Wolfenbüttel 2009

 

Fotos: Momentaufnahmen vom 6. Wolfenbütteler Gespräch

 

6. Wolfenbütteler Gespräch 2009



Es ist schon längst Tradition: Einmal im Jahr erfüllt das vielfache Rattern von Rollkofferrädern auf Kopfsteinpflaster das niedersächsische Städtchen Wolfenbüttel, und man malt sich gerne aus, dass sich die Anwohner denken: „Aha, da sind sie wieder, die Literaturübersetzer.“ Zum sechsten Mal fand die Jahrestagung, der schönste jährliche Fixpunkt im Übersetzerkalender, diesmal vom 5. bis 7. Juni, dort statt, und Wolfenbüttel empfing uns so gastlich und freundlich wie eh und je.


Nach fröhlichem Wiedersehen in der Kommisse eröffnete Hinrich Schmidt-Henkel, der neue Vorsitzende des VdÜ, die Tagung mit seiner Begrüßung – und einer Überraschung: Zum ersten Mal wurde zwei Kolleginnen die frisch geschaffene Ehrengabe des VdÜ zuteil, die der Vorstand von nun an für besondere Verdienste um den Verband und das Übersetzen verleiht. Rosemarie Tietze erhielt die Ehrung, die aus einer Dankesurkunde sowie einem Sachgeschenk besteht, für die Gründung und den langjährigen Vorsitz des Deutschen Übersetzerfonds und bekam dafür zwar keinen Lorbeerkranz, aber doch ein Lorbeerbäumchen überreicht. Gertraude Krueger, die zehn Jahre lang mit großem Einsatz und Erfolg die Jahrestagungen nicht nur in Wolfenbüttel, sondern zuvor auch in Bensberg mitorganisiert hat und sich mit der diesjährigen Tagung aus dem Organisationsteam verabschiedet, wurde ebenfalls geehrt – mit einem Sonnenschirm, dessen kleiner, transportfreundlicher Platzhalter später noch in einen großen umgetauscht werden soll. Gertraude, die das Gesicht „unseres“ Wolfenbüttels entscheidend mitgeprägt hat, sei auch hier noch einmal von Herzen gedankt für die vielen schönen Tagungen der letzten Jahre!


Nach einem Grußwort der Stadt Wolfenbüttel, in diesem Jahr vertreten durch den Vorsitzenden des Vereins Kulturstadt e.V., Professor Dr. Christoph Helm, erwartete uns die ebenfalls traditionsreiche Freitagnachmittagsveranstaltung, die in diesem Jahr aus zwei Teilen bestand. Zunächst stellte sich die neugegründete Weltlesebühne vor, ein von der Robert Bosch Stiftung geförderter Verein, zu dem sich Übersetzer aus mehreren Städten (derzeit sind es Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln und Zürich) zusammengeschlossen haben, um in Lesungen und Werkstattgesprächen Übersetzer und ihre Arbeit der Öffentlichkeit näher zu bringen. Dem folgte eine „thematische Plauderei“ des großen Joyce-Kenners und Direktors der Zürcher James Joyce Foundation Fritz Senn zum „Konstruktiven Missbrauch der Übersetzung“. Senn, der sich selbst nicht als „Über-“, sondern als „Auseinandersetzer“ bezeichnet, „missbrauchte“ in seinem Vortrag Beispiele aus Joyce- und anderen Übersetzungen, um uns auf hinreißend hellsichtige und unterhaltsame Weise die Grenzen unseres Tuns aufzuzeigen: all die vielen Dinge, die beim Übersetzen unter den Tisch fallen müssen, weil sie sich schlicht und einfach nicht übersetzen lassen. Manches Wortspiel sei nicht bloß „schwierig“, sondern eben einfach unmöglich zu übersetzen, machte er uns in seiner selbstgewählten Eigenschaft als „kalte Dusche vom Dienst“ deutlich, beispielsweise anhand seines Lieblings-pun, der Schlagzeile einer irischen Tageszeitung zum Monty-Python-Film Das Leben des Brian: „He That Is Without Sin, Stone The Cast First“.


Derart ernüchtert und beschwingt zog die Wolfenbütteler Gesellschaft zur abendlichen Stärkung an den stadteigenen Sommerstrand „Laguna Beach“, der uns empfindlich mit dem einzigen Manko des Wochenendes in Kontakt brachte: dem so gar nicht frühsommerlichen, unwirtlichen, ja geradezu eisigen Wetter. Am frühen Freitagabend konnte man dort LiteraturübersetzerInnen beobachten, die in alle verfügbaren Pullover, Jacken und Schals gemummelt unter Heizpilzen vor (!) dem Restaurant saßen und sich unverdrossen gut gelaunt die bereitgehaltenen Köstlichkeiten schmecken ließen. Später ging es weiter zum Lesefest in der Schünemann’schen Mühle, wo auf vier Bühnen „Mein Lieblingsbuch“, „Allzu Menschliches“, „Poetisches“ und Literarisches „Unter 18“ vorgestellt wurde. Mitsamt der anschließenden Geselligkeit bei Wein, Grissini und Mühlbachrauschen war die Vorstellung eigener Werke von Kollegen für Kollegen auch in diesem Jahr der erste Höhepunkt der Tagung, obwohl trotz schön gestalteter Plakate und Flyer wiederum praktisch keine Wolfenbütteler „Zivilisten“ gesichtet wurden.


Der Samstag gehörte wie immer den Workshops: Vom Fluchen auf Spanisch und Italienisch über die intensive Auseinandersetzung mit Partikeln und die Schulung der Selbstwahrnehmung als Unternehmer bis hin zu Einblicken in das Arbeitsleben eines Profilers und Anleitungen zum entspannten Arbeiten gab es auch in diesem Jahr ein vielfältiges, buntes Angebot, das die Auswahl gar nicht leicht machte. Erstmals war auch ein ganztägiger Workshop dabei: die Schreibwerkstatt von Helmut Frielinghaus, aus der nach einer theoretischen Einführung am Vormittag in der Mittagspause einige bemerkenswerte Texte zum Thema „Ein Morgen in Wolfenbüttel“ entstanden, die am Nachmittag vorgelesen und besprochen wurden – mit dem Fazit: Auch Übersetzer und Lektoren können schreiben, und zwar exzellent (im Anhang ist deshalb der Text von Mirjam Madlung nachzulesen, der die WerkstattteilnehmerInnen besonders beeindruckt hat). Und: Jeder schreibt immer so, wie er oder sie schreiben muss – da braucht man sich gar nicht so viele Gedanken zu machen.


Nach der intensiven Arbeit des Tages gehörte der Samstagabend dem wohlverdienten Feiern, das zunächst mit dem offiziellen Festakt begann: In der KuBa-Halle wurde der Hieronymus-Ring feierlich von Susanne Lange, die ihn vor zwei Jahren für ihre Neuübersetzung des Don Quijote erhielt, an Ulrich Blumenbach weitergegeben, als Auszeichnung für sein gerade vollendetes opus magnum, der Übersetzung von David Foster Wallace’ Infinite Jest (Unendlicher Spaß). Die Festreden beider Ringträger werden in der Herbstausgabe der Zeitschrift Übersetzen nachzulesen sein. Nach dieser anrührenden Zeremonie verging der Abend unter Essen (das Buffet war auch in diesem Jahr wieder ebenso reichhaltig wie köstlich), Trinken und intensiven Gesprächen, und zu späterer Stunde tobten sich die Tanzwütigen unter den KollegInnen zur kundigen Beschallung von DJ Steph Morris und DJane Katy Derbyshire (aka DJs Lang & Scheidt) bis in die frühen Morgenstunden auf der Tanzfläche aus.


Trotz der zweiten langen Nacht in Folge fanden sich am Sonntagmorgen alle zur großen Abschlussveranstaltung wieder in der Kommisse ein: Ingo Schulze traf auf seine Übersetzer John E. Woods (Englisch) und Lídia Nádori (Ungarisch) und unterhielt sich mit ihnen in einem von Susanne Höbel moderierten Werkstattgespräch über die Übersetzung seines Romans Neue Leben. Die Problematik der Übersetzung von Dialekten (in diesem Fall Ost und West) kam ebenso zur Sprache wie das Übersetzen von Eigennamen oder das Thema Recherche und Erklärungen für den fremdsprachigen Leser: Soll man in einen Roman, der bereits zahllose Fußnoten eines fiktiven Herausgebers enthält, noch weitere Fußnoten des Übersetzers einbauen? Ingo Schulze, der kürzlich im Europäischen Übersetzerkollegium Straelen eine Übersetzerwerkstatt zu seinem neuen Buch Adam und Evelyn mit Übersetzern in 17 Sprachen abgehalten hat, bewies große Wertschätzung für seine Übersetzer (wobei er sympathisch-ironisch konstatierte, die Steigerung von „Besserwisser“ sei eindeutig „Übersetzer“): „Als Autor braucht man die Übersetzer, weil sie so viel merken. Eigentlich müsste ein Buch immer erst übersetzt werden, bevor es auf Deutsch erscheint.“


Nach diesem wunderbaren Abschluss einer rundum gelungenen Tagung machten sich die Literaturübersetzer wieder rollkofferratternd auf den Heimweg und verließen Wolfenbüttel bis zur Rückkehr im nächsten Jahr. Fritz Senn hatte uns am Freitagnachmittag mit der Feststellung in den Abend entlassen, die Welt sei nicht geschaffen worden, um Übersetzer glücklich zu machen. Nun, die Welt vielleicht nicht – aber Wolfenbüttel schon!


Tanja Handels, im Juni 2009



ANHANG: Ein Beispiel aus der Schreibwerkstatt


wolfenbüttel, morgen, heute

morgen


werde haben schlecht geträumt. habe schlecht geträumt.

ich ging ins gericht, mit mir, ins eine, dann ins andere gericht. war der bote, der büttel. bei mir ein häscher, ohne gesicht. wir, ich und ich, trugen nachrichten her und nachrichten hin, sie wurden uns unterwegs zu befehlen. gehorchen soll ich, der büttel, dem wolf.

ich weiß zu wenig über wölfe.


heute


schafskälte – ziegensommer – affenhitze – hundstage – katzenjammer – wolfenbüttel.

wo der büttel, wo der wolf.

und wohin führen die notate: von der kommisse gleich zum sultan.

auf dem weg dorthin ein august, hoch, neben seinem pferd am wasser. alt scheint er nicht geworden. geduckt unters fachwerk – da, ein bodentier. schnürt auf mich zu, klein, gedrungen, auf menschlichen beinen – und zieht vorbei. es war ein ordnungshüter, bemützt und verlegen. am frühen morgen gibts noch nichts zu sagen und nichts zu hüten. die symbole sind unter kontrolle. keiner trägt eine weiße mütze zum zeichen der trauer.

ich finde trost auf dem stadtmarkt.

wolfenbüttel ist ein annehmliches gesamtkunstwerk.

man halte hier inne.

 

der sultan spricht kein deutsch. er kommt von weit her, aus dem osten, und lebt erst seit zwanzig jahren hier. sein gesicht ist weich und buttrig, ein leichter unterbiss, die wangen kindlich rosig, er lächelt sanft und setzt sich durch. sein gefährte ein deutscher, auch er über sechzig, erledigt das frühstück und besteht auf ordnung. jeder gedeckte platz gehört zu einer zimmernummer. man soll nicht tauschen und nicht wandern. der chef kommt gleich, sagt er zu neuen gästen, stellt sich an die treppe und ruft laut, erstaunlich laut, SULTAN ins dunkle hinauf, und von weit her kommt gedämpft, wie von kissen gedämpft, die antwort JA JA. sauber riecht es in den zimmern, nach einer extraportion waschmittel von aldi.

 

hier. jetzt

es geht nicht los. ein erster satz muss nicht der erste sein. es sterben andere leute. manche machen sich auch notizen. wenn die sprache übergeht – wohin. in eine innere haltung. dichter haben das herz mit irgendetwas voll, dann fließt die feder ihnen über.


der schriftsteller bedarf der pflege.

ein ungesungenes leben ist ein nicht gelebtes leben ist ein totes leben ist ein nicht. schläft kein lied in diesen dingen.

wie kommt man in sein skelett hinein, wir drücken uns gerne aus in klischees und nutzen die syntax.

wer erzählt hier eigentlich. ist das ich, dann könnte was draus werden.

ich weiß zu wenig über wölfe.

am ende bedenken: dies sei erst der anfang.

 

mirjam madlung

wobü 6.6.09



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