Grußwort VdÜ zur Gertrud-Kolmar-Tagung 14. März 2012

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Vera Viehöver,
liebe Regina Scholvin Nörtemann,
liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

das hier ist glaube ich eine Premiere – der VdÜ, der Verband der deutschsprachigen Literaturübersetzer, als „Schirmherr“. Eine ganz ungewohnte Rolle. Was für einen Schirm kann unser Verband Ihnen und Ihrer Tagung wohl bieten? Ich fürchte, nicht viel mehr als den des Danks, dass Sie uns diese Ehre zuteil werden lassen – eher als ein Schirm ist das also ein Händereichen.

Für diese Verbundenheit mag es aber auch tiefere Gründe geben. Einer dieser Gründe kam eben schon unbeachtet vor. Er liegt im Namen unseres Verbandes und in dessen Selbstverständnis. Der Verband nicht der deutschen Literaturübersetzer, sondern der deutschsprachigen. Er steht Angehörigen aller Nationalitäten offen, ja, er war von Anfang an auch für aus dem Deutschen übersetzende Menschen in aller Welt gedacht. Von Anfang an – dieser Anfang liegt mittlerweile 58 Jahre zurück, 1954 war das. Von Anfang an herrschte bei uns die Überzeugung, dass unsere Nation, die der Übersetzer, nicht die politische Nation, sondern die Kultur ist. Ich sage bewusst nicht die deutsche Sprache, sondern die Kultur im weiteren Sinne, und im engeren die Kultur des Hin- und Herbringens von Literatur, der tätigen Grenzüberwindung. Eine Kultur des Denkens nicht in nationalen oder gar nationalistischen und rassistischen Kategorien, das widerspräche nämlich der mentalen Grundverfasstheit von uns literarischen Übersetzern. Dass unsere Gesellschaft insgesamt gegenüber nationalistischem und rassistischem Gedankengut nicht immun ist, wissen wir ja. Die jüngere Vergangenheit bestätigt es.

Sie hören recht, ich beanspruche für meinen Verband und für meine Zunft überhaupt, dass ihre Angehörigen durch ihr Denken, durch ihre Tätigkeit selbst eine Gegenkraft bilden zu einem menschenverachtenden Denken wie demjenigen, das neben so vielen anderen auch Gertrud Kolmar auf dem Gewissen hat.

Soviel dazu. Jetzt könnte ich angelegentlich noch einige Parallelen von Kolmar zum Übersetzen ziehen, könnte ihren Schwager, den Auch-Übersetzer Walter Benjamin zitieren oder Gertrud Kolmars Sprachenstudien anführen. Aber das hier ist ja nur ein Grußwort.

So grüße ich Sie also im Namen meines Berufsverbandes und verwende dazu den zweiten Grund, der uns Literaturübersetzern die ungewohnte Rolle des Schirmherren leicht macht: Ihre Tagung schließt jene seltsame und bedauerliche Lücke, die es allzu oft zwischen Literaturtheorie und Übersetzungspraxis gibt. Die Theoretiker scheuen sich, sich der Praxis zu nähern, die ihnen irgendwie unheimlich ist, sich ihrem Erkenntnis-Instrumentarium zu widersetzen scheint. Die Praktiker wiederum halten die Wissenschaft oft für abgehoben und letztlich nicht nutzbar, ja unnütz. Diese Lücke schließen zu wollen, ist ein Verdienst der Veranstalterinnen, und ob das auf der Tagung nun gelingt oder nicht: Allein die Absicht erfreut uns Literaturübersetzende ungemein. In Wirklichkeit ist es nämlich diese Ihre Hinwendung zur übersetzerischen Praxis, mit der Sie selbst einen Schirm aufspannen - unter dem wir uns gern zu Ihnen gesellen, um Ihnen kollegial die Hand zu reichen und eine Gewinn bringende Tagung zu wünschen.

Gutes Gelingen also und herzlichen Dank.

Hinrich Schmidt-Henkel
(Erster Vorsitzender des Literaturübersetzerverbands VdÜ)