Wir trauern um: Manfred Peter Hein
Am 10. Mai 2025 verstarb der Schriftsteller und Übersetzer Manfred Peter Hein. Ein Nachruf von Andreas Kelletat.
Foto: Andreas Kelletat
„Der deutsche Dichter aus Finnland“ – so hat ihn Johannes Bobrowski bezeichnet und so wurde Manfred Peter Hein bei Besuchen in Deutschland vorgestellt. 1952 reiste er zum ersten Mal nach Finnland. Das Land erinnerte ihn an seine Heimat Ostpreußen, aus der der 13-Jährige im Januar 1945 beim Vorrücken der Roten Armee geflüchtet war. 1958, nach Abschluss seines Germanistik- und Geschichtsstudiums in Göttingen, kam er auf Dauer in das damals noch keineswegs wohlhabende Land an der Peripherie Europas.
Bei Hanser in München erschienen 1960 und 1962 Heins erste Gedichtbände und er wurde zu den Treffen der Gruppe 47 eingeladen. Zeitgleich machte er sich als herausragender Dichter-Übersetzer einen Namen. Ins Deutsche brachte er für den Suhrkamp-Verlag zunächst Lyrik und Prosa von Autoren seiner eigenen Generation. In den 70er Jahren wandte sich der älteren finnischen Prosa zu. Für eine einzige Seite aus einer Erzählung Volter Kilpis arbeitete Hein eine ganze Woche. Er war ein Übersetzer, der nie etwas rasch herunterübersetzen konnte, auch übernahm er keine Auftragsarbeiten. Seine Ansprüche an Qualität ließen keine Kompromisse zu, machten allerdings auch die Zusammenarbeit mit ihm zu einer Herausforderung.
Übersetzt bzw. nachgedichtet hat Hein auch aus dem Tschechischen und Samischen und dann, in den 80er Jahren, Avantgarde-Poesie der Jahre 1910 bis 1930 aus vielen „kleinen“ Sprachen Mittel- und Osteuropas. Von der lettischen Dichterin Amanda Aizpuriete übertrug Hein zwischen 1993 und 2011 drei bei Rowohlt erschienene Gedichtsammlungen.
2004 veröffentlichte Hein die Lyrikanthologie Weithin wie das Wolkenufer – Finnische Gedichte aus zwei Jahrhunderten. An ihr lässt sich studieren, wie sich sein Ausdrucksrepertoire durch ein halbes Jahrhundert stetig erweitert hat. Wobei er dem Grundsatz folgte, dass sich der Übersetzer bedeutender Literatur ausnahmslos im sprachlich Unverbrauchten zu bewegen habe.
Hein selbst verstand sich in erster Linie als Dichter, der sich im poetischen Gespräch mit Autoren und Künstlern der gesamteuropäischen Moderne befand, mit Celan, Ekelöf, Giacometti, Halas, Huchel, Kavafis, Klee, Ligetti, Malewitsch, Mandelstam, Pessoa, Rimbaud, Schnittke.
Hein wurde in Finnland, Lettland und Deutschland mit bedeutenden Literatur- und Übersetzerpreisen ausgezeichnet, zudem mit der Ehrendoktorwürde der Universität Mainz (2011) und dem Bundesverdienstkreuz (2015). Er erhielt 1975 als erster den Finnischen Übersetzer-Staatspreis und war wohl der erste Nicht-Finne, dem (1994) eine finnische Künstlerrente gewährt wurde.
Hein lebte mit seiner Frau, der Deutsch-Lehrerin Marjatta Hein, von 1968 bis wenige Wochen vor seinem Tod am 10. Mai 2025 in Karakallio, einem Vorort von Helsinki. Sein Nachlass wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt.
Eine ausführlichere Darstellung seines übersetzerischen Tuns findet sich im Germersheimer Übersetzerlexikon.
(15.1.2026)