Zum Tod von Elke Wehr
Der Literatur eines ganzen Kontinents und ihrer langjährigen spanischen Wahlheimat lieh sie ihre Stimme. Im Gegenzug gewann sie ihrer Muttersprache zahlreiche kleine und große Provinzen hinzu, die Provinzen Javier Tomeo, Rafael Chirbes, Álvaro Cunqueiro, Jorge Semprún, um nur einige zu nennen, oder die Provinz Javier Marías, ihr erster großer Erfolg, außerdem die überseeischen Provinzen Roberto Arlt, Ricardo Piglia und Vargas Llosa, letztere dem Umfang nach fast ein eigener Subkontinent, und schließlich die Festung Augusto Roa Bastos, dessen Roman Ich der Allmächtige durch ihre Neuübersetzung als eines der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts für uns zur terra cognita geworden ist. Für diese Arbeit (und für ihr Lebenswerk) erhielt sie 2006 den Paul-Celan-Preis.
Wo mag der Grund für diesen unbändigen Drang liegen, in immer neue Welten aufzubrechen, wo der Grund für ihre Bereitschaft, sich – je est un autre – ein Übersetzerleben lang zu verwandeln und anzuverwandeln? Vielleicht in ihrer Biographie: Geboren 1946 in Bautzen, eine Kindheit in den Fünfzigern zwischen Potsdam und West-Berlin mit der Grenze als Abenteuerspielplatz, Umzüge an immer andere Orte, wo der Vater, von Beruf Schauspieler, seine Engagements bekam, schließlich die Flucht mit der Familie nach Westdeutschland und von dort, Schule und Elternhaus entwachsen, weiter nach Paris. Als die Stadt 1968 zum Mekka einer jungen Generation im Aufbruch wurde, schlug Elke Wehr indes die Gegenrichtung ein, ging nach Heidelberg, studierte Romanistik und geriet bald in den magischen Sog des Literaturübersetzens. Rudolf Wittkopf, der ihr ein Freund und Mentor wurde, gewann sie, die anfangs mehr im Französischen und Italienischen zu Hause war, für die Sprache von Cervantes und Clarín sowie für deren lateinamerikanische Meister in der Gegenwart: Octavio Paz, Alejo Carpentier, Julio Cortázar.
Als sie sich nach Jahren in Spanien Ende der Neunziger ein zweites Standbein in Berlin suchte, wurde ihr kleines Domizil im Kiez am Stuttgarter Platz nicht Ruhesitz, sondern Ausgangspunkt für oft monatelange Reisen und Aufenthalte in Mexiko, Peru oder Argentinien. Mal wollte sie der geheimnisvollen Fremde auf die Schliche kommen, mal ihren geheimnisvollen Autoren. Unvergesslich ihr Bericht von der tragikomischen Belagerung Augusto Roa Bastos' in Paraguay, der sich mit nicht immer feinen Methoden gegen ihre Inquisitionen verwahrte: "Mañana no puedo, mañana estaré enfermo" (morgen geht es nicht, morgen bin ich krank)...
Elke Wehr war ein Mensch, der es einem nicht immer leicht machte, sie zu lieben. Halbherzigkeit war ihr zuwider, und sie hatte dafür ein untrügliches Gespür. Ihr Anspruch an sich und andere hatte fast etwas Maßloses. Keine gute Voraussetzung für ein glückliches Leben, sollte man meinen. Und doch gab es große Momente des Glücks in ihrem Leben, die um so kostbarer waren, als es ihr nicht gegeben war, sich in ihnen häuslich einzurichten. In den zehn Jahren unserer Freundschaft habe ich viele solcher Momente mit ihr teilen dürfen, etwa wenn wir auf gemeinsamer Wellenlänge in irgendeine fernste Heimat segelten, die an einem Abend Witold Gombrowicz, an einem anderen Dino Saluzzi hieß und manchmal nur aus ein paar Tapas und Rotwein bestand.
Ihren 62. Geburtstag haben wir, wie es sich gehört, mit Kuchen und Champagner gefeiert. Wenige Tage darauf, am frühen Morgen des 27. Juni 2008, ist Elke Wehr in Berlin gestorben.
Christian Hansen
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Dieser Text wurde zuerst auf www.litprom.de veröffentlicht.