Foto: Birgit Lockheimer

Rolf ist dem Tod mindestens drei Mal von der Schippe gesprungen: als Aidskranker in den Neunzigerjahren, als er 2019 eine Sepsis bekam und als er vor etwa drei Jahren an Darmkrebs erkrankte. Zunächst sah es gut aus, doch der Krebs kehrte zurück, und am 22. März 2026 starb Rolf in einem Hospiz in Bremerhaven, der Stadt, in die er erst 2024 gezogen war. Am 26. Mai wäre er siebzig geworden.

Ich lernte Rolf kennen, als ich noch nicht so viele Bücher übersetzt hatte, es wird 1999 gewesen sein, bei einem Treffen des Friedrich-Bödecker-Kreises. Autor:innen, Übersetzer:innen, Illustrator:innen und andere Kinderbuchleute aus Deutschland, den Niederlanden und Flandern trafen sich alle zwei Jahre zu einem kleinen Kongress. Gerold Anrich, einer der wenigen Verleger, die ich kannte und von dem ich Aufträge bekam, saß neben Rolf, von dem ich natürlich schon viel gehört hatte. Neben Mirjam Pressler war er der Kinder- und Jugendbuchübersetzer aus dem Niederländischen.

Rolf begrüßte mich herzlich, nahm aber dann schnell das Gespräch wieder auf, in dem es offensichtlich darum ging, Gerold zu erklären, wie die Antwort auf Salam Aleikum lautete. Es bedeute Friede sei mit dir, und man antworte zwar erwartungsgemäß Und Friede sei mit dir, was aber etwas anders formuliert werde im Arabischen, nämlich als Wa Aleikum Assalam. Gerold nickte ein wenig abwesend.

„Es ist doch nicht so schwierig“, sagte Rolf. „Wa Aleikum Assalam, man muss sich praktisch nur merken, dass man den ersten Gruß umdreht und dann halt ein „A“ davor und ja, ein Wa ganz zu Anfa…“ Gerold seufzte sichtlich genervt und murmelte, dass das doch ziemlich egal sei.

„Nein“, erwiderte Rolf, seiner Zeit knapp dreißig Jahre voraus, „das ist wichtig!“

Hellsichtig, klug, entschlossen, sehr sprachgewandt und vor allem äußerst humorvoll, das charakterisiert Rolf. Und vielleicht auch: einsam und ein wenig stur.

Die bewundernswerte Sprachgewandtheit konnte schon mal Überhand nehmen, und ich erinnere mich daran, dass ich mich mal bei einer Kollegin beklagte, Rolf habe an einem sehr schönen Abend mit mehreren Kolleginnen kaum andere zu Wort kommen lassen, belehrt und doziert.

„Ja“, sagte sie, „Typisch Rolf, er redet immer viel. Aber weißt du: Es ist immer interessant und klug. Und deshalb finde ich das nicht schlimm.“

Weise Worte.

Für Rolf ging es beim Übersetzen um sehr viel, er stellte hohe Ansprüche an die Bücher, die er übersetzen wollte. Ich erinnere mich an eine heftige Diskussion über einen Titel, den wir sehr unterschiedlich bewerteten. Rolf war zu Gast im Amsterdamer Übersetzerhaus und wir gingen stundenlang durch die Stadt und sprachen über das Buch, fanden kein Ende.

Beim Übersetzen denke ich regelmäßig an einen Vortrag von Rolf (wer Niederländisch liest, findet ihn hier).

Er erzählte von den australischen Ureinwohnern, die gut Fährten lesen können müssen.

Ich zitiere in eigener Übersetzung:

„Wenn ich hier eine Fährte lege, und Sie würden sich die ansehen, stellen wir uns automatisch fast mittendrauf. So ein australischer Jäger dahingegen schaut aus einer völlig anderen Perspektive, nämlich schräg nach vorn, also aus derselben Perspektive wie seine anvisierte Beute. […] Dann sieht man sofort auch die Umgebung einer solchen Fährte besser. Ein isolierter Blick auf einen Fußabdruck gibt diesen nur verzerrt wieder. Man sieht nur den Abdruck, nicht aber die Bewegung dahinter. Man sieht nicht, was […] der Autor/die Autorin gesehen hat.

Will man also ein Gedicht, eine Szene ein Bild, eine Beschreibung, einen Satz, ein Wort übersetzen, sollte man sich nicht nur die isolierte Form des Fußabdrucks ansehen (also die in Sprache gegossene Form), sondern auch die Idee. Schau, wie dein Autor/deine Autorin geschaut haben muss, versuch dir vorzustellen, was er oder sie gesehen haben muss. Er/sie sah ein Bild, eine Landschaft, eine Situation, und suchte dafür eine Form; die Form ist also ein wichtiger Hinweis, aber auch nicht der Ursprung, sondern eine Annäherung an das, was der Autor oder die Autorin eigentlich vor Augen hatte.“

Während Rolf das sagte, legte er sich die Hand über die Augen und beugte sich suchend vor.

So werde ich ihn in Erinnerung behalten: mit feinem Gespür. Hellhörig, aufmerksam. Auf der Suche, findend.

Wa Aleikum Assalam, lieber Rolf, du wirst uns sehr fehlen.

 

Andrea Kluitmann am 24. März 2026

 

Rolf Erdorf, 1956 in der Eifel geboren, hat u. a. Germanistik und niederländische Philologie studiert. Für seine Übersetzungen wurde er 2005 mit dem renommierten niederländischen Martinus-Nijhoff-Preis ausgezeichnet und erhielt 2006 den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher. 2024 wurde er für sein Lebenswerk, in dem er rund 200 Titel aus dem Niederländischen ins Deutsche übertrug, mit dem Sonderpreis „Gesamtwerk Übersetzung“ im Rahmen des Deutschen Jugendliteraturpreises 2024 ausgezeichnet. 2006 und 2016 gewann Rolf den Deutschen Jugendliteraturpreis (mit Dolf Verroen und Edward van de Vendel) und für diesen Preis nominiert war er fünfzehn Mal.

(26.3.2026)