Porträt Eva Moldenhauer

Eva Moldenhauer, Foto: Ebba D. Drolshagen


„Noch einmal Danke für alles, was Sie tun …“

Eva Moldenhauer nachgerufen

„In Wirklichkeit ist der Übersetzer ein »Doppelgänger« des Autors, denn wie dieser wirkt er »in« und »durch« eine bestimmte Sprache mit ihren Redensarten, ihren besonderen Wendungen, ihrer Musik, ihrer Stimmhaftigkeit, um bestimmte Bilder im Geist des Lesers wachzurufen … Ich will damit sagen, dass die Übersetzung keine einfache Übertragungsarbeit ist, wie man gemeinhin glaubt, sondern eine echte Hervorbringung.“1 Mit diesen Worten und dieser Unterstreichung bedankte sich Nobelpreisträger Claude Simon 1998 für die herausragende Übersetzung seines schwierigen Romans Jardin des Plantes bei seiner Übersetzerin Eva Moldenhauer, die am Ostermontag in Frankfurt im Alter von 84 Jahren gestorben ist.

Mit Claude Simon hatte Evas lange Laufbahn als Literaturübersetzerin 1964 begonnen: Für den Suhrkamp Verlag übersetzte sie den Roman Das Seil. Bis dahin hatte sie schon drei Jahrzehnte eines bewegten Lebens hinter sich. Nach dem Krieg zur Waise geworden, kam sie in ein Internat, das sie als Befreiung empfand, befreiend vor allem, weil es ihr die Möglichkeit zu ausgiebiger Lektüre bot. Nach dem Abitur folgten ein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und ein langer Frankreichaufenthalt, dem sie ihre profunden Französischkenntnisse verdankte. Doch nach vier Jahren, anfangs in Paris, dann in tiefer burgundischer Provinz, kehrte sie nach Frankfurt zurück.

Zu Beginn der sechziger Jahre heiratete Eva den Publizisten und damaligen Literaturredakteur des hessischen Rundfunks Karl-Markus Michel, der 1961 als Lektor zum Suhrkamp-Verlag ging und dort in den Jahren bis 1976, anfangs an der Seite von Walter Boehlich, ein Verlagsprogramm entwickelte, das man später als „Suhrkamp-Kultur“ bezeichnete. Dort wurden nicht nur die neue deutsche Literatur und die kritische Theorie gepflegt, Suhrkamp brachte auch den französischen Strukturalismus nach Deutschland, und das häufig in Übersetzungen von Eva Moldenhauer. Ab Mitte der sechziger Jahre übersetzte sie Philosophen, Soziologen, Ethnologen, Semiotiker und Psychoanalytiker von Émile Durkheim, Françoise Dolto und Frantz Fanon über Maurice Merleau-Ponty, J.B. Pontalis, Paul Ricœur, Alain Tourraine, François Wahl bis zu Roland Barthes, Pierre Bourdieux, André Gorz und Jacques Rancière.

Ihr Schwerpunkt lag zwei Jahrzehnte lang im Bereich Anthropologie/Ethnologie, in dem sie bahnbrechende Werke von Claude Lévi-Strauss, Mythologica I-IV (1971-1975), Traurige Tropen, (1978), Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft (1981), Marcel Mauss, Die Gabe (1969), Claude Meillassoux, Die wilden Früchte der Frau (1976) oder Georges Devereux, Baubo. Die mythische Vulva (1981) ins Deutsche brachte, Werke, die durch ihre Übersetzungen auch hier zu Klassikern wurden.

Eva war grenzenlos neugierig auf unbekanntes Wissen, fremdes Denken, neue literarische Formen und eignete sich das alles geradezu „carnivorisch“ an. Bei der konkreten Arbeit legte sie größten Wert auf Genauigkeit, akribische Genauigkeit bei der Recherche und sprachliche Genauigkeit beim Übersetzen. Sie wollte nicht ein Verständnis, eine Interpretation, eine Version eines Textes wiedergeben, sie strebte nach einer Übersetzung, die wie das Original Wege zu unterschiedlichen Interpretationen eröffnet. Zu ihrer sprachlichen Prägnanz kam eine stilistische Eleganz, die sie sich in den sechziger und siebziger Jahren im Zusammenspiel mit dem Suhrkamp-Lektorat erworben hat. Sie gewann dabei eine grammatikalische und stilistische Sicherheit im Deutschen, die sie später gegen alle sprachverändernden Einflüsse vehement verteidigte.

Dasselbe gilt für ihre vielen belletristischen Übersetzungen. Wenn es die Genauigkeit erforderte, dann fuhr sie mit ihrem Kleinwagen schon mal 1200 Kilometer weit, um beispielsweise die Strecken der ehemaligen Straßenbahn von Perpignan zu Fuß abzugehen, so für die Übersetzung von Claude Simons Roman Die Trambahn (2002). Um Simon hat sie sich am meisten verdient gemacht, hat 15 Bücher von ihm übersetzt, eines schwieriger als das andere, seit 2001 auch fünf Neuübersetzungen von Romanen, die schon Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre von bekannten Übersetzern wie Eva Rechel-Mertens oder Elmar Tophoven übersetzt worden waren.

An den Texten von Claude Simon zeigte Eva, dass man auch im Deutschen gut mit Partizipialkonstruktionen arbeiten kann, dass bei dessen langen Satzkaskaden die Beibehaltung der Partizipien sogar zu einem eleganteren, flüssigeren und leichter lesbaren Deutsch führt als ihre Auflösung oder Verschachtelung in Relativsätzen. Geprägt von dieser Leichtigkeit und Eleganz sind auch ihre Übersetzungen der Erinnerungsliteratur eines Jorge Semprún, der „Noveau Roman“-Literatur des Algeriers Rachid Boudjedra oder der Romane und Erzählungen der in Auschwitz umgebrachten Irène Némirovsky. Oft traf sie auf wunderbare Weise den ganz eigenen Ton vieler ihrer Autorinnen und Autoren, davon zeugen besonders einige herausragende Einzelwerke wie Das große Heft von Ágota Kristóf (1987), Die schönen Tage meiner Jugend von Ana Novac (2009) oder Die Elf von Pierre Michon (2013).

Wahrscheinlich hat keine Übersetzerin, kein Übersetzer je so viele Auszeichnungen und Preise für seine Werke erhalten wie Eva. 1982 war sie die dritte Preisträgerin des noch jungen Helmut M. Braem-Preises (für Traurige Tropen), 1991 erhielt sie den Paul-Celan-Preis, 2007 den Wilhelm Merton-Preis; 2009 den Prix lémanique de la traduction, 2011 den Raymond-Aron-Preis für ihre Übersetzungen des Lévi-Strauss-Schülers Philippe Descola, 2012 wurde sie schließlich für ihre herausragenden Beiträge zur deutsch-französischen Verständigung mit dem Orden Chevalier de l’ordre des Arts et des Lettres und dem Prix de l‘Académie de Berlin ausgezeichnet.

Wer immer das Glück hatte, Eva während eines Französisch-Workshops bei den Übersetzertagen in Bergneustadt, Bensberg oder Wolfenbüttel erlebt, als Mentorin bei der Berliner Übersetzerwerkstatt genossen oder an einem Übersetzungsprojekt mit ihr zusammengearbeitet zu haben, kennt ihr sprachliche Strenge. Unnachsichtig brandmarkte sie falsche Konjunktive, Unwörter („nichtsdestotrotz“), nichtssagende Füllsel („sozusagen“), falsche Präpositionen oder Pronomen und Amerikanismen wie „nicht wirklich“. Mit ihr zu arbeiten, von ihr zu lernen, hieß nicht nur Übersetzen, sondern vor allem Deutsch lernen.

Auf das vielzitierte Sprachgefühl, gar Bauchgefühle, hat sich Eva nie verlassen. Übersetzerische Entscheidungen mussten begründet werden, sie waren bei ihr immer rational. Sie konnte sehr kategorisch, ja imperativ sein. Aber unter der harten Schale steckte ein sehr feinfühliger Kern. Mit höchster Aufmerksamkeit und Sensibilität nahm sie das Ungesagte, die Untertöne und Nuancen, Melodie und Rhythmus eines Textes wahr und bemühte sich, das alles, soweit es ging, mit zu übersetzen.

Eva, die zur Generation der Achtundsechziger gehörte, war eine Anarchistin im besten Sinn, politisch immer interessiert, jahrelang auch sehr engagiert, z.B. bei der „Roten Hilfe“ in Frankfurt, aber allen dogmatischen Tendenzen und ideologischen Wegen gegenüber äußerst kritisch, immer beseelt von einem enormen Freiheitsdrang, was sich auch in der Wahl der „politischen“ Bücher niederschlug, die sie übersetzte, allen voran einige Klassiker der undogmatischen linken Literatur, wie Staatsfeinde (im Original: La société contre l‘État) von Pierre Clastres (1976), der in diesem Sommer in einer Neuausgabe erscheinen wird, Schwarze Haut, weiße Maske von Frantz Fanon (1980, 2013), Die schwarzen Wasser von Victor Serge (2014) oder die Bücher von André Gorz.

Mit ihrer Willensstärke und Selbstdisziplin erinnert Eva an die frühe Feministin und Anarchistin Alexandra David-Neel, die in den zwanziger Jahren nach dreijähriger beschwerlicher und abenteuerlicher Wanderung durch Tibet als erste westlichen Frau in die „verbotene Stadt“ Lhasa gelangte, und von der Eva im hohen Alter noch zwei Bücher übersetzte. Ob es um das lästige Aushandeln von Verträgen oder das lange Durchhalten bei Texten von mehr als tausend Seiten ging, Eva kam mir oft vor wie „die Alexandra David-Neel der Literaturübersetzer.“ Als man bei ihr, sie war schon siebzig und seit fünfzig Jahren starke Raucherin, eine Arteriosklerose diagnostizierte, hörte sie von einem Tag auf den anderen auf zu rauchen. Und noch bis zu ihrer Krebserkrankung im letzten Sommer ging sie mit ihren beiden künstlichen Hüftgelenken täglich ein- oder zweimal die fast hundert Stufen zu ihrer wunderbaren Wohnung im Frankfurter Westend hinunter und wieder hinauf.

Sie hatte die 80 schon überschritten, als sie die epochale, gut 1200 Normseiten starke Lévi-Strauss-Biographie von Emmanuelle Loyer für Suhrkamp übersetzte, eine letzte große Meisterleistung, für die der französischen Historikerin dieses Jahr der Einhard-Preis für biographische Literatur verliehen wurde – gerne wäre Eva der Einladung zur Preisverleihung am 19. März in Seligenstadt gefolgt, doch es war der Tag, an dem sie ins Krankenhaus kam, das sie nicht mehr verlassen sollte.

Geradezu allergisch reagierte sie auf die Gender-Diskussion. Für sie, die sich ab den frühen sechziger Jahren ihre persönliche und wirtschaftliche Autonomie selbständig erkämpft hatte – und die, das nur nebenbei, „unanständig“ niedrige Vertragsangebote resolut ablehnte, auch wenn sie ihren „Lieblingsautor“ Claude Simon betrafen –, für Eva war die Emanzipation eine persönliche und eine politische, aber keine grammatikalische Angelegenheit. Noch im Krankenbett wäre sie beinahe aus dem VdÜ ausgetreten, weil sie nicht Mitglied in einem „Schrägstrich- oder Sternchen-Verband“ sein wollte, aber zum Glück gab es noch etwas anderes zu tun: Irmgard Hölscher, ihre langjährige Freundin, die im letzten Jahr für sie sorgte und ihr durch den Alltag half, brachte ihr das Manuskript ihrer letzten Übersetzung ans Bett und ging es mit ihr zusammen durch. Es war ihr erstes Kinderbuch, das im Sommer erscheinen wird.

Aufgewachsen ohne Familie, hatte Eva familiäre Bindungen in der Literatur, in der Frankfurter linken Szene und nicht zuletzt bei uns Literaturübersetzern gefunden. Für mich, wie für viele von uns, war sie leuchtendes Vorbild, ein Maßstab, aber auch eine gute Freundin, ja, eine Verwandte, zumindest eine Seelenverwandte.

Merde alors! Sie wird mir, sie wird uns fehlen.
 

1 « … Merci encore de tout ce que vous faites (en réalité, un traducteur est un >double< de l’auteur puisque, comme celui-ci, il s’applique >dans< et >par< une certaine langue, avec ses idiotismes, ses tournures particulières, sa musique, ses sonorités, à faire surgir certaines images dans l’esprit du lecteur) … Ce que je veux dire, c‘est que la traduction n’est pas un simple travail de transcription, comme on le croit vulgairement, mais un véritable travail de production. » Claude Simon, aus einem Brief an Eva Moldenhauer, in: Übersetzen Nr. 4, 32. Jahrgang, Stuttgart, Okt.-Dez. 1998.


Zum Nachhören: Vom Übersetzen leben? Fürs Übersetzen leben, Eva Moldenhauer im Gespräch mit Raimund Fellinger (Logbuch Suhrkamp)

Traueranzeige in der FAZ