere Erzählungsbände von Ivo Andric und diverse andere zeitgenössische, damals noch jugoslawisch zu nennende Prosa.

Darüber hinaus aktiv in der Berliner Übersetzersektion des Schriftstellerverbands, war er einer der wenigen Sprach- und Übersetzungskritik Übenden in der DDR (vornehmlich in der Zs. Neue deutsche Literatur). Der F. C.-Weiskopf-Preis für Verdienste um die Sprachkultur (1987) war die Folge. Creutziger setzte diese Tätigkeit auch in der zweiten Hälfte des Lebens fort, als er von Berlin aufs Land, nach Gellmersdorf in der Uckermark gezogen war und das Übersetzen nach der Wende einstellte.

Noch ein Intermezzo 1995, als er das Fach Übersetzen am neuen Deutschen Literaturinstitut in Leipzig begründete (Premiere in dieser Form an einer deutschen Schreibschule!) und zwei Jahre ausübte, ehe der Zweig wieder stillgelegt wurde. Einen instruktiven Text zur Geschichte des Übersetzens in der DDR hat er 1998 verfasst: Die Zunft und der Staat.

Mehr von ihm und über diesen unvergesslichen Kollegen lässt sich Heidi Rottroffs UeLEX-Artikel entnehmen und dem Interview, das Vika Stukalenko mit ihm 2023 für den Oral-History-Band Geteilte Übersetzungen geführt hat.

Andreas Tretner im Frühjahr 2026

Werner Creutziger wurde am 25. März 1929 in Pöhlau geboren und verstarb am 13. Dezember 2025 in Eberswalde.

(5.5.2026)