Stellungnahme zum „Münchner Modell zur Übersetzervergütung“

Die dokumentierte Verachtung literarischer Übersetzer

Stellungnahme zum „Münchner Modell zur Übersetzervergütung“

von RA Peter Beisler, München  

Die Arbeitsgemeinschaft Publikumsverlage des Börsenvereins (AG Pub) hat in ihrer Versammlung am 18. Januar 2007 in München eine Anregung zur Übersetzervergütung nach § 32 des Urheberrechtsgesetzes verabschiedet. Sie nennt sie reichlich hochtrabend „Münchner Modell“. Es soll eine Empfehlung für Mindeststandards zur Übersetzervergütung darstellen.

Bei genauer Betrachtung wird dem Leser klar, daß mit diesem „Modell“ nach wie vor die Verlage ihre Macht dokumentieren, die sie gerade Übersetzern gegenüber zum eigenen Vorteil seit Jahren steigend ausüben. Sie offenbaren, wie gering sie die geistig schöpferische Leistung literarischer Übersetzer allgemein schätzen und wie wenig sie ihnen wert ist.

Die Urheberrechtsnovelle vom 22. März 2002 in Form des Gesetzes zur Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern hat ganz bewußt (neben der Grundbestimmung in § 11 durch Einfügung eines zweiten Satzes, das Urheberrecht gelte zugleich der Sicherung der angemessenen Vergütung für die Nutzung des Werkes) einen § 32 eingeführt, der eine angemessene Vergütung für Urheber gesetzlich festschreibt. Angemessen ist eine Vergütung, wenn sie im Zeitpunkt des Vertragsabschlusses dem entspricht, was im Geschäftsverkehr nach Art und Umfang der eingeräumten Nutzungsmöglichkeit, unter Berücksichtigung aller Umstände üblicher- und redlicherweise zu leisten ist.

Das Gesetz verfolgt den Ausgleich der gestörten Vertragsparität zwischen Urhebern und Verwertern. Verleger setzen besonders gegenüber den einzelnen literarischen Übersetzern seit Jahren ihre Macht durch mit dem Ergebnis immer schlechterer Honorare für Übersetzer. Der Regierungsentwurf zu dem genannten Gesetz hebt ausdrücklich hervor: Neben den Branchen, in denen gut verdient wird, gibt es viele Berufsgruppen, die keinesfalls flächendeckend mit angemessenen Verwertungsbedingungen in der Praxis rechnen können. Wörtlich: „So erhalten etwa freiberufliche literarische Übersetzer zumeist auch für schwierigste Texte nur kärgliche Pauschalhonorare, obwohl sie mit ihrer Arbeit erst die Grundlage für die auch wirtschaftlich erfolgreiche Verwertung fremdsprachiger Literatur schaffen.“

Inzwischen gibt es eine Reihe von Gerichtsurteilen, die auf verschiedene Weise neben dem Normseitenhonorar eine Absatzvergütung - teilweise anrechenbar, teilweise auch nicht - vorsehen, deren Niveau bei 2 % vom Nettoladenverkaufspreis liegt.

Das „Münchner Modell“ schlägt sowohl in seiner Gesamtheit auch als auch in den einzelnen Vorschlägen dem geltenden Gesetze sozusagen „mit der Faust ins Gesicht“.

Das ergibt sich bereits aus der Schlußbestimmung „IV. Sonstiges“: Dort wird als „Empfehlung“ festgesetzt, daß die in diesem Modell definierten Übersetzervergütungen für alle abgeschlossenen Verträge als „angemessen“ gelten, aber nicht für die vor der „Verabschiedung“ geschlossenen. Ausdrücklich sollen die Grundsätze des „Münchner Modells“ nicht zur Berechnung von angemessenen Vergütungen für die vorher abgeschlossenen Verträge herangezogen werden können. Im Gegenteil: „Bei diesen Verträgen sind vielmehr regelmäßig deutlich niedrigere Honorare als üblich und redlich anzusehen.“ Dieser Wunsch bedeutet eine finanzielle Entmündigung für die Vergangenheit, die voll im Widerspruch zum Gesetz und zur bisherigen Rechtsprechung namhafter Gerichte steht. Das Gesetz sagt, ein Vertragspartner kann sich auf eine Vereinbarung, die zum Nachteil des Urhebers abweicht, nicht berufen (§ 32 Abs. 3 Satz 1 UrhG). Das wird von eben diesem „Vertragspartner“ übergangen.  

Zu den einzelnen Vorschlägen:

1.

Die Grundvergütung wird mit allen Ansprüchen der Übersetzer verrechnet, nicht nur mit dem Absatz der verlagseigenen Buchausgaben, sondern auch mit den Ansprüchen aus eingeräumten Nebenrechten. Das bedeutet, daß der Übersetzer im Regelfall nicht einen einzigen Euro an der Nutzung aller seiner Rechte erhält.

2.

Die „laufende Beteiligung“ des „Münchner Modells“ (II.1.) kann man nur als „Farce“ bezeichnen. Das Normseitenhonorar selbst wird nicht angetastet. Inzwischen versucht aber eine Reihe von Verlagen, auch gegenüber renommierten und preisgekrönten Übersetzern, die Normseitenvergütung nach unten zu drücken unter Ausübung ihrer Marktmacht nach dem Motto „Friß Vogel oder stirb!“.

Die ausgeworfenen Prozentzahlen für die „laufende Beteiligung“ sind reine Augenwischerei. Das Normseitenhonorar wird angerechnet, d.h. erst wenn die prozentuale Beteiligung das Normseitenhonorar übersteigt, besteht die Möglichkeit einer kleinen Beteiligung. Diese Beteiligung ist aber degressiv und beginnt mit scheinbar üppigen „drei Prozent bis 1.000 Exemplaren, danach zwei Prozent bis 10.000 Exemplaren, ein Prozent bis 50.000 Exemplaren und schließlich 0,25 % ab 50.001 Exemplaren“, bei Taschenbüchern die Hälfte. Daneben wird noch ein allgemeines Fondsmodell ab 50.000 Exemplaren von weiteren 0,25 % bei Hardcoverausgaben und 0,125 % bei Taschenbuchausgaben vorgesehen.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung fällt einem das Bild ein, daß die Verleger den Übersetzern eine dicke Wurst an einer Angel hinhalten, aber jedes Mal, wenn man zuschnappen will, wird die Angel hoch- und schließlich ganz weggezogen.

Jeder Übersetzer kann sich anhand seines Normseitenhonorares und des Nettoladenpreises ausrechnen, daß für ihn nichts herausspringt - außer einem verstärkten Kampf um das Normseitenhonorar.

Hierzu ein Beispiel:

Der Übersetzer erhält bei 17 € Pro Normseite für 340 Normseiten ein Honorar von netto 5.780 €.

Von dem aus 20 Falzbogen hergestellten Buch (320 Seiten) sind 6.000 Exemplare zum Ladenpreis von 19,80 € verkauft worden, das später aufgelegte Taschenbuch zu 8,50 € sogar 25.000 mal. Es handelt sich also um ein gut verkauftes Buch.

HC 19,80 € Verkaufspreis entspricht einem Nettoladenpreis von 18,50 €
TB 8,50 € Verkaufspreis entspricht einem Nettoladenpreis von 7,944 €

Beteiligung HC nach dem "Müchner Modell" für 6000 Ex .:

bis 1000 Ex.. 3 %: 3 % von 18,50 €= 0,555 € x 1000 Exempl. =      550,00 €
bis 10.000 Ex. 2 %: 2% von 18,50 € = 0,37 € x 5000 Exempl. =   1.850,00 €

Beteiligung TB nach MüMo, 25.000 Ex.:

bis 1000 Ex. 1,5 %: 1,5% von 7,944 € = 0,11916 € x 1000 Ex. =    119,16 €
bis 10.000 Ex. 1 %: 1% von 7,944 € = 0,07944 € x 9000 Ex. =       714,60 €
bis 50.000 Ex. 0,5 %: 0,5 % von 7,944 € = 0,0397 € x 15.000 Ex. =  595,80 €

Summe: 3.829,56 €

Verrechnet mit dem Normseitenhonorar von 5780 € ergibt sich eine
Minus-Differenz von 1950,44 € zu Ungunsten des Übersetzers.

Diese Minus-Differenz müßte aufgefüllt werden, bevor der Übersetzer einen Euro zusätzlich sieht:

Zwischen 25.000 und 50.000 verk. TB-Ex. erhält er 0,5 %, danach 0,125 %.

0,5 % von 7,944 € = 0,0397 € = x 25.000 Exemplare = 993,00 €
0,125 % von 7,944 € = 0,0099 € x 96.419 Exemplare = 957,44 €
zusammen 1.950,44 €

Es müßten also noch 121.419 weitere (!) Taschenbuchexemplare - oder insgesamt 146. 419 TB -, verkauft werden, ehe der Übersetzer in den Genuß einer Beteiligung kommt.

In den Fonds würde ab dem 50.000 TB-Exemplar Geld fließen: bei 6000 verkauften HC und 25.000 TB also gar nichts.

Würde die Auflagenhöhe erreicht, ab der der Übersetzer eine Beteiligung erhielte (also bei 146.419 TB), so flössen in den Fonds:

0,125 % von 7,944 € = 0,0099 € x 96.419 = 954, 54 €.

Dem stünde ein "Sortimentsumsatz Netto" gegenüber in Höhe von:

HC: 6000 x 18,50 € 111.000,00 €
TB: 146.419 x 7,944 € 1.163.152,50 €
Gesamt 1.274.152,50 €

Die Fondsabgabe des Verlages betrüge bei dieser Auflagenhöhe etwa 0,075 %!

War die Übersetzung umfangreicher und die Normseitenvergütung damit höher, so steigt die notwendige zusätzliche Absatzzahl rapide an.

Somit erhalten also über 90 % aller Übersetzer nach dem „Münchner Modell“ gar nichts. 

3.  

Im eigenen Verlag hergestellte Hörbücher werden überhaupt nicht angesprochen. Damit erhalten hierfür die Übersetzer gar keine Beteiligung.  

4.

Ebenso katastrophal zeigt sich die Beteiligung an „Nebenrechtserlösen“:

5 % vom Verlagsanteil, also „nach Abzug des an andere Rechteinhaber zu bezahlenden Erlösanteiles“, werden weitergegeben. Geht man von den durchschnittlich 60 % für den ausländischen Autor aus, sind es de facto 2 % vom gesamten Erlös. Die Gerichte haben durchgehend bisher 25 % vom Ganzen zugesprochen (mit Ausnahme von zwei Sonderfällen), das OLG München mindestens 50 % vom Verlagsanteil, also 10mal so viel, wie die Verleger „empfehlen“.

Die Lizenzen für isolierte Übersetzungsrechte gehen hälftig an den Übersetzer. Das ist der Fall, wenn der Übersetzer für die Dauer der Schutzfrist Nutzungsrechte einräumt, der Autor aber nur zeitlich begrenzt. Damit kann also der Verlag Handel betreiben mit fremden Rechten und erhält hierfür die Hälfte des Erlöses. Jedem Übersetzer kann man nur raten, nur für die Dauer des Hauptrechtes Nutzungsrechte zu vergeben mit einem automatischen Rückfall der Rechte zur gleichen Zeit, wie die Rechte des ausländischen Autors zurückfallen.

Die Lizenzerlöse selbst erhalten im nächsten Absatz der Ziffer II eine weitere Einschränkung: Es werden alle Kosten abgezogen, die im Zusammenhang mit der Erzielung der Erlöse direkt zugeordnet werden können. Beispielsweise genannt sind neben Agenturprovisionen die Kosten für die Übersetzung von Probeseiten (wer übersetzt und in welche Sprache die Übersetzung?) oder für Andrucke (wer druckt was an?). Den Verlagen wird mit Leichtigkeit eine Reihe weiterer abzuziehender Kosten einfallen.

Bei Sondergeschäften werden zusätzlich noch die dem Verlag entstandenen, direkt zurechenbaren Produktionskosten abgezogen. Wenn z.B. eine Buchgemeinschaft sowohl eine Lizenzgebühr bezahlt als auch einen Druckkostenauftrag gibt, also zweimal bezahlt, wird die zweite Bezahlung von der ersten, abzurechnenden Lizenzgebühr noch abgezogen, obwohl der „Produktionsauftrag“ mit der urheberrechtlichen Lizenzeinräumung nichts zu tun hat.  

5.

Die Vergütung soll „sämtliche typische Zusammenhangstätigkeiten des Übersetzers abgelten“, wird aber durch angebliche Mehrkosten beim Verlag gemindert. Genannt sind „eine im erheblichen Maße lektorierungsbedürftige Übersetzung“ und „eine als Herstellungsvorlage ungeeignete Datei“. Damit kann der Verlag jedem Übersetzer verdientes Honorar mit dieser Behauptung schuldig bleiben. „Gleiches gilt, wenn der Verlag sich gezwungen sieht, nachträglich einen zweiten Übersetzer einzuschalten“. Der Fall Krieger gegen Piper Verlag zeigte, was sich ein Verlag alles leisten könnte. Damit ist eine Unzahl neuer Streitfälle vorprogrammiert, wenn der Verlag unter Hinweis auf das Modell Zahlungen verweigert.  

6.

Alle Zahlungen werden weiter durch den Abzug einer „angemessenen Retourenpauschale“ gemindert, die erst nach drei Jahren jeweils für das drittletzte Jahr aufgelöst wird, sich also fortschreiben kann. Was „angemessen“ ist, bestimmt der Verlag.

Gar kein Honorar wird für „Freistücke, Beleg - Pflicht -, Prüfexemplare und ähnliches“ (das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten) bezahlt. Eine Beschränkung wie bisher (5 bis 10 % der Auflage) ist nicht vorgesehen. Wer kontrolliert?  

7.

Das Fondsmodell ist ein Scheinbonus. Was es ergibt, ist oben errechnet. Der Übersetzer nimmt an der Gesamtausschüttung nur in dem Abrechnungsjahr teil, in dem er das Manuskript abliefert. Wird seine Übersetzung ein Bestseller, was sich ja erst in den Folgejahren herausstellt, so erhält der Übersetzer für seinen Erfolg gar nichts mehr. Das ist nach § 32a UrhG unzulässig, weil ein Urheber im voraus auf eine weitere Vergütung nicht verzichten kann.

Das Münchner Modell der AG Publikumsverlage ist nicht nur Augenwischerei, es ist die dokumentierte Verachtung literarischer Übersetzer.

München, 24. Januar 2007

gez. RA Peter Beisler

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