Foto: Bettina Münch

Nachruf von Bettina Arlt

Ann Lecker ist am 16. Februar 2025 aufgrund von Komplikationen nach einer Krebsbehandlung im Alter von 51 Jahren verstorben. Ihr Tod war ein großer Schock für ihre Familie, Freunde und Kollegen, die es noch immer nicht fassen können.

In Siouville in der Normandie als Tochter einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters geboren, ist sie in Aub in Franken aufgewachsen. Zum Studium der Literaturübersetzung ging sie nach Düsseldorf an die Heinrich-Heine-Universität und war schon dort sehr theaterbegeistert. Sie hat in der englischsprachigen Theatergruppe Hiss ‘n Boo mitgespielt und auch in dem Sketch „Per Translator durch die Galaxis“, den wir anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Studiengangs aufgeführt haben, den verrückten Professor gemimt. Sie war ein großer Shakespeare-Fan und ist schon während ihrer Zeit in Düsseldorf mehrfach nach Stratford-upon-Avon gereist, um sich in der Heimatstadt des Barden inspirieren zu lassen. Bevor sie 2007 schließlich nach London ging, hatten wir uns in langen Sitzungen die Köpfe zerbrochen, wie wir ein Zwei-Frauen-Stück mit Motiven von Shakespeare auf die Bühne bringen können. Leider ist es bei den Überlegungen geblieben.

In London war sie auch wieder aktiv mit Theaterarbeit befasst. Nach einer theaterpädagogischen Ausbildung hat sie im Londoner Stadtteil Hornchurch einige Jahre am Queen’s Theatre mit Kindern Theaterstücke einstudiert und damit gleich zwei ihrer Träume erfüllt. Sie liebte Kinder über alles und konnte fantastisch mit ihnen umgehen. Durch die räumliche Nähe zu ihrer Schwester Claire und ihren Neffen Tristan und Merlin, die schon in London lebten, konnte sie als engagierte und inspirierende Tante viel mit ihnen unternehmen und ihnen Musik und Theater nahebringen.

Vor ein paar Jahren ist sie dann von London nach St Leonards-on-Sea im Bezirk Hastings gezogen, wo sie sich einer weiteren Leidenschaft hingeben konnte, dem Schwimmen im Meer, was sie zu fast jeder Jahreszeit praktizierte. Sie liebte Tango und Swing und hat auch in Hastings Mitstreiter gefunden, mit denen sie das Tanzbein schwingen konnte.

Doch ihre größte Leidenschaft – und Berufung zugleich – war die Übersetzung von Literatur.

Ann hat Kinder- und Jugendliteratur übersetzt und dabei eine riesige Bandbreite abgedeckt, von Comic-Romanen und Graphic Novels über Teenager-Tagebücher, Highschool-Romanzen und Fantasy-Romane – darunter die auf TikTok sehr erfolgreiche Souls-Dilogie von Rosie Talbot – bis hin zu Büchern mit ernstem Hintergrund, wie der Roman Bus 57 von Dashka Slater nach einer wahren Begebenheit, der für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert wurde.

Die Reihe über den Alltag der 14-jährigen Nikki Maxwell in Tagebuchform, Dork Diaries von Rachel Renée Russell, die sie von Anfang an – seit 2009 – übersetzt hat, konnte sie leider nicht mehr bis zum Ende begleiten: Der 16. Band erschien im September 2025 in der Übersetzung von Franziska Jaekel.

Ann ist regelmäßig ins Rheinland zurückgekehrt, um sich für mehrere Wochen im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen in ihr jeweiliges Übersetzungsprojekt zu vertiefen und sich mit anderen Übersetzer*innen auszutauschen.

Sie war aber nicht nur eine engagierte, literaturbegeisterte, sehr sorgfältige und einfühlsame Übersetzerin. Sie war auch eine fürsorgliche Kollegin, die mir den Rückeinstieg in die Literaturübersetzung ermöglichte, indem sie mir anbot, mit ihr zusammen eine Fantasy-Reihe der erfolgreichen Krimi-Autorin Elizabeth George zu übersetzen, nachdem ich nach anfänglichen Einstiegsschwierigkeiten in die Filmübersetzung abgewandert war. Leider hat sich unsere Hoffnung, dass George ihren Bestseller-Status im Fantasy-Bereich fortsetzen würde, nicht bestätigt, aber die Zusammenarbeit mit Ann hat großen Spaß gemacht und der gründliche und sprachsensible Austausch mit ihr über Übersetzungsfragen hat mich inspiriert und bereichert. Über die Jahre hat Ann mir dann immer wieder Romanübersetzungen vermittelt, und dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Mit Ann Lecker hat uns ein herzlicher, offener, fröhlicher, vielseitig interessierter und toleranter Mensch verlassen, und sie wird schmerzlich vermisst von ihrer Mutter, ihren Schwestern, ihrem Bruder, ihren beiden Neffen und allen ihren Freunden. Um es mit Shakespeare zu sagen: „Now cracks a noble heart. Good-night, sweet princ(ess), and flights of angels sing thee to thy rest.“ (Hamlet, 5. Akt, 2. Szene)

Nachruf von Bettina Münch

Ich hatte das Glück, Ann vor einigen Jahren in Straelen kennezulernen, wo wir nicht nur als Übersetzerinnen von Kinder- und Jugendliteratur zusammenfanden, sondern uns schnell anfreundeten. Wie auch nicht? Anns strahlende, warmherzige Art, ihre Begeisterung und Leidenschaft fürs Übersetzen waren faszinierend. Wir verbrachten viele Stunden mit Fachsimpeleien und privaten Gesprächen, die sich später per Telefon und zur Buchmessenzeit an meinem Küchentisch fortsetzten, und schließlich auch in ihrem Zuhause in St. Leonhards-on-Sea, wo ich sie vor zwei Jahren besuchte. Noch heute denke ich staunend daran zurück, mit welcher Energie sie mich nach getaner Arbeit die steilen Berge hinauf- und hinunterführte, wie sie mich jeden Morgen zum Schwimmen im mal mehr, mal weniger kalten Meer überredete und beinahe sogar zum Tangotanzen. Ihre Begeisterung war ansteckend, und so voller Lebensfreude, Vitalität und Wärme werde ich sie in Erinnerung behalten – mit Dankbarkeit und einem Lächeln.

Nachruf von Anja Malich

Ann war im damals noch neuen Düsseldorfer Studiengang Literaturübersetzen in der Einführungsgruppe für Erstsemester, die ich (mit) leitete. Ihre Begeisterung und ihr Gespür für Sprache und Literatur fielen auf. Wahrlich bemerkenswert fand ich aber von Anfang an, wie durch und durch anglophil diese Halbfranzösin war. Wenngleich ich ihr Leben und Wirken später nur noch aus der Ferne mitverfolgt habe, berührte mich stets, wie konsequent sie diesen anglophilen Weg in ihrem Alltag und mit ihren Übersetzungen weitergegangen ist.

Unlängst sprach ich mit einer Lektorin, die mit Ann bis zum Schluss zusammenarbeitete. Sie hob neben den übersetzerischen Qualitäten und den bei Lektor·innen sehr geschätzten Eigenschaften wie „schnell“ und „zuverlässig“ Anns besonderen Witz hervor. Wie unendlich traurig und ungerecht, dass die humorvolle, fröhliche und kreative Ann nicht mehr ist!

(15.1.2026)