Foto: Renate von Mangoldt

Vor den anderen sterben die Freunde. Nun ist auch Rainer G. Schmidt verstorben, einer der bedeutendsten literarischen Übersetzer des Landes. Zudem mein Nachbar und ein guter Freund.

Geboren ist er 1950 in einem saarländischen Dorf, der Vater war Meteorologe. Schmidt wurde Poet und Übersetzer anderer Poeten wie von Rimbaud und vieler Schriftsteller aus dem Englischen und Französischen, lebte aber als städtischer Eremit in Berlin und ist am 9. April 2025 allein verstorben.

Vor gut einem Jahr hat der schon vielfach Preisgekrönte noch den Voß-Übersetzerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung erhalten, für seine Übertragungen aus dem Englischen und dem Französischen, deren Liste lang ist, wie bei Wikipedia nachzulesen ist.

Ich selbst achte selten auf den Übersetzer, lese ich ein Buch, doch als ich vor dreizehn Jahren die Lektüre des wunderbaren Romans Rand von André Pieyre de Mandiargues beendet hatte, blätterte ich nach vorn zurück, um mir den Namen des Übersetzers zu merken, las Rainer G. Schmidt und fand das Deutsch dem Französischen kongenial. Seitdem schaue ich immer mal wieder, was dieser Schmidt noch übersetzte. Und ich traf ihn ab und zu im legendären Charlottenburger Gasthaus „Lentz“ oder im Literarischen Colloquium am Wannsee, freundete mich mit ihm an.

Er schlurfte in seiner einzigartigen Art zu flanieren durch den äußersten Westen Berlins, wo er lange am Nikolassee gehaust hat und die dortige Rehwiese durchstreifte. Er ist aber kein zartes Reh, auch kein Schlappengraf wie jener legendäre Flaneur von Baden-Baden gewesen. Er war wie so viele literarischen Geister ein solitärer Flaneur, der mir zu einem unverzichtbaren Freund wurde, nicht nur weil ich mit ihm wie mit niemand anderem über Dichtung sprechen konnte. Freitags briet er sich stets einen Fisch, den er auf dem Markt im Berliner Westend erwarb, mal eine Maräne, mal eine Brasse, kannte sich halt nicht nur in der Sprache der Engländer und Franzosen aus, sondern auch in der Welt der Fische.

Angefangen zu übersetzen hat er, der auch selbst Lyrik verfasst hat – wie den Gedichtband Der Fall Schnee – wenn man Wikipedia mal glauben kann, um 1970, da war Schmidt gerade einmal zwanzig Jahre jung. Gleich das erste Vorhaben war ein gewagtes, eine Herausforderung, denn er übersetzte zusammen mit Hans Therre Prosa und Lyrik von Arthur Rimbaud. Und da stellte sich schon die Frage der Fragen eines jeden Übersetzers: Überträgt man einen Satz, indem man eng am originalen Wortlaut bleibt, oder erlaubt man sich die Freiheiten einer Nachdichtung? In der dann die Fantasie bisweilen über das Original obsiegt. Was leicht zu einem Lost in Translation führen kann.

Schmidts Übersetzung Rimbauds erregte Aufsehen, Bewunderung und radikale Ablehnung, die FAZ sah Dilettanten am Werk, für andere war sie genial, und sie begründete seinen Ruf. Dabei war sie auch eine spätpubertäre Provokation. Von so manchem Rimbaudgedicht blieb vom Wort des Dichters nichts übrig, Schmidt machte sich eigene Verse auf die des anderen. Über seinen damaligen Übermut konnte sich Schmidt bis kurz vor seinem Tod noch köstlich amüsieren. 

Übersetzt hat er bis zu seinem letzen Tag. Und was? Die Tagebücher des Henry David Thoreau. Der Dichter von Walden war ein Double seines Übersetzers, der sich in den nordamerikanischen Wäldern verkrochen hatte wie Rainer Schmidt in den Steppen einer Großstadt.

Sechs Bände der Tagebücher Thoreaus sind im Verlag Matthes & Seitz in der Übersetzung von Rainer Schmidt erschienen. Die noch fehlenden sechs – wer soll sie nun übersetzen, wenn der Übersetzer von einem Tag auf den anderen einfach nicht mehr da ist?!

(Der vorliegende Text erschien zuerst unter dem Titel Der Übersetzer ist tot in den Musenblättern.)

(15.1.2026)