Sylvia List-Beisler Porträt

(Foto: Bogenberger / autorenfotos.com)

„Die Monate haben es eilig. Die Jahre haben es eiliger. Und die Jahrzehnte haben es am eiligsten. Nur die Erinnerungen haben Geduld mit uns.“
Erich Kästner (in: Als ich ein kleiner Junge war)

Drei Jahrzehnte war Sylvia List-Beisler mir voraus. Sie gehörte einer anderen Generation an, wir sind uns nie bei Jahrestagungen oder Mitgliederversammlungen des VdÜ begegnet. Als wir uns um 2008 herum kennenlernten, war sie für mich zunächst die Ehefrau von Rechtsanwalt Peter Beisler, der mich und einige andere Kolleg*innen vertrat, als wir den Klageweg beschritten, um bessere Vergütungen zu erstreiten.

Nach einem Studium der Slawistik und osteuropäischen Geschichte sowie einigen Jahren als Verlagslektorin arbeitete Sylvia List-Beisler ab 1977 als freiberufliche Übersetzerin. Sie übertrug zahlreiche Werke aus dem Russischen, Englischen, Französischen und Jiddischen, u. a. von Joseph Brodsky, Eva Hoffmann, Philip Marsden und Wladimir Woinowitsch. Für ihre sensible Übersetzung von Tatjana Tolstajas Erzählungsband Stelldichein mit einem Vogel überreichte ihr Ilma Rakusa 1989 bei der VdÜ-Jahrestagung in Bergneustadt den Hieronymusring. In ihrer Dankesrede bezeichnete sie sich selbst, den von ihr übersetzten Nobelpreisträger Brodsky zitierend, als „someone rather private“: als einen Menschen, „der am literarischen Betrieb kaum teilnimmt und für den das private Dasein an erster Stelle steht“ (S. 5).

Ihr privates Dasein, das waren damals in erster Linie ihr Mann und die gemeinsame Tochter. 1975 lernten der Jurist und die Slawistin sich kennen, und was folgte, war eine über fünf Jahrzehnte währende, symbiotische Liebes- und Arbeitsbeziehung. Peter Beisler, der bereits als Jugendlicher Erich Kästner kennenlernte, wacht seit 1974 über dessen Nachlass. Sylvia List gab 1975 die erste Kästner-Anthologie heraus, der ungezählte weitere folgten. Sylvia half Peter immer sehr beim Formulieren seiner langen Schriftsätze – und dass er sich je älter, desto vehementer für die Literaturübersetzer*innen einsetzte, ist ebenfalls ihr zu verdanken: Eines Nachts wachte Peter auf, und Sylvia war nicht im Bett. Sie saß am Schreibtisch und arbeitete, wieder mal, für den üblichen Hungerlohn. „So geht’s nicht weiter!“, dachte er – und das war der Startschuss für die vielen von ihm geführten Prozesse für eine angemessene Vergütung.

Auch mich vertrat die Kanzlei Beisler & Struppler, und über den Austausch über die langen Schriftsätze und den sieben Jahre währenden Rechtsstreit lernten wir uns kennen. Wir wurden neugierig aufeinander, und so kam es irgendwann auch zu gegenseitigen privaten Besuchen. Sylvia übersetzte damals schon fast gar nicht mehr und widmete sich primär als Herausgeberin dem Werk Erich Kästners.

Wie verbunden sie dem VdÜ war, wurde mir eindrücklich bewusst, als ich im letzten Jahr eine WhatsApp von ihr bekam: „Ich vermisse deine Nachrichten an die Übersetzer“, schrieb sie, „und denke mir, dass der Krebs Dich zu viel Kraft kostet.“ Auf diese Weise erfuhr ich von ihrer Erkrankung, und dass sie in palliativer Behandlung war. Es hat mich sehr gerührt, von ihr über ihr bevorstehendes Lebensende zu hören.

Sylvia wurde gut betreut. Sie versuchte, „das Ganze einigermaßen heiter und gelassen zu nehmen“. Bis ganz zum Schluss hat sie gearbeitet. Nicht, weil sie es musste. Sondern weil sie es wollte. Die Literatur war ihr Leben. Im neunten Jahrzehnt ließ sie es los. Peter hielt ihre Hand.

Marieke Heimburger (im September 2026)

Sylvia List-Beisler wurde am 14. Oktober 1941 in Hamburg geboren und verstarb am 2. Januar 2026 in München.

(19.9.2026, aktualisiert 5.10.2026)