Nachlese: Berichte über die Veranstaltungen am Internationalen Übersetzertag 2009

Berlin | Bremen | Frankfurt / Main | Freiburg | Hamburg | Köln | Leipzig | Zürich

 

Berlin:

Museum der Unerhörten Dinge, Crellestr. 5-6, 10827 Berlin-Schöneberg

Am 30. 9. lasen Karin Uttendörfer & ich in einem Übersetzer-"Pas de Deux". Es war sehr angenehm, intim in dem kleinen Museum, vor 15 äußerst interessierten Besuchern, und bis auf eine Französin waren keine Kollegen darunter.

Unser Programm, schwedisch-französisch-schwedisch, war insgesamt sehr kurzweilig und bot Lyrik (mit eingestreutem Hörbuch, mehrstimmig), Prosa, Dialog und Lied. Ein kleines Gespräch mit dem Publikum über übersetzerische Probleme folgte, was Museumdirektor Roland Albrecht am spannendsten fand.

Klaus-Jürgen Liedtke

 

Buchhandlung Leseglück, Ohlauer Straße 38, 10999 Berlin-Kreuzberg: Katrin Harlaß spricht über Tiefen und Untiefen beim Übersetzen und liest aus Jacques Cousteau/Susan Schiefelbein „Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus“

Meine beiden ausgesprochen zauberhaften und engagierten Gastgeberinnen Eleni und Susan teilten ihre kleine, aber feine Buchhandlung "Leseglück" in Berlin-Kreuzberg mit mir und unseren Gästen. Trotz später Stunde und Regens war nur ein einziger Platz leer geblieben. Nach einer Einleitung von mir zum besonderen Anlass hatte ich gespannte und interessierte ZuhörerInnen, die meisten von ihnen nicht selbst Übersetzer und daher besonders neugierig in Bezug auf alle Facetten unseres Berufsstandes. Staunen rief vor allem meine Demonstration des mühevollen Weges vor, den wir bei der Namensnennung schon zurückgelegt haben, nämlich vom Kleingedruckten im Impressum aufs Titelblatt (zumindest der meisten Ausgaben). Aber auch die Erwähnung anderer Tatsachen, zum Beispiel der, dass 12 der derzeitigen Spiegel-Bestseller Übersetzungen sind oder der, was 2.000 Euro Umsatz im Monat für eine/n freiberufliche/n ÜbersetzerIn wirklich bedeuten (an dieser Stelle nochmals Dank an die Verfasser der hilfreichen Broschüre des VdÜ zum Thema!) verfehlte nicht ihre Wirkung. Als ich anschließend noch in der Dante Connection vorbeischaute, war dort immer noch eine rege Diskussion im Gange. (...) Alles in allem ein sehr gelungener Auftakt, der Lust auf mehr gemacht hat - den Zuhörern/unseren Lesern, den GastgeberInnen und auch mir selbst. Die ersten guten Ideen für 2010 gibt es schon.

Katrin Harlaß

 

Kollwitz-Buchhandlung, Danziger Straße 59, 10435 Berlin-Prenzlauer Berg: Blanka Stipetic, Will Firth, Ines Sebesta und Cornelia Marks servieren „Balkansalat“ – Neue Literatur aus Bulgarien, Bosnien, Kroatien und Mazedonien

Unsere BALKANSALAT-Lesung gestern Abend war nett, wenn auch mit 12 Gästen etwas schlechter besucht, als ich erwartet hatte. Zu einem Zeitpunkt, als 10 Besucher gekommen waren, haben wir festgestellt, dass alle Anwesenden (bis auf den Gast gebenden Buchhändler) ÜbersetzerInnen sind!! Wenn das Hauptziel der Lesung und des Internationalen Übersetzertags darin besteht, Außenstehenden einen Einblick in unsere Tätigkeit zu geben, haben wir das Ziel also klar verfehlt. Dafür war der Austausch nach und zwischen den vier Lesebeiträgen umso spannender: es ging u.a. um die (Nicht-)Übersetzbarkeit slawischer und deutscher Flüche, um Organisationsansätze bei ÜbersetzerInnen kleiner Sprachen usw. Bis nach Mitternacht wurde das Gespräch in einer nahe gelegenen Kneipe fortgesetzt. Mein Fazit: Für die Lesung nächstes Jahr müsste ich bzw. müssten wir Balkanskis grundsätzlich einen anderen Ort und/oder ein anderes Werbekonzept wählen, um NichtübersetzerInnen zu erreichen. Außerdem sollen wir unbedingt einen Berliner Übersetzerstammtisch fürs Südslawische ins Leben rufen.

Feedback jeder Art erwünscht!

Will Firth


Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg: Vera Bischitzky liest aus ihrer Neuübersetzung von Nikolai Gogols „Tote Seelen“

Es gab viele schöne, mich beflügelnde Reaktionen, Fragen, Meinungen - wie wichtig das nach 3-jähriger Arbeit am Text ist, muss ich sicher nicht erklären!! (auch später, per e-mail: "Es war ein großartiger Abend!"; "ein schöner, unterhaltsamer und lehrreicher Abend"; "wirklich ein Geschenk für alle, die da waren, weil alle (...) unmittelbar von deiner Begeisterung angesteckt wurden und deine Freude an der Arbeit so spürbar war" usw. Einen Kommentar des Veranstalters möchte ich stellvertretend zitieren, er hat mich besonders erfreut: der Text von "Tote Seelen" klinge auf Deutsch so, als würde man alte Musik auf Originalinstrumenten spielen. Natürlich habe ich auch viel über die Probleme beim Übersetzen dieses eigentlich unübersetzbaren Textes gesprochen, über die drei Jahre Arbeit daran, und auch darüber, warum eine 17. Übersetzung notwendig ist und vor allem - warum man dieses Buch heute immer noch oder gerade auch heute lesen sollte. Von Denis Scheck am 22. September in Stuttgart im Literaturhaus während der Podiumsdiskussion dazu animiert, Weihnachten ins Spiel zu bringen (noch 84 Tage) - hoffe ich, dass ich den Leuten mit meiner Veranstaltung nicht nur einen Blick hinter die Kulissen gewährt habe, sondern ihnen auch Gogol näherbringen konnte, getreu Thomas Manns Devise: "Russland und Deutschland müssen einander besser und besser kennen. Sie sollen Hand in Hand in die Zukunft gehen." In diesem Sinne: Gogol lesen!!!

Vera Bischitzky


Buchhandlung Thaer, Bundesallee 77, 12161 Berlin-Friedenau, Hinrich Schmidt-Henkel liest aus Jean Echenoz „Ravel“ (Roman) und Jo Nesbö „Doktor Proktors Pupspulver“ (Kinderbuch)

Die Buchhändlerin hier um die Ecke war freudig überrascht (Buchhandlung Thaer, Bundesallee), denn alle Plätze waren besetzt, es gab ein lebhaftes Gespräch, so lebhaft, dass der Lesungsteil zurücktrat (es gab ihn aber, und es war lustig, dass das insgesamt eher ältere Publikum sich bei dem Kinderbuch von Jo Nesbö, Doktor Proktors Pupspulver, vor Lachen ausschüttete). Nebeneffekt, für den Laden wünschenswert: Viele Besucher haben hinterher das eine oder andere Buch gekauft.

Eines wurde ganz sicher erreicht, nämlich dass alle, die da waren, ein Bewusstsein für das Übersetztsein von Literatur bekommen haben und das auch weitertragen wollen. Aus dem Publikum wurde spontan die Forderung laut, dass Übersetzer/innen/namen aufs Cover gehörten. Nach den Bedingungen unserer Arbeit wurde viel gefragt; und es war eine Geschäftsfrau da, die, als ich sagte, "Die Kaufleute unter Ihnen wissen, was 2000 Euro/Monat Umsatz bedeutet" - selbst laut sagte, "Ja, keine 1000 Einkommen".

Die Chefin dort ist eine recht engagierte Buchhändlerin, die selbst einiges gelernt hat; so hängt sie jeden Monat ein Blatt mit der Beschreibung des "Buchs des Monats" ins Schaufenster; bis vor einiger Zeit wurden darauf die Übersetzenden nicht genannt: Das hat sich geändert (nicht erst durch den Hieronymus- und Internationalen Übersetzertag).

Hinrich Schmidt-Henkel


Theater Ballhaus Ost, Pappelallee 15, 10437 Berlin-Mitte: Szenische Lesung der Gruppe „Drama Panorama“


Drama Panorama

Berlin, Drama Panorama im Ballhaus Ost: Andreas Rüttenauer (Kabarettist, ehemals Kabarett Fernrohr), Axel Strothmann (Schauspieler, Theater Magdeburg) und Henning Bochert (Schauspieler, Raum4) tragen Theaterübersetzungen vor.
(Foto: Kamila Zimmermann)


Unter Theatermachern, Dramaturgen, Verlegern und Übersetzern hat sich schon herumgesprochen, dass im Ballhaus Ost auf zwanglose Art sehr viele Theaterinteressierte miteinander über die Übersetzung ins Gespräch kommen. Es haben sich schon einige Projekte von den dortigen Cafés ausgehend entwickelt, so gibt es jetzt eine Kooperation mit dem Festival „Voices of change“, aber auch Inszenierungen wurden nach Deutschland eingeladen, Übersetzungen in Auftrag gegeben und vieles mehr.

Unsere Lesung im Ballhaus Ost „Die allgemeine Verunsicherung oder wissen Sie eigentlich, wen Sie lesen?“ fand als Sondercafé zum Internationalen Übersetzertag am Nachmittag statt. Die Kinder haben sich bei russischen und tschechischen Zeichentrickfilmen sehr gut amüsiert, während Molière, Tschechow und Shakespeare von Schauspielern in 4 verschiedenen Übersetzungen gelesen wurden. (Axel Strothmann, Henning Bochert, Goesta Struve-Dencher, Andreas Rüttenauer u.a.) Da die Übersetzungen teilweise mehr als hundert Jahre auseinander lagen, war ihre Darbietung unter übersetzerischem Aspekt sehr spannend, und es gab viel belustigtes, herzliches und ungläubiges Gelächter, wenn zum Beispiel in Tschechows „Möwe“ gesagt wurde:
- ich lebe nach der Schnur, wir man so sagt!
- ich reiße mich am Riemen, wie man so sagt!
- ich halte auf mich, wie man so sagt
und so weiter ...

Die Lesung hatte schon im Rahmen der Langen Nacht der Wissenschaft großen Anklang gefunden, und im Anschluss an den Internationalen Übersetzertag wurden wir bereits wieder im November in die Berliner Ost-West-Akademie eingeladen, wo wir ein staunendes Publikum auf unterhaltsame Art und Weise mit der Problematik und den Besonderheiten der Dramenübersetzung konfrontierten. Auch hier folgte eine lange Diskussion über die Übersetzbarkeit von Dramen, die Treue, die Freiheit und die Bezahlung der Übersetzerinnen …. Wir konnten das Publikum in allen Aspekten sehr erstaunen und sensibilisieren.

Wir freuen uns über weitere Auftritte, bei Interesse kann man sich an Drama Panorama oder mich direkt wenden.

Yvonne Griesel
(Konzept der Lesung: griesel@sprachspiel.org )
www.drama-panorama.com

Buchhandlung Dante Connection, Oranienstraße 165, 10999 Berlin-Kreuzberg: „Hieronymus zu Gast bei Dante“. Ein romanischer Abend

Gestern sind Martina Kempter, Marianne Gareis, Christian Hansen und ich als Combo in der Kreuzberger Buchhandlung "Dante Connection" angetreten, mit einem Streifzug durch die romanische Literatur (Saramago, Pauls, Savinio, Delecroix) - und es fing schon sehr schön an, denn die Buchhändlerin Stefanie Hetze hatte nicht nur das - große - Schaufenster ausschließlich mit Übersetzungen dekoriert, sondern sämtliche Übersetzernamen auf Folie ausgedruckt, so zieren rund 50 Namen aus der Zunft eine große Fensterscheibe in der Oranienstraße.

Bei der Begrüßung hat sie uns dann einen Teil der Arbeit abgenommen, mit der Bemerkung, ihr sei durch die Schaufenstergestaltung aufgefallen, dass ihr (zum Bersten mit Büchern angefüllter) Laden praktisch leer wäre, ohne Übersetzungen.

Sonst: Kleines, aber interessiertes Publikum, das an allen richtigen Stellen gelacht hat (es gab etliche) und tapfer über zwei Stunden zuhörte, anschließend wurde Wein aus Argentinien, Frankreich, Italien und Portugal zur Stärkung gereicht und angeregt geplauscht, die letzten haben die Buchhandlung zur Geisterstunde verlassen.

Fazit: Übersetzer können einen anregenden Abend gestalten und die deutschen Erstausgaben zum Strahlen bringen, das sollte den Verlagen unbedingt stärker angetragen werden, die ja immer seltener die Mittel aufbringen, die Original-Autoren einzufliegen. Ich selbst habe große Lust bekommen, die Bücher zu lesen, die Martina, Marianne und Christian gestern vorgestellt haben.

Ach ja: Frau Hetze hat bald wieder eine Übersetzerin zu Gast in ihrer Buchhandlung - und wir (die gestrige Combo) möchten die Dante Connection gern als Kandidatin für die Übersetzerbarke vorschlagen.

Patricia Klobusiczky


Bremen:

Buchhandlung Leuwer, Am Wall 171, Bremen: „Übersetzer packen aus“

Fünf Kolleginnen und Kollegen boten einen Mix aus Lesung, Erfahrungsberichten, Werkstatteinblicken und Döntjes. Das etwa 30- bis 40-köpfige Publikum, in dem zwar auch, aber beileibe nicht nur Angehörige unserer Zunft saßen, lauschte aufmerksam und sehr interessiert und trug mit Fragen und Vorschlägen zum Gelingen der Veranstaltung bei - insgesamt war es eine runde Sache, die Lust auf den 30. 9. 2010 macht! Als erfreulichen Nebeneffekt der Veranstaltung konnten wir gestern beim Stammtisch gleich eine neue Kollegin begrüßen.

Kurz vorher war Ina Kronenberger noch zum Interview beim Nordwestradio:

http://tinyurl.com/yk2vlyw

Hedwig M. Binder


Frankfurt / Main:

Die Gläsernen Übersetzerinnen in der Stadtbibliothek (Katharina Schmidt und Barbara Neeb), die im Duo einen italienischen Krimi übersetzten, hatten ein interessiertes und durchaus sprachkundiges Publikum (25-30 Leute), das sich mit Detailfragen und Übersetzungsvorschlägen rege beteiligte.

Hartmut Fähndrichs Vortrag über die "Übersetzerschule von Toledo" im Frankfurter Palmengarten fand - obwohl in den Vorankündigungen der hiesigen Presse sträflich vernachlässigt - ein begeistertes, auch hinreichend großes Publikum und löste eine lebhafte Diskussion aus.

Die Chinesisch-Übersetzerin Karin Betz ließ sich von Holger Ehling im Konfuzius-Institut vor knapp 50 Zuhörern Spannendes und Ungewöhnliches über ihre Arbeit an einem Roman von Mo Yan entlocken. Als abschließend eine Chinesin eine Arie aus diesem Roman im Original vortrug und die Übersetzerin gleich darauf ihre sehr poetische Übertragung folgen ließ, waren alle - sehr zu recht - wahnsinnig beeindruckt.

Über die Stimmung in der Buchhandlung Ypsilon, wo Susanne Baghestani und Ursula Gräfe Übersetzungen vorstellten, höre ich, dass sie bestens war. Auch diese Veranstaltung, die fast überall angekündigt war, war sehr gut besucht.

Mit den Gläsernen Übersetzerinnen und der Veranstaltung im Konfuzius-Institut hat sich in Frankfurt übrigens die Weltlesebühne erstmals vorgestellt. Außer von den jeweiligen Veranstaltungsorten und vom VdÜ wurden wir netterweise vom Insel Verlag und von litprom - Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika unterstützt. Und am (frühen) Morgen durfte ich fünf Minuten lang in hr2 Kultur mit einem Moderator über das "Thema des Tages" plaudern: den INTERNATIONALEN ÜBERSETZERTAG und die prekäre Situation der Übersetzer. Der Hessische Rundfunk hat uns damit also ebenfalls unterstützt.

Birgit Schmitz



Freiburg:

Stadtbibliothek Freiburg, Münsterplatz 17, 79098 Freiburg: „Nach Golde drängt, Am Golde hängt / Doch alles. Ach, wie Armen!“ - eine Gemeinschaftslesung Freiburger Übersetzerinnen und Übersetzer

Zum diesjährigen Hieronymustag am 30. September fand in der Freiburger Stadtbibliothek eine schon traditionelle Gemeinschaftslesung Freiburger Übersetzerinnen und Übersetzer statt. Seit einigen Jahren bereits präsentiert die Stadtbibliothek in zeitlicher Nähe zur Frankfurter Buchmesse eine Ausstellung, bei der neu erschienene Übersetzungen gezeigt werden, die in Freiburg und Umgebung entstanden sind. Auf diese Weise sollen die Urheber der deutschen Buchausgaben ein wenig stärker ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Und seit nunmehr acht Jahren wird diese Ausstellung mit einer Gemeinschaftslesung eröffnet.

In diesem Jahr trug sie den Titel „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, und es ging, wie könnte es in diesen Zeiten anders sein, um das Geld in übersetzten Texten bzw. auch um „kein Geld“ in übersetzten Texten. Elf Textpassagen aus den unterschiedlichsten Werken wurden vorgelesen, thematisch ging das vom Ersteigern von Mustangs über die Finanznöte eines kindlichen Heimausbrechers bis zur bizarren Finanzierung des Woodstock-Festivals, geographisch ging es von Amerika bis zu den „Vereinigten Staaten von Afrika“, von Raga bis nach Kigali, und unter den Autoren waren u.a. Maria Masella, David Gilmour, Andrej Kurkow und Jean-Marie Le Clézio.

Gelesen wurde von den elf Übersetzerinnen und Übersetzern der Texte - Stefanie Fahrner, Beate Thill, Adelheid Zöfel, Birgitta Höpken, Katja Meintel, Christoph Trunk, Tobias Scheffel, Maja Ueberle-Pfaff, Sabine Grimm, Sabine Grebing und Cornelia Holfelder-von der Tann - allerdings las nicht, wie man es vielleicht hätte erwarten können, jede(r) seinen oder ihren Text, sondern jeweils den eines Kollegen. Denn mit der Lesung verbunden war ein Quiz, das Publikum war aufgefordert, die jeweiligen Textpassagen einer Liste mit den Buchtiteln zuzuordnen. Als Hauptgewinn lockte eine (in Freiburg gebührenpflichtige) Jahreskarte der Stadtbibliothek, daneben gab es mehrere Buchpreise.

Insgesamt etwa fünfzig Besucher haben einen, wie es uns schien, unterhaltsamen Abend verbracht, kamen mit einigen von uns ins Gespräch und bereichert wieder nach Hause.

Tobias Scheffel

 

 

Hamburg:


Hamburg, Auftakt in der Bar 439

Hamburg, Auftakt in der Bar 439: Harriet Fricke und die Barkeeperin checken den Sound.
(Foto: Miriam Mandelkow)

Der stimmungsvolle Auftakt am Vorabend des Hieronymustags fand in der kuscheligen kleinen Bar 439 in der Vereinsstraße statt. Auf einem mit rotgeblümtem Stoff bezogenen provisorischen Podest vor dem Tresen lasen, jeweils von Isabel Bogdan anmoderiert, Harriet Fricke aus Peter Guralnicks „Sweet Soul Music“, Brigitte Jakobeit aus J.R. Moehringers „Tender Bar“ und Nicolai von Schweder-Schreiner aus „Bossa Nova – The Sound of Ipanema“ von Ruy Castro. Soweit man das durch den dichten Rauch erkennen konnte, war die kleine Bar dicht besetzt mit Freunden, Kollegen, Stammpublikum und einem Hund. Schöne Lesungen, launige Musik und guter Whisky.


Hamburg, Buchhandlung stories!

Hamburg, Buchhandlung stories!: Andreas Löhrer, Moderatorin Isabel Bogdan, Brigitte Jakobeit und
Brigitte Große werden mit ihren Übersetzungen von der Buchhändlerin Annerose Beurich willkommen geheißen.
(Foto: Axel Bogdan)

Am Hieronymustag selbst gab es in Hamburg vier Lesungen, die allesamt – wie beim anschließenden Chill-out (Hieronymusdeutsch für gepflegten Erfahrungsaustausch in gemütlicher Kneipenrunde) zu hören war – gut angekommen sind. Jede Menge gezielter Fragen zum Übersetzen, zu Arbeitsbedingungen und Honoraren, hier und da Erstaunen und neue Erkenntnisse („und ich dachte immer, Übersetzen ist so ein langweiliger Beruf“). An einem Abend, an dem Engländer nicht einmal den sprichwörtlichen Hund rauslassen würden, hatten jedenfalls erstaunlich viele Menschen durch strömenden Regen den Weg in Buchhandlungen und andere Etablissements gefunden, um Übersetzerlesungen zu lauschen.


Hamburg, Buchhandlung stories!

Bücher, Menschen, Wein am Internationalen Übersetzertag in der Buchhandlung stories! (Foto: Axel Bogdan)

So zum Beispiel in der Buchhandlung stories! im Straßenbahnring, wo, erneut unter Isas Regie, Brigitte Große aus Wilfried N’Sondés „Das Herz der Leopardenkinder“, Brigitte Jakobeit aus J.R. Moehringers „Tender Bar“ und Andreas Löhrer aus Maurizio Maggianis „Reisende in der Nacht“ lasen. Das Publikum, das die tropfenden Schirme am Eingang abgestellt und die durchweichten Jacken über den Stuhl gehängt hatte, erfuhr bei Wein und Knabberkram von einem Jungen, der seine Kindheit und Jugend in einer Kneipe zubringt, von einem jungen Schwarzen, der eine Nacht im Gefängnis zubringt, und von Reisenden, die, während sie in der Welt herumreisen, die Abende mit Geschichtenerzählen zubringen. Desweiteren von den glücklichen Zufällen, die Recherche zum Erfolg führen können, und was man bei der Übertragung von französischem Rap ins Deutsche beachten muss.


Hamburg, Buchladen Osterstrasse

Hamburg, Buchladen Osterstrasse: A.L. Kennedys "Was wird" liegt in der Hand des Übersetzers Ingo Herzke,
moderiert von Katharina Gerhardt. (Foto: Gerlinde Schneider)

Zur gleichen Zeit stellte Ingo Herzke im Buchladen Osterstraße A.L. Kennedys 2009 auf Deutsch bei Wagenbach erschienenen Erzählungsband „Was wird“ vor und fesselte die Zuhörerschaft mit einem anekdotengesättigten Bericht über seine Studienzeit in Göttingen, seine frühe Begeisterung für das Werk der damals in Deutschland noch völlig unbekannten schottischen Autorin, erste Begegnungen mit ihr und seinen Weg zum Stammübersetzer ihrer Werke. Im Gespräch mit der Moderatorin Katharina Gerhardt warb er außerdem für seine erste Sachbuch-Übersetzung, „The Rest is Noise“, des Musikjournalisten Alex Ross ...


Hamburg, Galerie Farbwerke

Hamburg, Galerie Farbwerke: Gerüstet zum Cut-up-Abenteuer ... (Foto: Michael Kellner)

... derweil Michael Kellner und Eike Schönfeld in der Galerie Farbwerke in der Marktstraße in einer als „Cut-up-Abenteuer“ angekündigten Lesung in schnellem Wechsel ihre Neuübersetzungen von William Burroughs „Naked Lunch“ und Saul Bellows „Humboldts Vermächtnis“ miteinander ins Gespräch treten ließen. Da anschließend nur eine einzige Frage aus dem Publikum kam, nämlich „Warum lest ihr nicht weiter?“, wurde weiter gelesen.


Hamburg, Ottenser Buchhandlung Christiansen

Hamburg, Ottenser Buchhandlung Christiansen: Annette Kopetzki stellt ihre Übersetzung vor: Habe die Ehre!
(Foto: Karin von Schweder-Schreiner)


Hamburg, Ottenser Buchhandlung Christiansen

Buchhandlung Christiansen: Miriam Mandelkow liest aus ihrer Übersetzung. (Foto: Karin von Schweder-Schreiner)


Hamburg, Ottenser Buchhandlung Christiansen

Buchhandlung Christiansen: Eva Profousová hört noch zu, ehe sie selbst aus "Ein herrlicher Flecken Erde" liest.
(Foto: Karin von Schweder-Schreiner)


Hamburg, Ottenser Buchhandlung Christiansen

Buchhandlung Christiansen: Die Gäste lauschen und diskutieren. (Foto: Karin von Schweder-Schreiner)

Die Lesung in der Ottenser Buchhandlung Christiansen begann noch zur Geschäftszeit. Etliche Hamburger Kollegen mischten sich, angetan mit großen weißen Buttons, darauf ein großes schwarzes Ü, das aussieht wie ein gutgelauntes Smiley, mit Neuerscheinungen und Lieblingsbüchern unterm Arm unters Lesevolk. Es kamen dann allerdings mehr Kollegen als Lesevolk, und man unterhielt sich beim Wein angeregt mit den Buchhändlerinnen bis zum Ansturm kurz vor acht – zur Lesung war der Laden voll. Ob wir daraus lernen, dass Leser lieber lauschen als plaudern, oder ob wir einfach offensiver werben müssen, haben wir noch nicht entschieden, auch nicht, ob wir uns im kommenden Jahr dieses Vorspiel schenken.
Die Lesung selbst – Annette Kopetzki las aus Ottavio Cappellanis „Habe die Ehre! Eine Mafia-Komödie“, Miriam Mandelkow aus Elisa Alberts „Das Buch Dahlia“ und Eva Profousová aus Radka Denemarkovás „Ein herrlicher Flecken Erde“ – hatte, dies ein weiteres, weitaus gelungeneres Experiment, Werkstattcharakter. Nach kurzen Lesungen wurde anhand einzelner Sätze in Original und Übersetzung der Prozess der Übertragung nachvollzogen und zur Diskussion gestellt, was begeistert angenommen wurde. Als die vielfältigen Umschreibungen des männlichen Geschlechtsorgans in Dialekt und Umgangssprache hinlänglich besprochen waren, fiel die Anfangsfrage, weshalb Übersetzung als das zweitälteste Gewerbe der Welt gilt, allerdings irgendwie unter den Tisch.


Hamburg, Buchhandlung Männerschwarm

Hamburg, Abschlussveranstaltung in der Buchhandlung Männerschwarm: Isabel Bogdan präsentiert den "Kuss-Mord".
(Foto: Miriam Mandelkow)

Den krönenden Abschluss unseres dreitägigen Hamburger Hieronymus-Festivals bildete am 1. Oktober Isabel Bogdans Lesung aus ihrer Übersetzung des neuen Thrillers von Mehmet Murat Somer, „Der Kuss-Mord“. Isas Lesung in der Buchhandlung Männerschwarm in St. Georg wurde umrahmt von hinreißenden Gesangseinlagen der Transe Lotte Trebeis, die Chansons von Friedrich Holländer darbot. Das Publikum schien mit dem Genre „Transvestitenkrimi“ wohlvertraut und steuerte auf die Frage nach der Bekanntheit und Duldung des Autors in der Türkei sogar Anekdoten bei. Es könne einem durchaus passieren, dass man in einem Istanbuler Café am Nebentisch eine verschleierte Frau über der Lektüre von Somer laut auflachen hört. Eine gelungene Veranstaltung im richtigen Ambiente und mit idealem Rahmenprogramm.

Die Hamburger
(federführend: Miriam Mandelkow)



Köln:

Literaturhaus Köln, Schönhauser Str. 8, 50968 Köln:, „Heiliger Hieronymus, hilf!“

„Am Dienstag treffen sich Bibelübersetzer in den deutschsprachigen Literaturhäusern. Unter dem Stoßseufzer ‚Heiliger Hieronymus, hilf!’ informieren Kölner Übersetzer über die eigenbrötlerische Natur dieser kreativen Spezies.“

Trotz dieser leicht misslungenen Ankündigung in der Kölnischen Rundschau trafen sich gestern Abend im Kölner Literaturhaus zahlreiche Interessierte zum geselligen Beisammensein. Auf dem Programm stand die Veranstaltung "Heiliger Hieronymus, hilf!", bei der eine Kollegin und zwei Kollegen des hiesigen Stammtischs ihre Neuerscheinungen vorstellten:

- Jürgen Bürger mit einem realistischen Roman des Blade Runner-Autors (Philip K. Dick, Unterwegs in einem kleinen Land, Liebeskind);

- Andrea Fischer mit kulinarischen Abenteuern in Pariser Spitzenrestaurants (oder auch nicht) der Dreißigerjahre (Idwal Jones: Die Sterne von Paris, Arche)

- sowie Kristian Lutze mit Thrill pur (Michael Robotham: Dein Wille geschehe, Goldmann).

Die Moderation übernahm Denis Scheck, der von Beginn an weniger auf die Bücher als auf die Personen der Übersetzer einging und so klug ein Bild unseres Berufs entstehen ließ.

Dass alle drei Übersetzer angaben, gut mit den mischkalkulierten Honoraren auszukommen, verwunderte die Zuhörerschaft, die zum großen Teil aus Kollegen und Kolleginnen bestanden, dann schon.

Wie es aussieht, hat der gestrige Abend ein gutes Stück zur Netzwerkbildung im Kölner Literaturbetrieb beigetragen: Wenn es dabei bleibt, dürfen wir auch den nächsten Septemberultimo dort gestalten. Vielleicht schaffen wir es dann auch, mehr "Fremde" anzulocken.

Der Abend war übrigens eine gemeinsame Veranstaltung von Literaturhaus Köln und Weltlesebühne e.V. unter Mitwirkung des VdÜ, gesponsert vom Kulturamt der Stadt Köln sowie der Sparkasse KölnBonn.

Peter Klöss


Leipzig:

Literaturcafé im Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig: „Übersetzer stellen vor: Neue Texte aus der weiten Welt"

Die Leipziger KollegInnen der Fähre hatten für den Anlass eine ihrer bewährten Kollektivlesungen mit Musik initiiert. Es lasen und erläuterten im Haus des Buches 10 (!) Kollegen à <10min aus neuen Übersetzungen eigener Wahl. Also: Zufallsgenerator, so ziemlich jede Ebene wurde bedient; heraus kam ein hinreißender, gut verdaulicher Mix, der die Vielfalt des Berufes und ihrer Protagonisten auf genau diese Weise inszenierte. Zuhörer waren jedenfalls noch mehr da als Akteure, und dem Moderator Ralf Pannowitsch unterlief der Freudsche Versprecher des Abends, als er in seinem Kommentar zur Lage die Forderung erhob, Übersetzer seien angenehm zu honorieren. Beteiligt waren in der Reihenfolge ihres Auftretens Regina Karachouli, Markus Sahr, Christiane Wagler, Michael Schickenberg, Andreas Tretner, Erich Ahrndt, Hannelore Umbreit, Ralf Pannowitsch, Arne Braun und Reinhild Böhnke.

Andreas Tretner


Zürich:

ZHAW, Departement Angewandte Linguistik, Institut für Übersetzen und Dolmetschen, Theaterstrasse 15c, Winterthur, Schweiz: Mitglieder des Zürcher Übersetzertreffens und der Weltlesebühne präsentieren sich als „Gläserne Übersetzer"

Es hat nicht nur Spaß gemacht, gestern vor Studenten, Lehrkräften und interessierten Winterthurern live zu übersetzen und Kollegen eben dabei zuzusehen, es war auch ein gutes Gefühl, zur gleichen Zeit Dutzende Kollegen auf anderen kleineren und größeren Bühnen im "Großen Nachbarkanton" zu wissen.

Wir waren in der Fachhochschule für angewandte Wissenschaften, an der man u. a. Sprachen studieren kann, allerdings ohne literarische Ausrichtung. Umso interessanter, einmal zu erfahren, wie das funktioniert. Man hatte kaum das erste Wort geschrieben, da begannen schon lebhafte Diskussionen. Da ich mit einem ziemlich deftigen Dialog unter Pariser Polizisten eingestiegen bin, habe ich offenbar einige Schöngeister verschreckt, aber was sollte ich machen?! Vorher hatte allerdings schon eine Schweizer Kollegin, Claudia Bodmer, die Untertitelung einer auch nicht ganz jugendfreien Serie vorgeführt. Dorothea Trottenberg hat dann mit einer Erzählung von Ivan Bunin das Niveau wieder deutlich gehoben. Da kaum jemand Russisch konnte, mussten wir uns darauf beschränken, darüber zu streiten, ob man, besser gesagt, ob eine Dohle mit einem Auge schielen kann (ich finde schon, der Fachbereichsleiter war anderer Meinung) und wie die Balkendecken in Glockentürmen aussehen. Beim anschließenden Apéro gab es noch viele Fragen und von zwei Teenies, die 10 Jahre in der Westschweiz gelebt hatten, einen entscheidenden Hinweis auf einen richtigen Fehler in meiner Übersetzung. Hat sich also für alle Beteiligten gelohnt!

Claudia Steinitz

 

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