Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg: Ausstellungsbericht „Welt aus Sprachen. Literatur übersetzen“
Von Sabine Baumann
Foto: Heidi Rotloff
Unter dem Titel „Welt aus Sprachen. Literatur übersetzen“ wurde am 7. Oktober 2025 eine Sonderausstellung des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg im wunderschönen, traditionsreichen Literaturhaus Oberpfalz eröffnet. Liebevoll kuratiert, werden darin die Nachlässe der Übersetzerinnen Ragni Maria Seidl-Gschwend und Verena Reichel mit Leihgaben aus dem Nachlass von Eva Moldenhauer sowie die Vorlässe von Helga Pfetsch und Rosemarie Tietze mit Leihgaben von Gertraude Krüger gezeigt. Angeboten wird dazu ein Rahmenprogramm aus Kuratorenführungen, Workshops für Gruppen und Schulklassen mit zusätzlichen Veranstaltungen. Ein aus Büchern gebauter babylonischer Turm, aus dem verschiedene Übersetzungen des berühmten Gedichts Le bateau ivre von Arthur Rimbaud ertönen, gegenüber den fremdsprachigen Ausgaben von Günther Grass‘ Roman Die Blechtrommel sowie den verschiedenen Versuchen, James Joyces Jahrhundert-Roman Ulysses ins Deutsche zu bringen, empfängt die Besucher.
Mind Maps zum Interpretieren der Partitur des Originals
Eröffnet wurde die Ausstellung nach einführenden Grußworten des Vorstandsmitglieds Thomas Geiger und des Archivars Michael Peter Hehl mit einem Podiumsgespräch, das der Kritiker des Bayerischen Rundfunks Niels Beintker moderierte. Mit Helga Pfetsch, der ehemaligen Vorsitzenden des VdÜ und Übersetzerin in den 1980er-Jahren u. a. von Margaret Atwood, Alice Walker, Toni Morrison oder Doris Lessing, und Rosemarie Tietze, die u. a. Tolstois Anna Karenina neu und Werke russischer Exilautoren der 1920er-Jahre erstmals übersetzt hat, sprach er darüber, in welchem Maß das Übersetzen Wissenschaft, Handwerk oder Kunst sei und wie man dabei konkret vorgeht. Die handschriftlich mit teils wilden Strichen überarbeiteten Typoskripte, Helga Pfetschs bunte Mind Maps oder ebenfalls mit vielen Zeichen und Anmerkungen versehenen Wort- und Fragelisten zeugten in den Vitrinen von diesem oft viele Durchgänge erfordernden Prozess. Verglichen wurde er von den Diskutantinnen mit der Interpretation einer Partitur, mit einem körperlichen Durchgehen und innerem Hören, dem viele Überprüfungen, der Griff zum Wörterbuch und anderer Lektüre sowie lautes Vorlesen zum Nachspüren des Rhythmus gehören.
Mit der Russisch-Übersetzerin und Vorsitzenden des DÜF Olga Radetzkaja und dem aus Paris angereisten Übersetzer-Tandem Romy und Jürgen Ritte – die gemeinsam u. a. das Werk von Hervé Le Tellier übersetzen, wurde vertieft, inwiefern beim Übersetzen die „ästhetische Energie“ des Originals in den deutschen Text gelangt und welche Verantwortung das bedeutet. Wie Übersetzer mit ihren Autoren und diese manchmal mit Übersetzern in alle möglichen Sprachen über knifflige Aspekte eines Romans oder von Gedichten konferieren, wurde ebenso thematisiert wie das Vorgehen des Tandems Ritte untereinander. Der Austausch mit anderen Übersetzenden kam überhaupt mehrfach zur Sprache, etwa als Rosemarie Tietze ihre Fortbildungsseminare erwähnte und Olga Radetzkaja neben dem Stipendienprogramm des DÜF auch auf dessen Förderung einer Akademie des Übersetzens hinwies und das Ehepaar Ritte von ähnlich gelagerten Treffen zum Austausch über die gemeinsam ausgeübte Kunst im französischen Arles berichteten.
Übersetzen als Kommunikation in modernen Medien
Der Austausch mit den Autorinnen und Autoren schlägt sich in Briefen nieder – entzückend Alice Walkers in lila Filzstift eingetragene Antworten auf Helga Pfetschs Fragen auf mit Sternchen bedrucktem Briefpapier. Wichtig sind auch Treffen, die in der Ausstellung mit Fotos dokumentiert werden – auf denen etwa Verena Reichel mit ihrem Autor Lars Gustafsson zu sehen ist. Gesammelt hat sie u. a. Programmhefte von Theateraufführungen der von ihr übersetzten Texte, während die Italienisch-Übersetzerin Ragni Gschwend herrlich retro anmutende Hörkassetten mit Aufnahmen von gemeinsamen öffentlichen Lesungen und Gesprächen auf der Bühne oder im Rundfunk aufgehoben hat. Die technische Entwicklung des Übersetzens wird greifbar in Objekten wie Gschwends Festplatten oder in Videos, bei denen sich beispielsweise die Literaturübersetzerin Claudia Hamm zur KI äußert.
Auch um Berufspolitik geht es in der Ausstellung und illustrieren etwa Verena Reichels Verlagsgutachten zu Werken ihres Autors Henning Mankell, wie Übersetzer:innen neben der eigentlichen Textarbeit auch noch vermittelnd agieren. Ebenso spiegeln sich Helga Pfetschs und Rosemarie Tietzes Forderungen nach angemessener Vergütung und ihr lebenslanges Engagement für institutionelle Förderung der Übersetzerinnen und Übersetzer in den ausgestellten Exponaten. Insgesamt gewährt die Ausstellung einen Blick in die Werkstatt vielseitiger Kolleginnen, bietet Einblick in die Geschichte des modernen Übersetzens und erschließt die Welt der Sprachen.
(29.1.2026)