Abschied von Hans Wollschläger
„Wer bei seinem Tode einen schönen Vers hinterlässt, hat Himmel und Erde bereichert“, schrieb Fernando Pessoa im Buch der Unruhe. Der in Pessoas Todesjahr 1935 geborene Hans Wollschläger hinterlässt nicht nur einen schönen Vers, sondern eine ganze Reihe von Werken, eines immer wortgewaltiger als das andere. Er hatte das biographische Glück, früh in den geistigen Austausch mit Theodor W. Adorno und Arno Schmidt einzutreten, die die musikwissenschaftlichen und literarischen Fähigkeiten des jungen Mannes nach Kräften förderten. Den Spagat zwischen Musik und Literatur übte er sein Leben lang, betätigte sich als Organist, Dirigent, Vorsitzender der Deutschen Sektion der Internationalen Gustav-Mahler-Gesellschaft, Musikwissenschaftler und Komponist einerseits und als streitbarer Essayist, Historiker, Romancier, Herausgeber und Übersetzer andererseits. Wie wenige andere hat er die deutsche Literatursprache bereichert, erweitert und aufgewertet und sah sich selbstbewusst nicht als Diener seiner Autoren, sondern als Ihresgleichen, schließlich biete „die knieende Haltung generell nur eine beschränkte Perspektive“. Als einer der ersten bemühte er sich in den Übersetzungen von Robert Govers Romanen um plausible deutsche Entsprechungen für das schwarzamerikanische Englisch und fand für das lyrische Werk des düsteren Romantikers Edgar Allan Poe einen eigenständigen, an Eichendorff wie Jean Paul geschulten Ton. 1975 schließlich erschien nach vierjähriger Arbeit Wollschlägers deutsche Version von James Joyces Ulysses. Im unbescheidenen Urteil ihres Verfassers, das von der Kritik jedoch mehrheitlich geteilt wurde, war dieses Grund- und Hauptbuch der klassischen Moderne „ein deutsches Buch – ein Kunst-Werk der deutschen Sprache“ geworden. Von der Leidenschaft, mit der sich Wollschlägers Lust an Sprache und Literatur Bahn brach, wurde angesteckt, wer ihn einmal über das detektivische Aufspüren der Bedeutungen von Joyces Hapax Legomena hat sprechen hören, Wörtern also, die nur ein einziges Mal in der Literatur vorkommen.
1982 veröffentlichte Wollschläger den ersten Teil seines Romans Herzgewächse oder Der Fall Adams, ein hoch komplexes Unterfangen, denn er wollte zugleich die desillusionierende Rückkehr eines Emigranten in die alsbald wiederaufgerüstete Bundesrepublik schildern, Bewusstseinsprozesse psychoanalytisch modellieren und das Faustmotiv über Goethe und Thomas Mann hinaus fortschreiben. Das Werk blieb die Fragmentarische Biographik in unzufälligen Makulaturblättern des Untertitels – und musste der Ambitioniertheit wegen vielleicht Fragment bleiben.
Obwohl sich Wollschläger von der „zeitlebens kindergartenfähigen Mehrheit der Menschen“ (Arno Schmidt) auf den Parnass und in die esoterischen Coterien von Humanismus und Aufklärung zurückzog , sprang er immer wieder für die Tagelöhner im Bergwerk der Kunstarbeit in die Bresche und sprach von so irdischen Dingen wie Honoraren, Steuern und Urheberrecht. Als er für seine Übersetzung des Ulysses 1976 den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste erhielt, nutzte er die Gelegenheit und las einer Gesellschaft die Leviten, „deren Lebensstandard ihren Geistesstandard so glücklich überflügelt hat“: Die Armut der Kulturschaffenden sei weniger das Problem als „dass ihre Armut nicht nur ihre Lebensbequemlichkeit verkürzt, sondern ihre Produktion, weil sie fürs bloße Existieren immer mehr Zeit abspalten müssen“. Wollschlägers zunehmendes Verstummen in den letzten Jahren hat seinen Grund vielleicht auch in dieser existentiellen Misere und nicht nur im „Korrosionsprozess des Erkennens“, den er sich vor einigen Jahren in seiner ‚Mauerschau des Alterns' attestierte.
Uns bleibt zu danken, denn „Verdienst erwirbt sich der Begnadete“, wie Alfred Polgar schrieb, „indem er sein Genie nicht für sich behält, sondern mit ihm beiträgt zur Lust der Lebenden.“ Hans Wollschläger starb nach langer Krankheit in der Nacht zum 19. Mai im Klinikum Bamberg.
Ulrich Blumenbach