Ein Nachruf von Andreas Tretner

Manches an Eckhard Thiele und in seinem Leben spricht dafür, dass er unweigerlich hat Übersetzer werden müssen. Aber was für einer er war!

Beinahe schon hineingeboren in die DDR, widerstrebte es ihm bis zuletzt, sich einzufühlen in ein Land, das sein Existenzrecht durch die fehlende Auseinandersetzung mit dem Stalinismus früh verwirkt und dann erzwungen hatte, indem es eine Mauer um sich baute.

Hinterher, im Jahr 1991, als Literaten allzu läppisch Bilanz aufmachten – vierzig Jahre könne man nicht einfach wegschmeißen, man habe wertvolle Erfahrungen gemacht usw. –, reagierte er mit einer rigorosen Metapher: „Wer, wegen komplizierter Frakturen in Gips liegend, die qualvollen Wochen zum Lesen nutzt, macht aus seinem Unglück das Beste und gewinnt wertvolle Erfahrungen. Aber wenn er die qualvolle Zeit der Unbeweglichkeit deshalb als unverzichtbare Erfahrung preist, ist das kein Plädoyer für Literatur, sondern für Knochenbrüche.“1

Ein Verdikt, um so gnadenloser, wenn man weiß, welch existenzieller Betroffenheit das Bild entspringt. Als Kind erkrankte Thiele an Polio, blieb zeit seines Lebens schwer gehandicapt. Aus seinem Unglück das Beste machte der 15-Jährige zunächst, indem er am Ort seiner langwierigen Rekonvaleszenz, im böhmischen Kurbad Janské Lázně, eintauchte in die von seinen Landsleuten eben noch gemarterte tschechische Sprache und Kultur – eine Prägung fürs Leben. Um fortan, geistig unkorrumpierbar, Autarkie anstrebend, eine Existenz in „einer der merkwürdigsten aller Nischen“ in der Nischengesellschaft DDR zu suchen. „Nische mit Weltsicht“, so pries er sie: Nach einem Sprachenfernstudium in Leipzig wurde er Literaturübersetzer aus dem Russischen und Tschechischen. Er entwickelte dafür etwas, was der Prager Dichter, spätere Botschafter Jiří Gruša in einer Laudatio auf Thiele als grassroots position bezeichnete; eine schöne Metapher für das Übersetzen. „Es gibt keine Sache an sich, für die alles erlaubt ist, es gibt nur Sachen inmitten von den anderen.“2  So nahm er sich der Autoren an, die ihn „drängten“: Sologub und Odojewski, Trifonow und Schukschin aus der russischen, Karel Čapek (über den er zudem eine stringente Biografie3 schrieb), Weil, Fuks, Nezval und Seifert aus der tschechischen Literatur.

In der zweiten Hälfte seines Lebens gab es eine Reihe glücklicher Begegnungen, die seinen Aktionsradius erweiterten: Für Heinz-Ludwig Arnold und sein Kritisches Lexikon verfasste er schon 1991 den großen Bilanzartikel zur „Sowjetliteratur“; Hans Dieter Zimmermann holte ihn zu Vorlesungen über DDR-Literatur an die TU Berlin, ermunterte ihn zu promovieren4; und endlich schoben ihn Zimmermann, Gruša und die Bosch-Stiftung vor sein Opus magnum: Er durfte eine 33-bändige Tschechische Bibliothek5 entwerfen und realisieren. Gesamtkunstwerk! Eine ganze Literatur quasi nachbauen, ausbreiten wie eine Landschaft, ihre Eigenarten, Stärken hervorkehren (Leichtigkeit, Ironie, Surrealität, Dissidenz)! Ein Jahrzehnt Knochenarbeit, vieles musste er allein tun – eines tunlichst nicht: Er holte viele Übersetzerstimmen herein, vor allem junge, die er führte und beflügelte. Kristina Kallert, tief beeindruckt von dieser Schule, hat ihn „einen Jos van Immerseel des Übersetzens“ genannt, „der weiß, wo die Musiker zu sitzen haben, damit es klingt, wie es klingen soll“6.

Da sitzen wir nun und werden seiner noch lange gedenken; auch wenn die Bibliothek kaum noch irgendwo beisammensteht, graswurzelhaft ist sie in die Bestände und in uns eingedrungen.
 

1  Ungeliebte Erbschaften, in: Literatur in der DDR. Rückblicke. text+kritik, Sonderband 1991.

2  Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (Anerkennungspreis), 1994.

3  Karel Čapek, Reclam Leipzig, 1988.

4  Literatur nach Stalins Tod: Sowjetliteratur und DDR-Literatur; Ilja Ehrenburg, Stephan Hermlin, Erwin Strittmatter, Christa Wolf, Juri Trifonow. Frankfurt/M. 1995.

5  DVA, 1999-2007.

6  OderÜbersetzen. Deutsch-polnisches Übersetzungsjahrbuch №2, Słubice 2011.