Übersetzervergütung - Honorare

Zur Honorarsituation im Bereich literarischer Übersetzungen

Am 1. Juli 2002 ist ein neues Urhebervertragsrecht in Kraft getreten. Es soll allen Urhebern eine angemessene Vergütung für die Nutzung ihrer Werke sichern. In der Gesetzesbegründung heißt es zur Angemessenheit der Vergütung: „Sofern eine übliche Branchenpraxis feststellbar ist, die nicht der Redlichkeit entspricht, bedarf es einer wertenden Korrektur ... Ein Beispiel hierfür sind etwa die literarischen Übersetzer, die einen unverzichtbaren Beitrag zur Verbreitung fremdsprachlicher Literatur leisten. Ihre in der Branche überwiegend praktizierte Honorierung steht jedoch in keinem angemessenen Verhältnis zu den von ihnen erbrachten Leistungen.“

Was eine „angemessene“ Honorierung ist, soll nach dem Gesetz von Urheber- und Verwerterverbänden bzw. Urheberverbänden und einzelnen Verlagen in gemeinsam ausgehandelten Vergütungsregeln bestimmt werden. Bisher ist es nicht gelungen, sich auf eine von beiden Seiten akzeptierte Regelung zu einigen.

Bis gemeinsame Vergütungsregeln vorliegen, wird empfohlen, im Übersetzungsvertrag den Passus hizuzufügen: „Nach Vorliegen einer gemeinsamen Vergütungsregel nach § 36 UrhG wird dieser Vertrag entsprechend angepasst.“

Entwicklung der Honorare in Deutschland seit 2002

An der „üblichen Branchenpraxis“ hat sich im Bereich des Literaturübersetzens seit Verabschiedung des neuen Urhebervertragsrechts wenig geändert, wie die auf insgesamt 1100 Übersetzerverträgen basierende Auswertung der KNÜLL-Datei für die Zeiträume 2002-2004 und 2004-2008 zeigt.

Literaturübersetzungen werden zunächst pro Normseite honoriert (30 Zeilen zu maximal 60 Anschlägen). Dabei unterscheiden die Verlage in aller Regel, ob die Übersetzung im Hardcover oder als Taschenbuch erscheinen soll. Obwohl die Ausstattung des Buchs für die Arbeit der Literaturübersetzer/innen ohne Belang ist, wurden dennoch im Hardcover zwischen 2004-2008 durchschnittlich 17,83 € (17,50 € 1) erzielt, im Taschenbuch jedoch nur 15,30 € (14,50 €). Im Vergleich der beiden Zeiträume sind die Seitenhonorare seit 2002 real gefallen.

Eine zweite Komponente der Vergütung stellt die Beteiligung an den Verwertungserlösen dar. In beiden Zeiträumen sahen nur 45% aller gemeldeten Verträge eine solche Beteiligung überhaupt vor. Sie lag zumeist zwischen 0,5 und 1,5 % am Nettoladenpreis des verkauften Buchs ab einer bestimmten Auflagenhöhe als Schwelle (meist zwischen 5.000 und 30.000 verkauften Exemplaren).

Als dritte Komponente sahen im Zeitraum 2004-2008 weniger als 40% der Verträge eine Beteiligung der Übersetzer am Erlös der Nebenrechtsverwertung vor, z.B. Taschenbuch-, Hörbuchlizenzen oder Buchklubausgaben, digitale Nutzungsrechte, etc. In der Praxis bedeutet das, dass Literaturübersetzer/innen nur selten einen Cent von den Gewinnen aus der Verwertung ihrer Rechte sehen und sich vollständig über das Seitenhonorar finanzieren müssen.

Erfolgreiche, vollständig ausgelastete Literaturübersetzer erzielen einen Betriebsgewinn von durchschnittlich 13.000 bis 14.000 € jährlich, ihr Nettoeinkommen liegt damit an oder unter der Armutsgrenze

Die detaillierten Ergebnisse der KNÜLL-Auswertung finden Sie hier:
Honorarumfrage 2002-2004
Honorarumfrage 2004-2008

Studie des VdÜ zur Einkommenssituation der Literaturübersetzer 2012

Nach Erhebungen im Jahr 2011 hat der VdÜ eine umfangreiche Studie zur Honorarsituation der Literaturübersetzer erstellt. Unter dem Titel "Literaturübersetzende in Deutschland: ein Lagebericht" finden sich detaillierte und fundierte Informationen zur Einkommenssituation des Berufsstands. Darüber hinaus bietet die Studie Einsichten in die Altersstruktur der Zunft, die häufigsten Arbeitssprachen, die durchschnittliche Jahresleistung und vieles mehr.

Die Publikation steht hier zum Download bereit (PDF, 1,7 MB, 63 Seiten).

Deutsche Honorare im europäischen Vergleich

Auch im europäischen Vergleich erweist sich die Lage der deutschen Literaturübersetzer als prekär: In den Jahren 2006 bis 2008 hat der CEATL (Rat der Europäischen Literaturübersetzer-Verbände) bei seinen Mitgliedsverbänden eine umfangreiche Erhebung zu Marktsituation, Honoraren, Einkommen und sozialer Lage von Literaturübersetzern in den einzelnen Ländern durchgeführt. Es ist keine streng wissenschaftliche Arbeit, einige Ergebnisse beruhen auf Erfahrungswissen und Schätzungen, aber insgesamt zeichnet die Studie ein zutreffendes Bild von der sozialen und materiellen Lage der Literaturübersetzer in 21 europäischen Ländern.

Dabei stehen die deutschen Literaturübersetzer weitaus schlechter da, als gemeinhin angenommen wird. Das beginnt bei der Anzahl der Übersetzungen: Bezogen auf ihren Anteil an allen Neuerscheinungen liegt Deutschland hier an drittletzter Stelle - weit entfernt davon, „Weltmeister im Literaturübersetzen“ zu sein, wie in Medien und von Verlagen gerne behauptet wird. Bei den durchschnittlich bezahlten Seitenhonoraren liegt Deutschland gerade mal im Mittelfeld (rund 30% unter den Honoraren, die beispielsweise in Frankreich, England oder Norwegen bezahlt werden), und betrachtet man die Einkommenssituation der deutschen Literaturübersetzer im Verhältnis zum allgemeinen Einkommensniveau und zu den Lebenshaltungskosten, so befinden sie sich im europäischen Vergleich in der unteren Hälfte bzw. sogar im unteren Drittel.

CEATL-Studie - Erste Vergleichsstudie zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen und der Einkommenssituation der Literaturübersetzer in Europa

Die Studie kann in englischer oder französischer Sprache heruntergeladen werden (PDF, Größe: je 1,3 MB). Eine deutschsprachige Kurzfassung ist in Vorbereitung.

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1 Zahlen in Klammern für den Zeitraum 2002-2004