Foto: Hansjörg Haas

Das letzte Mal habe ich Marlene vor über zwei Jahren gesehen. Bei einer Zusammenkunft in Berlin zur Vorbereitung des Niederlandeschwerpunktes der Leipziger Buchmesse 2024. Denen, die es wussten, erschien sie wie auferstanden. Kennengelernt habe ich Marlene bei einem Workshop in Straelen, ich war noch keine Übersetzerin aus dem Niederländischen und Marlene stand noch am Anfang ihrer Karriere. Das war vor 32 Jahren.

Ein Leben, das Mitte des vorigen Jahrhunderts begann, scheint heute – gefühlt – Jahrhunderte zu umfassen. Es reicht von der bäuerlichen Dorfschule bis zu den gegenwärtigen Bedrängnissen unseres Berufes durch die KI.

Geboren wurde Marlene 1948 in der Nähe von Würzburg. Eine Kindheit wie aus einem Heimatfilm, Besuch einer einklassigen Dorfschule beim eigenen Vater, dem Volksschullehrer. Mit zehn kam sie für ein Jahr in das Mädcheninternat eines katholischen Frauenklosters. Der Besuch eines Gymnasiums in Würzburg machte es erforderlich, dass Marlene, ob Winter oder Sommer, eine halbe Stunde „durch Wald und Wiese, Wind und Wetter“ zum nächsten Bahnhof gehen musste, wie mir ihr Mann Hansjörg Haas Marlenes Schulweg schilderte.

Ihre beruflichen Bildungsdurchläufe waren für heutige Verhältnisse ungewohnt vielfältig: Studentin der Kunstgeschichte, Niederlandistik und Germanistik in Würzburg, Berlin und Amsterdam, dazwischen Ausbildung zur Diplombibliothekarin, während der Fortsetzung des Studiums kommissarische Leiterin der Bibliothek des Amsterdamer Goethe-Instituts, neun Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin in der Niederlandistik, Mutter von zwei Söhnen, Abendstudium an der TU in „Weiterbildungsmanagement“, ABMlerin in unterschiedlichen Funktionen, schließlich IT-Kraft beim Berliner Senat, doch die ihr hier angebotene feste Stelle schlug sie am Ende aus und wurde freischaffende Übersetzerin aus dem Niederländischen.

Ich kannte nur ihr Übersetzerinnenleben – und das, was sie mir ab und zu aus ihren anderen Leben erzählte. Doch an was erinnere ich mich noch? Nicht, was sie über die Studenten-Unruhen 1968 erzählte. Aber dass sie sich in den Siebzigern in der Free-Jazz Szene Berlins tummelte. Und dass sie nicht mochte, in Berlin zu sein, während die Mauer noch stand. Wie sehr sie ihre regelmäßigen Urlaube in Griechenland genoss.

So viel Leben – das Leben der Übersetzer und Übersetzerinnen geht in die Übersetzungen ein, in welcher Form auch immer – , wird die KI der Literatur niemals bescheren können.

Kann man jemanden an seinen Übersetzungen erkennen? Marlene mied Manierismen und überflüssige Wagnisse, sie übersetzte präzise, klar und zuverlässig. Und manchmal im allerbesten Sinne des Wortes verbissen. Niemand in ihrer näheren und ferneren Bekanntschaft war davor gefeit, regelmäßig Emails zu erhalten, in denen Marlene um Erläuterungen bat, nach dem Verständnis von schwierigen niederländischen Begriffen etc. fragte. Sie ging sogar so weit, in der ornithologischen Abteilung eines Zoos anzurufen, um sich nach dem präzisen deutschen Namen einer seltenen Vogelspezies zu erkundigen, wo ich mich längst mit dem übergeordneten Gattungsbegriff begnügt hätte. Mit Einführung von Wikipedia wurden solche Mails selbstredend rarer.

Marlene spielte sich nie in den Vordergrund, wusste jedoch gut, was ihr die niederländische Literatur zu verdanken hatte. Von Anfang an engagierte sie sich stark für die niederländischsprachige Literatur, warb bei Verlagen und Institutionen um Autoren und Bücher. Ihre Publikationsliste ist so lang wie verschiedenartig: viel Belletristik. Ihr Herz jedoch lag bei der Kunst und der Geschichte – vor allem jene der Zeit vor, während und nach dem Faschismus. Trotz ihrer langen Krankheit und mehreren Unfällen schonte sie sich nie und war in ihren Abgabeterminen, fast bis zuletzt, verlässlich. Brach sie sich die Hand, so wurde einfach mit einem Sprachprogramm weiterübersetzt. Und bei alledem war sie – ich fürchte, es ist eine altmodische Eigenschaft – kollegial. Ich habe Marlene mehr als einen Auftrag zu verdanken, den sie an mich weitergab, weil sie keine Zeit hatte.

Wo aber hört das Kolleginnensein auf und fängt die Freundschaft an? Obgleich in derselben Stadt wohnend sahen wir uns leider selten. Mir dämmert langsam, dass ich mehr als eine Kollegin verloren habe.

(5.2.2026)