Wolfenbüttel 2010

 

Fotos: Momentaufnahmen vom 7. Wolfenbütteler Gespräch

 

7. Wolfenbütteler Gespräch 2010
vom 11. bis 13. Juni 2010


Nun ist es amtlich: Literaturübersetzer sind eigentlich Verwaltungsangestellte. Diese folgenschwere Entdeckung machte Stadtrat Thorsten Drahn, als er sich in Vorbereitung seiner Begrüßungsrede am Freitagnachmittag über den Vau-de-Ü informierte. Ebenso unsichtbar wie seinesgleichen seien die im Verborgenen wirkenden Spracharbeiter, und als unsere Jahrestagung dann im Wolfenbütteler Schaufenster auch noch unter der Überschrift „Literaturübersetzer arbeiten und feiern“ angekündigt wurde, waren letzte Zweifel ausgeräumt. „Sehen Sie, wie im Rathaus!“, entfuhr es dem Herrn Stadtrat.

Diese frappierende Übereinstimmung mag den gutgelaunten Thorsten Drahn mit bewogen haben, Hinrich Schmidt-Henkel eine Stelle im Wolfenbütteler Stadtmarketing anzubieten – vorausgesetzt, er verwechsle bitte niemals und unter gar keinen Umständen Wolfenbüttel mit Wolfsburg. Der eigentlich Grund jedoch war, dass der VdÜ-Vorsitzende in seiner Begrüßung so viel Werbung für Wolfenbüttel gemacht habe wie noch kein Auswärtiger zuvor.

Rund 170 Literaturübersetzer und auch Lektoren hatten sich zum siebten Mal in die beschauliche und überwiegend sonnige Lessingstadt aufgemacht, um erstens die Einheimischen mit ihrem traditionellen Konzert für 170 Rollkoffer auf Kopfsteinpflaster aus der Ruhe zu schrecken, sich zweitens in der Kommisse zu Kaffee, Keksen und juchzenden Umarmungen einzufinden, sich drittens zu Verwaltungsangestellten erklären zu lassen, viertens allen am Zustandekommen der Tagung Beteiligten mit viel Applaus zu danken, fünftens die aus dem Wolfenbüttel-Team scheidende Claudia Steinitz mit extra Dank und Geschenken zu bedenken sowie sechstens dem Eröffnungsvortrag von Klaus Reichert über „Das Un-Angemessene der Übersetzung“ zu lauschen. So weit der Freitagnachmittag. Der allerdings anders ablief als geplant. Für den spurlos verschwundenen Referenten sprang nämlich spontan Hartmut Fähndrich ein und hielt mit gelegentlichem Blick auf kleine, für „allfällige Gedanken“ stets vorrätige Zettelchen einen hinreißenden Vortrag über das Bild des Orientalen in der westlichen Welt.

Das zentrale Orient-Klischee speist sich nach wie vor aus den Geschichten aus Tausendundeiner Nacht – die zum Teil aus europäischer Feder stammen: Der französische Orientalist Antoine Galland, der Anfang des 18. Jahrhunderts die erste europäische Übersetzung von Tausendundeiner Nacht besorgte, fügte der Sammlung – nach Überlieferung eines syrischen Gewährsmanns – jene Geschichten hinzu, die bis heute Europas Bild vom Orient prägen, namentlich die von Aladin, Sindbad und Ali Baba. Eine europäische Erfindung also, die auf ungeheuer fruchtbaren Boden fiel. Die Aufklärung, der der Islam als rationalste aller Religionen galt, und die Romantik mit ihrem Rekurs auf das Mittelalter verfestigten die Tradition, den Orient als idealen, geographisch wie zeitlich in sicherer Entfernung gelegenen Traumort zu begreifen. So wird auch heute noch, in einer beharrlichen Mischung aus Angst und Exotismus, die Gegenwart weitgehend ausgeblendet, Verlage suchen weiter nach Tausendundeiner Nacht, und Bemühungen, zeitgenössische arabische Literatur an den Verleger zu bringen, werden gerne mal mit der ratlosen Frage quittiert: „Aber Herr Fähndrich, wo bleibt denn da der Orient?“

Den Anpfiff zur Fußballweltmeisterschaft überstand dieser Vortrag unbeschadet.

Nach üppiger Stärkung im direkt am Bahnhof gelegenen Chinarestaurant Wok-In zog die Gemeinde zum Lesefest in die Schünemann´sche Mühle, wo auf vier Etagen insgesamt sechzehn Bücher vorgestellt wurden. Dank haarscharfen Timings konnte man sich in der Pause mit Getränken versorgen und das Leselokal wechseln – vom Mühlenfoyer, in dem Geister und Vampire ihr Unwesen trieben, unters Theaterdach, wo „seitenweise Musik“ erklang – von Klassik über Jazz bis Rock, in diesem Jahr die Alternative zur Lyrikecke –, oder vom Wintergarten im zweiten Stock, der populärwissenschaftlichen Sachbüchern vorbehalten war, geradewegs ein Stockwerk runter zu vier gestandenen Kolleginnen und Kollegen, die je einen Meilenstein ihrer Laufbahn vorstellten und ihre Lesung mit biographische Anekdoten sättigten. Danach, wie immer ohne Rücksicht auf samstägliche Verluste, zum kollektiven Wildbachübertönen bei Wein und Wasser vor der Mühle.

Die alljährliche Odyssee zur KuBa-Halle am Samstagabend – man rottet sich frühzeitig vor der Mühle zusammen, schreitet beherzt los, verliert sich im Gespräch, schreitet beherzt weiter, steht irgendwann in der Wolfenbütteler Pampa, fragt sich durch („Wo ist denn hier die KuBa-Halle? Hier? Nee, ganz woanders – wollen Sie zu Fuß ...?“) und landet gerade noch rechtzeitig zur Preisverleihung im Festsaal – bot auch diesmal wieder ausgiebig Gelegenheit, sich über die Workshops des Tages auszutauschen: Das diesjährige Programm hatte eine Menge Erleichterung verschafft (man kann sich die Bibel so hinbiegen, wie man sie braucht! Auch erfahrene Profis machen sich vor einer Moderation ins Hemd! Jetzt weiß ich endlich, wie man Bewerbungen schreibt!), beim Basteln von Limericks und Schüttelreimen sowie der Umwandlung von Bildern in Worte kreative Schübe ausgelöst, intensiven Austausch in kleineren (französischen und arabischen) und größeren (englischen) Sprachrunden geboten, für Streit gesorgt (was bringt es Übersetzern, Verlagen bei der Vermarktung ihrer Bücher zu helfen? Brauchen wir sprachtheoretische Eingangsreferate, um Dialektfragen zu erörtern?) sowie beträchtliche Schneisen durchs Tempus-Dickicht geschlagen. Des Weiteren wurden die Besonderheiten der Kinder- und Jugendbuchübersetzung diskutiert, im Internet recherchiert, das Verhandlungsgespräch geübt und im Taiji/Qigong Schreibtischnacken entknotet. Die wenig später auf der Tanzfläche wieder wild geschüttelt wurden.

Zuvor jedoch die feierliche Verleihung des Helmut-M.-Braem-Preises 2010 an Vera Bischitzky! Bevor Susanne Höbel in ihrer Funktion als Präsidentin des Freundeskreises zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V. die Urkunde überreichte, wies sie darauf hin, dass der Börsenverein, der bislang den mit 12.000 Euro dotierten Preis zur Hälfte mitgetragen hatte, seine Unterstützung entzogen habe und der Freundeskreis nun allein auf Spenden angewiesen sei. Auf die Preisträgerin mussten wir aber entgegen anderslautenden Voraussagen nicht verzichten – der russischen Botschaft sei Dank, die Vera ein Visum für die geplante Russlandreise verweigert hatte. Stattdessen nun also Wolfenbüttel, mit Blumen, Sekt und Lesung und einem Gespräch mit Burkhart Kroeber, der Vera Bischitzky zu ihrer Neuübersetzung von Gogols Tote Seelen befragte.

Hatten die zahlreichen Vorgänger den Roman noch gleichsam nacherzählt und geglättet, lag dieser Neuübersetzung das Bestreben zugrunde, dem Original mitsamt seiner eigenwilligen Zeichensetzung, seinen Schachtelsätzen und Wortwiederholungen, mit Sperrigkeiten und Widersprüchen nahe zu kommen. Dass gerade daraus Lesegenuss entstehen kann, davon bekamen wir bei der anschließenden kurzen Lesung eine lebhafte Ahnung. Auch von der beschwerlichen und oftmals abenteuerlichen Realiensuche bekamen wir einen Geschmack, nämlich anhand der Jagd nach einer selbst in Russland weithin unbekannten und allemal unübersetzbaren Piroggenart.

Keine Piroggen, sondern Asiatisches und Mediterranes vom Buffet sorgten schließlich für die nachträgliche Grundlage zum Preissekt, bevor die tagungserprobten DJs Lang & Scheidt die Kopfarbeiter auf die Füße scheuchten. Es wurde getanzt, bis die Socken qualmten, und auf welchen Umwegen man zu welcher frühen Stunde ins Hotel fand, lieferte wie jedes Jahr den Gesprächsstoff beim Katerfrühstück am Sonntagmorgen.

An dem sich die Gemeinde ein letztes Mal in der Kommisse versammelte und sich für eine beschwingte Tagung bedankte: mit je einer roten Rose beim Organisationsteam Susanne Höbel, Brigitte Jakobeit, Karen Nölle, Claudia Steinitz und Geburtstagskind Michael Zillgitt; bei Tanja Handels und Stefanie Jacobs für das Lesefest, Katy Derbyshire und Steph Morris für die Musik. Vor dem krönenden Tagungsabschluss dann eine Premiere, nämlich die Übergabe des Übersetzerstipendiums des Landes Niedersachsen an Werner Schmitz (Übersetzer von Paul Auster, Philip Roth u.a.) durch Heike Fliess vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Und schließlich das traditionelle Sonntagspodium: Ein bestens aufgelegter und wunderbar lesender Wilhelm Genazino traf seine Französischübersetzerin Anne Weber und seinen Niederländischübersetzer Gerrit Bussink, und Hinrich Schmidt-Henkel ließ Zweifel an der Workshop-Erkenntnis aufkommen, dass alle Moderatoren nervös sind. Die Liebesblödigkeit stand auf dem Programm und war natürlich Programm, denn schon der Titel ist unübersetzbar und im Roman außerdem Gegenstand eines ebenso unübersetzbaren Wortspiels. Wir lauschten den beiden Übersetzern beim lustvollen Stolpern über unzumutbare Komposita wie Erdnusskollern, Liebesverblödung und Altersanhänglichkeit und köstliche Freud´sche Verleser wie Enderektion für Endredaktion, Todbrot für Toastbrot. Gerrit Bussink bekräftigte seine Freude darüber, in seiner Sprache auch endlich einmal Substantive zusammensetzen zu dürfen, und berichtete von seiner Arbeitsweise, einen seiner drei Durchgänge, die „kreative Runde“, auf Band zu sprechen, da man den schlechten Satz erst beim Sprechen erkenne. Er pendelt zwischen Amsterdam und Wien, und nein, er hat keine Angst, dass sein Deutsch in Österreich vor die Hunde geht.

Die gebürtige Deutsche Anne Weber pendelt nicht, sondern lebt seit knapp dreißig Jahren in Frankreich – allen Widrigkeiten zum Trotz: In der Schule war sie nämlich eher mittelmäßig, und das alles nur wegen der Klassenbesten, die ihr den ersten Rang streitig gemacht hat. „Britta hieß die.“ Das Britta-Trauma ist überwunden, Anne Weber übersetzt ins Französische, schreibt Romane und übersetzt sie selbst – früher vom Französischen ins Deutsche, heute vom Deutschen ins Französische. Und warum? Weil sie kein großes Vertrauen in Übersetzer habe. (Was sich, so Hinrichs Einwurf, ja eigentlich nur aus der eigenen Praxis erklären könne ...) Beim Übersetzen der eigenen Romane nehme sie sich weit größere Freiheiten heraus als beim Übersetzen fremder Texte, beide Versionen würden kürzer und besser – woraus sie schließt, dass erstens Autoren mal ihre eigenen Bücher übersetzen und zweitens Übersetzer mehr Freiheit haben sollten.

Selten wurde so viel gelacht, auf dem Podium wie im Publikum. Es ist eben, wie Wilhelm Genazino sagt: Die Welt ist auch ironisch gemeint, man muss aber durch den Ernst durchgehen, um zur komischen Empfindung zu gelangen.

Und zu guter Letzt ein Aufruf: Zur Verstärkung des Wolfenbüttel-Teams für die Tagung im kommenden Jahr (17. bis 19. Juni 2011) wird „ein peppiger junger Mann gesucht, der nicht nur aus dem Englischen übersetzt“. Damit wäre Britta schon mal aus dem Rennen.


Miriam Mandelkow




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