Reaktionen auf SZ-Artikel von Thomas Steinfeld

Kurzbiographien [alle ein-/ausklappen]

Zusammenfassung der Debatte:
Dossier zum sogenannten
"neuen Übersetzerstreit"

Leserbriefe:
Christa Schuenke
Friedrich Griese
Sabine Hedinger
Nathalie Mälzer-Semlinger
Ingrid Altrichter
Brigitte Große
Klaus Jöken
SZ-Abonnenten (Jürgen Bauer,
   Christiane Kuby,
   Andreas Löhrer,
   Karin von Schweder-Schreiner
   Claus Varrelmann,
   Clemens Wilhelm)
Thomas Merk
Susanne Baghestani
Gregor Seferens
Olga Radetzkaja
Werner Richter
Andreas Tretner

Reaktionen auf 2. Steinfeld-Artikel:
Ulrich Blumenbach
Angela Plöger
Susanne Kuhlmann-Krieg

Leserbrief von Christa Schuenke:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

an Ihrem Artikel „Ein Haus für Rechthaber“ ist einiges fatal, anderes falsch, und alles zusammen in erstaunlichem Maße fahrlässig. Vermutlich steckt dahinter ja nichts weiter als die gleiche arrogante Oberflächlichkeit, die wohl auch daran schuld war, dass vor wenigen Wochen in einer Rezension zu meiner Neuübersetzung von Gullivers Reisen mein Name gleich zweimal und überdies zweimal verschieden falsch geschrieben war und auch die Bildunterschrift zur abgebildeten Illustration von Anton Christian nicht stimmte.

Ich bin seit dreißig Jahren literarische Übersetzerin aus dem Englischen und lebe ausschließlich vom Übersetzen von Belletristik und Poesie. Dass ich das kann, ohne Erbschaften, ohne ein festes Einkommen in der Familie, viele Jahre sogar als Alleinerziehende, verdankt sich anerzogener Bescheidenheit und einem angeborenen glücklichen Naturell. Dies beides lässt mich auch mit beinah 60 Jahren noch die mehr oder minder studentische Existenz ertragen, von der Sie schreiben. Stolz bin ich auf diese Talente so wenig wie auf besagte Existenzform. Aber ich habe dennoch meinen Stolz, und darum finde ich, dass die Gesellschaft, in der solche Zustände möglich sind und in einem großen deutschen Feuilleton sogar noch gerechtfertigt werden, allen Grund hat, sich dafür zu schämen.

In Schweden oder Finnland erhalten Übersetzer, die so lange im Dienst der Literatur stehen wie ich, die so illustre Autoren übersetzt haben wie ich und deren Arbeit, genau wie meine, mehr als einmal mit Preisen bedacht wurde, eine Ehrenrente vom Staat, die sie vor der Altersarmut schützt, die auf mich
unweigerlich zukommt und nur eine Verschärfung meiner schon
jetzt mehr als prekären Situation sein wird.

Als ich vor zehn Jahren für meine Neuübersetzung sämtlicher Sonette von William Shakespeare mit dem Christoph-Martin-Wieland-Preis ausgezeichnet wurde, war der damalige Bundespräsident Roman Herzog bei der Preisverleihung zugegen. In seiner Rede nannte er es damals einen Skandal, dass man mit einem der wichtigsten Berufe, die das deutsche Geistesleben kennt, nicht seinen Lebensunterhalt verdienen kann. An diesem Skandal hat sich bis heute kaum etwas geändert. Seit der Verabschiedung des neuen Urheberrechtsgesetzes am 1. Juli 2002 haben die Verleger den Übersetzern nicht keinen Cent mehr gezahlt. Die Anzahl der Übersetzungen ist allerdings in dem genannten Zeitraum tatsächlich um knapp 30 Prozent zurückgegangen. Das den Übersetzer anzulasten, ist vermutlich nur ein mangelnder Information und schlechter oder gar keiner Recherche geschuldeter Kurzschluss und nicht die Infamie, als die es uns Betroffenen erscheinen muss.

Allerdings hat sich etwas Entscheidendes geändert: Seit zehn Jahren gibt es den Deutschen Übersetzerfonds und mit ihm eine systematischere, konzentriertere Förderung literarisch anspruchsvoller Übersetzungen durch Stipendien. Darüber hinaus gibt es seitdem ein breites Angebot an Fortbildungsseminaren für professionelle Literaturübersetzer, die vom Deutschen Übersetzerfonds finanziert und ausgerichtet, und von zahlreichen Kollegen eifrig wahrgenommen werden. Denn im Gegensatz zu dem, was Sie behaupten, haben die Übersetzer sehr wohl ein Interesse an guter und immer besserer Qualität und fühlen sich trotz der zum Himmel stinkenden Vergütungssituation ihren Autoren, der deutschen Sprache und dem kulturellen Transfer verpflichtet.

Die Unkultur besteht für mich in einer Verlegerstrategie, bei der die Übersetzungskosten nach wie vor unter Herstellungskosten fallen, die aus Sparsamkeitsgründen das Lektorat abschafft, Übersetzer mit einseitigen Verträgen nach Gutsherrenart knebelt, nach wie vor obszön hohe Vorschüsse für durchaus mittelmäßige Autoren locker macht und in der Öffentlichkeit mit Lügen wie der von den 3.500 Euro Monatseinkommen, die Literaturübersetzer angeblich verdienen, die Übersetzer, die Denis Scheck die unbesungenen Helden des Literaturbetriebs nennt, zu deren Prügelknaben zu machen sucht.

Mit freundlichen Grüßen

Christa Schuenke

Kurz-Biographie Christa Schuenke

Christa Schuenke
geb. 1948 in Weimar; Ausbildung im Hotelfach, Studium der Anglistik, Romanistik und Philosophie; übersetzt seit 30 Jahren frei- und hauptberuflich aus dem Englischen u.a. Werke von W. Shakespeare, J. Donne, B. de Mandeville, J. Keats, H. Melville; E. A. Poe, H. James, A. A. Milne, R. Bradbury, R. Dahl, E. Bond, J. Kelman, J. Banville, I. B. Singer, C. Nolan, Chang-rae Lee, D. Foster Wallace, W. Gibson, W. B. Yeats, M. Z. Danielewski, J. Swift; erhielt u.a. 1997 den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis und 2003 den Übersetzerpreis der Stiftung Kunststiftung NRW

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Friedrich Griese:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

da haben Sie aber einen schönen Bock geschossen!

Schon die Verknüpfung zwischen den sogenannten „Sprachwahrern“ und den Fluktuationen der Zahl der Übersetzungen ins Deutsche ist äußerst apart. Was haben wir Übersetzer mit dem Ideal einer reinen Sprache zu tun?

Die Mär vom Zusammenhang zwischen der Zahl der Übersetzungen und der Höhe der Übersetzerhonorare wurde vom Börsenverein in durchsichtiger Absicht in die Welt gesetzt. Die Zahl der Übersetzungen weist seit jeher von Jahr zu Jahr Fluktuationen auf, mal aufwärts, mal abwärts. Ob ein Verlag ausländische Titel einkauft, hängt in erster Linie von der Einschätzung der Verkäuflichkeit im Inland und von der Höhe der Lizenzgebühren ab – die Übersetzungskosten sind, verglichen mit den Lizenzgebühren sowie den Personal- und den Herstellungskosten der Verlage, eine zu vernachlässigende Größe. Sie würden selbst bei einer Verdoppelung ein geringfügiger Kalkulationsposten bleiben.

Ein Punkt, der mich veranlaßt, meinen Rechtsanwalt zu konsultieren, ist Ihre imageschädigende Darstellung meines Berufsstandes. Mein Standing bei der Bank könnte darunter leiden, wenn Sie meine Arbeit als eine schildern, auf die man nur selten eine bürgerliche Existenz gründen könnte und mit der man auch in fortgeschrittenem Alter nicht über die studentischen Lebensformen hinauskommt. Nicht nur mein Standing bei der Bank leidet, auch mein Standing gegenüber meinen Vertragspartnern. Wie kann ein Verleger mich ernstnehmen, wenn er von Ihnen bescheinigt bekommt, daß er es bei mir mit einem Schwachsinnigen zu tun hat?

Den „Kompromißvorschlag“ der AG Publikumsverlage haben Sie, der als kritischer Geist gilt, offenbar unbesehen weitertransportiert. In Kenntnis der Verkaufszahlen von Büchern insgesamt und Übersetzungen im besonderen kann ich Ihnen versichern, daß beim „Münchner Modell“ 95 Prozent aller Übersetzer auf ihrem schmalen „Garantiehonorar“ sitzenbleiben würden. Soll die Beteiligung am Verkaufserfolg ein wesentlicher Bestandteil des Übersetzereinkommens werden, kommt das „Münchner Modell“ einer Einladung zum Zocken gleich, bei dem der Verlierer von vornherein feststeht. Der „Kompromiß“ läuft darauf hinaus, daß die Verlage bei den Bestsellern kräftig sparen und dem Rest der Gemeinde einen Köder hinwerfen, den die wenigsten erreichen können. Für die Übersetzer insgesamt bleibt alles beim alten oder verschlechtert sich gegenüber bisherigen Konditionen – ein hübscher Kompomiß, fürwahr!

Die Feststellung, daß es nur bei angemessener Honorierung auch künftig Weltliteratur in guter deutscher Übersetzung geben wird, haben Sie gründlich mißverstanden. In allen Lebensbereichen gilt, daß Qualität ihren Preis hat. Ein Qualitätsjournalist wird sich nicht für’n Appel und ’n Ei verdingen. Leuchtet Ihnen das ein? Für das „kulturelle Apriori“ Ihrer Arbeit können Sie sich auch nichts kaufen.

Um Sie aber nicht nur zu schelten, sondern Ihnen zu einem besseren Durchblick zu verhelfen, lade ich Sie zur Jahrestagung des Übersetzerverbandes ein, die vom 15-17. Juni in Wolfenbüttel stattfinden wird. Dort werden Sie erleben, auf welch professionellem Niveau fachliche, „kulturelle“ Fragen erörtert werden. Seien Sie mein Gast – ich übernehme Ihren Tagungsbeitrag und lade Sie zu einem guten Essen ein!

Mit freundlichen Grüßen

Friedrich Griese

Kurz-Biographie Friedrich Griese

Friedrich Griese
Studium Philosophie und Soziologie. Freier Übersetzer seit 1971, Schwerpunkt Sachbuch (Natur- und Geisteswissenschaften), aber auch Belletristik. Sprachen: Englisch, Polnisch, Französisch. Stipendiat der Villa Decius in Krakau, Brockes-Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds. Übersetzte Autoren u.a.: Monod, Lem, Kolakowski, Eccles, Popper, Gates, Goleman, Wieseltier, Kuczok, Borowski, Gould, Lightman, Geremek.

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Sabine Hedinger:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

Sie scheinen ein echter Spitzweg-Fan zu sein, so wie Sie das Übersetzerleben schildern: "können in den seltensten Fällen eine bürgerliche Existenz gründen", "kommen über die studentischen Lebensformen nicht hinaus" ...

Ja, ich meine geradezu, Ihre Bilder zu sehen: Gewitzte halbstarke Wuschelköppe (Friseur is ja nu nich drin), die noch im Halbschlaf die Tchibo-Maschine anwerfen (Strom/Wasserrechnung bezahlt! phhuu! geht doch!) und sogleich auf den entscheidenden Knopf ins Netz drücken (Flatrate - man gönnt sich ja sonst nichts!).

Gebongt. Und dann lese ich "auch in fortgeschrittenem Alter". Sie erwarten also von uns Älteren, die vielleicht mal die Chuzpe hatten, eine Familie gründen zu wollen, oder eben einfach älter (und huch! evtl. kränker) geworden sind, als Randexistenzen nicht nur zu funktionieren, sondern auch noch unbeirrt durch brennende Reifen zu springen, sprich literarische Bestleistungen zu erbringen, stets atemlos hoffend, nicht von Ihnen oder Ihresgleichen im Feuilleton niedergeschrieben zu werden, um sich nach getaner Lebensleistung ohne Aufsehen auf irgendeinen Gnadenhof verschieben zu lassen.

Zur Wertschöpfungskette eines Verlags gehören, das wissen Sie wahrscheinlich besser als ich, zahlreiche Parteien. Keine/r von denen, ob Chef, Putzfrau, Drucker, Pizzalieferant, Florist, Sekretärin, Computernerd oder sonstwas, würde sich um der lieben Auslandsliteratur wegen auch nur einen Cent von seinem Lohn abpressen lassen, keine/n von denen würden Sie öffentlich dazu auffordern --- und Hand aufs Herz, wären Sie bereit, Ihren Zehnten oder eher ein bisserl mehr für die hehre Kunst abzudrücken? Um unsereins so Richtung Hartz IV zu subventionieren, Sie wissen schon?

Ich lebe meines französischen Mannes wegen seit 99 in der Pariser Region, und weil ich keinen angemessenen Beitrag zum Familieneinkommen bieten kann, eben im département 93. Mein französischer Mann subventioniert mich und damit auch die fremdsprachige Literatur in Deutschland, und das finde ich, die meistens 60 Std. pro Woche an meistens schwierigen literarischen Texten sitzt, einfach skandalös. Wenn ich die Kohle hätte, die ich aus o.g. Gründen nicht habe, würde ich Ihnen gern einen Flug nach Damaskus spendieren, unter der Auflage, dass Sie sich - wenn auch in umgekehrter Richtung - dortselbst zu Fuß auf den Weg machen: Vielleicht blitzt's ja dann auch bei Ihnen.

Mit freundlichen Grüßen

Sabine Hedinger

Kurz-Biographie Sabine Hedinger

Sabine Hedinger
geb. 1953 in Ludwigsburg; M.A. Erziehungswissenschaften / Soziologie / Jugend- und Familienrecht; Jugendberaterin/therapeutin in Deutschland und den USA; übersetzt seit über 20 Jahren frei- und hauptberuflich englischsprachige Belletristik, u.a. von Joan Didion, Lavinia Greenlaw, Fay Weldon und Bret Easton Ellis; wurde 1995 mit dem Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung 1995 und 2000 mit dem Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Nathalie Mälzer-Semlinger:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

mit großer Verärgerung habe ich Ihren heutigen Artikel in der SZ gelesen. Ihre Forderung, die Literaturübersetzer hätten die moralische Verpflichtung, ein Leben als "ewiger Student" hinnehmen zu müssen, um Weltliteratur auf deutsch lesbar zu machen, ist blanker Hohn. Daß die Zahl der Übersetzungen in letzter Zeit abgenommen hat, stimmt, aber es ist reine Spekulation, dies auf die Forderungen der Literaturübersetzer nach angemessener Entlohnung zurückzuführen. Schließlich erhalten wir seit der Urhebervertragsnovelle keinen Cent mehr. Gründe für die abnehmende Zahl von Übersetzungen ins Deutsche könnten vielmehr sein, daß die deutsche Literatur erfolgreicher geworden ist und Preise für Auslandslizenzen gestiegen sind ... Aber ich muß auch ausdrücklich sagen, egal was der Grund sein mag, ich würde es liebend gern in Kauf nehmen, wenn es weniger Übersetzungen gibt, diese aber so bezahlt würden, daß man davon auch mit Familie leben kann und sich nicht um Altersarmut sorgen muß. Und eine bessere Bezahlung würde sich auch auf die Qualität der Übersetzungen auswirken, da man sich einfach leisten könnte, mehr Zeit dafür aufzuwenden. Lieber Klasse statt Masse! Außerdem: Bücher sind in den vergangenen Jahrzehnten immer teurer geworden, die Buchproduktion ist gestiegen. Die Übersetzerhonorare hingegen stagnieren. Wie kann man da den Schluß ziehen, wir wären die Literaturverhinderer, fragt

freundlich grüßend

Nathalie Mälzer-Semlinger

Kurz-Biographie Nathalie Mälzer-Semlinger

Nathalie Mälzer-Semlinger
geb 1970 in Berlin, studierte Komparatistik, Theater- und Filmwissenschaften in Berlin und Paris, MA 1995, seither freie Lektorin und Literaturübersetzerin aus dem Französischen, u.a. von Christophe Honoré, Yann Apperry und Sylvain Trudel; Stefan-George-Preis 2000, Johann-Joachim-Christoph-Bode-Stipendium 2003

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Ingrid Altrichter:

Sehr geehrter, ahnungsloser(?) Herr Steinfeld,

Ihre Angst vor dem Niedergang der deutschen Übersetzungskultur in Ehren. Ich teile sie, wenn auch aus anderen Gründen.

Dass Sie dabei in dieser Weise den Verlegern das Wort reden, ihre Argumente nicht hinterfragen und weit verbreitete Übersetzer-Armut als unabwendbar – oder gar gottge­wollt? – hinnehmen, mag Ihnen der Himmel vergeben, denn Sie haben, wie mir scheint, offenbar nicht gewusst, was Sie tun. Ihr bei Übersetzern angemahntes "kulturelles Apriori" ist hingegen geradezu zynisch.

Da fällt mir nur noch eine Veranstaltung ein, zu der schon vor etwa zehn Jahren der VdÜ einige Verleger eingeladen hatte, um mit ihnen auch darüber zu reden, dass zu niedrige Honorare, von denen keiner leben kann, auf die Dauer auch negative Folgen für die Qualität unserer Arbeit haben könnten, wenn uns die schiere Not zwingt, zu viele Aufträge anzunehmen.

Antwort eines Verlegers: Gute Übersetzer arbeiten auch unter Termindruck nicht schlechter, sie sehen nur schlechter aus, wenn sie ihren Text abliefern ... ihren guten Ruf setzen sie unter keinen Umständen aufs Spiel ...

Ihren guten Ruf? Ihr kulturelles Apriori? Ihren zwangsläufig in die Altersarmut führenden Einsatz für anspruchsvolle Literatur? Vermögen Sie da klare Grenzen zu ziehen? Den oben zitierten Herrn, der nur seine Erfahrung wiedergab, haben Sie mit Ihrer bereitwilligen Akzeptanz der Misere und Ihrer Schuldzuweisung noch um Längen übertroffen.
Glückwunsch!

Zutiefst traurige Grüße

Ingrid Altrichter

Kurz-Biographie Ingrid Altrichter

Ingrid Altrichter
geb. 1942 in Bielitz; Abitur; Sprachstudium an der Sorbonne; übersetzt seit 35 Jahren Sprachen frei- und hauptberuflich aus dem Englischen und Französischen Kinder- und Jugendbücher, Biographien, Krimis, historische Romane und gehobene Unterhaltungsliteratur u.a. von Georges Simenon; Rosamunde Pilcher, Christian Jacq

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Brigitte Große:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

Ihre einseitige, parteiische Stellungnahme zum Urheberrechtsstreit im honorigen Feuilleton der SZ hat mich bestürzt. Der Logik, daß die Übersetzer schuld sein sollen am Rückgang der Übersetzungen und an der Musealisierung der deutschen Sprache, weil sie für eine anständige Bezahlung ihrer Arbeit streiten, vermag ich nicht zu folgen. Ich sage anständig, nicht angemessen. (Zur Erinnerung: Das durchschnittliche Monatseinkommen eines Literaturübersetzers streift die Armutsgrenze; es liegt um 1000 Euro, das deutsche Durchschnittseinkommen bei 3500 Euro; da Übersetzer aber im Akkord arbeiten, weil sie pro Seite bezahlt werden, ist dieses Einkommen desto geringer, je anspruchsvoller und schwieriger der zu übersetzende Text ist – das ist unanständig, wenn man außerdem bedenkt, daß Übersetzer meist eine akademische Ausbildung haben und weit mehr als vierzig Stunden die Woche arbeiten).

Anlaß für den Rückgang der Übersetzungen war in erster Linie die Explosion der Lizenzsummen, wie Michael Naumann, jahrelang Rowohlt-Chef, später Staatsminister für Kultur, schon 1999 beklagte. So wurden die Weltmarktrechte für John Grisham damals um 130 Millionen Dollar verkauft. Zu dieser Kostenexplosion haben die deutschen Verlage nicht unwesentlich beigetragen; das Bild des deutschen Verlegers, der mit dem Geldkoffer in die USA reist und bereit ist, jede Summe für die Rechte an einem Bestseller (oder möglichen Bestseller) zu bezahlen, wurde oft und gern kolportiert. Als weiteres Problem für die angemessene Entlohnung der Urheber sieht der Literaturagent Ernst Piper die „Rechtekaskade“: Wenn ein ausländischer Autor dem Originalverlag alle Rechte an seinem Werk übertragt, dieser eine Übersetzungslizenz an einen deutschen Verlag vergibt, dieser eine Sublizenz an einen Audioverlag vergibt und dieser wiederum eine Sublizenz an ein Downloadportal, so kommt vom Honorar, das in der Endstufe erwirtschaftet wird, nur noch etwa ein Fünftel beim Autor an. Vom Übersetzer ganz zu schweigen. Kurz: Da immer mehr Leute immer mehr vom Kuchen abhaben wollen, den die Urheber (Autoren als Schöpfer des Originals, Übersetzer als Schöpfer der deutschen Fassung) schaffen, bekommen die Urheber, ohne die es gar keine Verlage gäbe, immer weniger davon ab. Ein Modell, das die gestiegenen Kosten beim schwächsten Glied der Kette, den Übersetzern nämlich, wieder hereinholen will, ist unter diesen Umständen unverfroren. Es als Kompromißvorschlag zu bezeichnen entweder Unwissenheit oder Bösartigkeit. Und da die Übersetzer weder eine Lobby haben noch eine sind (dazu fehlt uns schlicht das Geld, s.o., die meisten Übersetzer sind allerdings im Übersetzerverband in der Gewerkschaft Ver.di organisiert), können die Verlage ihren „Vorschlag“ (den sie nach ihrem Ausstieg aus den Verhandlungen nicht den Übersetzern unterbreitet, sondern über die Presse lanciert haben) unwidersprochen als Verbesserung und Entgegenkommen anpreisen (tatsächlich entspräche er einer Einkommensreduzierung um mindestens 10%), und keiner der Kulturredakteure fand es bisher der Mühe wert, das nachzurechnen und zu erwähnen. Ein schöner Witz über die Beziehung zwischen Geld und Kunst: Was unterscheidet Bänker von Künstlern? Bänker reden über Kunst, Künstler reden über Geld. Macht sie das zu schlechteren Künstlern? Wie kommen Sie zu der Ansicht, daß Übersetzern „ihre Arbeit zwar als finanzielle und bürokratische Realität erscheint, nicht aber als kulturelle“? Wenn dem so wäre, gäbe es keine Übersetzer mehr. Es gehört schon viel Idealismus und Lust am „kulturellen Dialog“ dazu, Übersetzer zu werden und zu bleiben. Tatsächlich steigen viele Übersetzer aus, wenn sie eine Familie gründen, weil sie ihren Kindern so ein „studentisches Leben“ nicht zumuten, sondern sich lieber mit einem anständig bezahlten Beruf eine bürgerliche Existenz schaffen wollen. Soll das Übersetzen künftighin Sprachstudenten vor der ersten Anstellung, gelangweilten Hausfrauen oder Gelegenheitstätern unter Sprachinteressierten mit festem Einkommen überlassen bleiben? Bücher sind nicht sehr renditeträchtig, es steckt zuviel menschliche Arbeit darin. Und daß man mit Übersetzen nicht reich wird, weiß jeder Übersetzer. Nur leben können sollte man schon davon.

Mit freundlichen Grüßen

Brigitte Große

(seit 13 Jahren Übersetzerin, u.a. von Georges-Arthur Goldschmidts wunderbaren Essays über die deutsche Sprache)

Kurz-Biographie Brigitte Große

Brigitte Große
geb. 1957 in Wien; Studium der Philosophie und Musikwissenschaft, Soziologie und Psychologie; freie Lektorin, Redakteurin und Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen, u.a. von Éliette Abécassis, Jacqueline Harpman, Linda Lê, Frédéric Beigbeder, Georges-Arthur Goldschmidt, Elie Wiesel; ausgezeichnet mit dem Förderpreis für literarische Übersetzungen der Stadt Hamburg 1994 und dem Hieronymus-Ring 1999

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Klaus Jöken:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

ich bin aufrichtig entsetzt in welcher Unkenntnis der Sachlage Sie in Ihrem Artikel "Ein Haus für Rechthaber" das Problem der Übersetzervergütung behandelt und unbesehen die Argumente des Verlegerverbandes wiederholt. Die Zahl der Übersetzungen unter den Buchveröffentlichungen geht zurück, weil die Deutschen wieder mehr eigene Autoren lesen und weil die Lizenzen für ausländische Bestsellerautoren in astronomische Höhen gestiegen sind. Die Forderungen der Übersetzer nach einer angemessenen Bezahlung haben damit nichts zu tun. Ihr Anteil an den Gesamtkosten einer Buchveröffentlichung ist so geringfügig, dass er kaum ins Gewicht fällt. Praktisch alle Verlage gehören heute großen Konzernen, die nur noch interessiert , dass alles schnell und billig gemacht wird. Ich selbst musste in der letzten Zeit fast alle Übersetzungsaufträge ablehnen. Die Konditionen sind einfach untragbar geworden. Wahrscheinlich kaufen die Deutschen wieder mehr eigene Literatur, weil Profis zunehmend aus dem Beruf gedrängt werden und demzufolge die Qualität der Übersetzungen sinkt (irgendein Stundent, der es doch noch macht, findet sich dann ja immer).

In der Hoffnung auf eine ausgewogenere Berichterstattung zu diesem Thema.

Hochachtungsvoll

Klaus Jöken

Kurz-Biographie Klaus Jöken

Klaus Jöken
geb. 1958 in Kleve (NRW); studierte Niederländisch und Geschichte; arbeitet als freier Lektor und Übersetzer von Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Comics und Sachbüchern über Geschichte, Kulturgeschichte und Kunstgeschichte aus dem Französischen und Niederländischen, u.a. von Jacques Le Goff, Denis Guedj, Roger Chartier, Sophie Caratini, Katherine Pancol, Dominique Marny, Al Uderzo, Morris: Lucky Luke, 5 Bde. 1994-98, Jean-Michel Charlier: Buck Danny, 46 Bde., Christian Godard: Vagabunden der Unendlichkeit, 10 Bde., Feest u. Arboris 1989-98, Anton van der Lem und Françoise Dierkens-Aubry

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von mehreren SZ-Abonnenten:

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Abonnenten Ihrer Zeitung vertrauen wir darauf, täglich von Ihnen seriös informiert zu werden. Nach der Lektüre des Artikels „Ein Haus für Rechthaber“ im Feuilleton der heutigen Ausgabe, müssen wir - allesamt hauptberufliche Literaturübersetzer - an dieser Seriosität jedoch stark zweifeln.

Der Tenor von Thomas Steinfelds Ausführungen: „Ihr verdient zwar viel zu wenig, aber es ist eure verdammte Pflicht, den Kulturbetrieb durch euer geringes Einkommen zu subventionieren“, spricht von einer unerträglichen Arroganz. Es wäre interessant zu erfahren, wie er reagieren würde, wenn man vom ihm dasselbe verlangte. Zudem scheint Herr Steinfeld seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen zu sein. Hätte er einen der ihm persönlich bekannten Übersetzer um eine Stellungnahme gebeten, wüsste er, dass das Angebot der AG Publikumsverlage eine reine Mogelpackung ist. Übrigens ist der Übersetzerverband VdÜ weiterhin verhandlungs- und kompromissbereit, nur müssen sich die Verleger endlich von ihrer Haltung verabschieden, dass sie eine Vereinbarung über eine angemessene Honorierung unserer Arbeit unter dem Strich nichts kosten darf.

In der Hoffnung, dass ein tendenziöser Artikel wie der von Herrn Steinfeld die Ausnahme bleibt und wir weiterhin von der Süddeutschen Zeitung die journalistische Qualität geboten bekommen werden, die wir für unsere Abonnementsgebühr verlangen können, verbleiben wir

mit freundlichem Gruß

Jürgen Bauer
Christiane Kuby
Andreas Löhrer
Karin von Schweder-Schreiner
Claus Varrelmann
Clemens Wilhelm

Kurz-Biographien: Jürgen Bauer | Christiane Kuby | Andreas Löhrer |
Karin von Schweder-Schreiner | Claus Varrelmann | Clemens Wilhelm

Jürgen Bauer
geb. 1954 in Heiligenstadt/Ofr.; Übersetzerstudium am FAS Germersheim; freier Übersetzer von Belletristik und Sachliteratur mit technisch-naturwissenschaftlicher und sozialpolitischer Thematik aus dem Italienischen und Englischen, u.a. Werke von V. Brancati, L. De Crescenzo, P. Cacucci, A. De Carlo, L. Grimaldi, Ray Bradbury, John Irving, Anne Fine, Cornell Woolrich, Martin Amis

Christiane Kuby
geb. 1952 in Frankfurt/M.; studierte: Romanistik und Germanistik in Amsterdam, wo sie als frei- und hauptberufliche Redakteurin und Übersetzerin aus dem Niederländischen und Französischen lebt; übersetzt Belletristik und Sachbücher über Kunstgeschichte, Kulturgeschichte und Philosophie; Übersetzerin u.a. von: Rik Smits, Carl Friedman, Caroline Hanken, Marie Kessels, Helga Ruebsamen, Astrid Roemer, Kader Abdolah, Tonnus Oosterhoff, Robert Haasnoot, Maya Rasker und Jeroen Brouwers

Andreas Löhrer
geb. 1956 in Mannheim, studierte Romanistik und Geschichte, arbeitet als Lektor, Herausgeber und freier Übersetzer von Belletristik und Sachbücher aus dem Spanischen, Italienischen und Französischen; u.a. von Maurizio Maggiani, Antonio Negri, Diego Maradona, Rosa Montero, Javier Moro, Subcomandante Marcos, Paco Ignacio Taibo II, Jorge Valdano, José Bové, Serge Bricianer, Pierre Canjuers und Cornelius Castoriadis.

Karin von Schweder-Schreiner
geb. 1943 in Posen; studierte in Gernmersheim und Lissabon, Abschluss als Dipl.-Übersetzer u. Verhandlungsdolmetscher; freie Übersetzerin von Belletristik, Kinder- und Jugendbliteratur, Hörspielen und Theaterstücken aus dem portugiesischen und dem brasilianischen Portugiesisch sowie aus dem Schwedischen, u.a. von Jorge Amado, Rubem Fonseca, Paulo Castilho, Fernando Pessoa, Alice Vieira und Carl Larsson; 1987/88 und 1996/97 Stipendien des Deutschen Literaturfonds, 1990 den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen, 1994 den Internationalen Übersetzerpreis des brasilianischen Kulturministeriums und 2006 den Albatross-Literaturpreis

Claus Varrelmann
geb. 1959 in Reinbek; Sinologiestudium, seit 1990 freier Übersetzer aus dem Englischen, u.a. von Ian Rankin, Maggie O'Farrell, Anne Tyler u.a., sowie Mitübersetzer u.a. von Tim Parks und V. S. Naipaul

Clemens Wilhelm
geb. 1950, Dipl. Übersetzer (Russisch, Englisch); frei- und hauptberuflicher Übersetzer aus dem Englischen, Niederländischen und Französischen; übersetzt Sachbücher und wissenschaftliche Texte aus den Sachgebieten Astronomie, Buddhismus, Grenzwissenschaften, Industrie und Technik, Medizin, alternative Medizin, Mythologie, Philosophie, Psychologie, Religion, Soziologie, Spiritualität und Wein

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Thomas Merk:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

Ihr heute in der Süddeutschen Zeitung erschienener Artikel "Ein Haus für Rechthaber" hat mich sehr empört.

Sie beklagen darin wortreich das "plötzliche Nachlassen des Interesses an Übersetzungen ins Deutsche" und schieben die Schuld daran einzig und allein den von materieller Gier getriebenen Übersetzern zu, was meiner Meinung nach entweder auf völliger Unkenntnis der Materie oder einer absichtlichen und böswilligen Verdrehung der Tatsachen beruht.

Ich habe vor Kurzem eine Lesung aus der (übrigens ganz hervorragenden) Neuübersetzung von "Gullivers Reisen" gehört. Die Übersetzerin - Christa Schuenke aus Berlin - hat anschließend dem Publikum erklärt, dass sie dabei an der Übersetzung einer einzigen Seite oft mehrere Tage, in extremen Fällen sogar eine Woche gearbeitet hat. Als sie danach das Honorar nannte, das ihr der Verlag pro Seite bezahlt hat, ging ein ungläubiges Raunen durchs Publikum: Es waren lächerliche 20 Euro.

DAS, Herr Steinfeld, ist der wahre Skandal, und DARÜBER müssten Sie, wenn Sie Ihre journalistische Sorgfaltspflicht auch nur halbwegs ernst nehmen würden, ihren nächsten Artikel schreiben.

Fühlen Sie sich eigentlich wohl in Ihrer Haut, wenn Sie in Ihrem von einem komfortablen Redakteuersgehalt angeschafften Lehnsessel sitzend eine der ach, so selten werdenden Übersetzungen ins Deutsche goutieren und die Tatsache, dass diejenigen, deren harte Arbeit Ihnen diesen Genuss überhaupt erst ermöglicht, davon nur "in seltenen Fällen eine bürgerliche Existenz gründen können" nicht mehr als ein müdes Schulterzucken entlockt? Ist Ihnen bewusst, dass ihr flockig dahingeschwafeltes "auch in fortgeschrittenem Alter kommt ein Übersetzer über die studentischen Lebensformen nicht hinaus" in Wahrheit nur ein arrogant verniedlichender Euphemismus für den sehr viel hässlicheren Begriff "Abrutschen in die Altersarmut" ist?

Eine Haltung wie diese, vorgebracht von einem anständig bezahlten, sozial bestens abgesicherten Ressortleiter einer großen, überregionalen Zeitung, ist ein Zynismus, dessen Kaltschnäuzigkeit sich kaum mehr überbieten lässt.

Schämen Sie sich!

Thomas Merk

Kurz-Biographie Thomas Merk

Thomas Merk
arbeitet seit 1991 als freier Übersetzer aus dem Englischen und als Autor für verschiedene Verlage; Genres: Belletristik, Kinder- und Jugendbuch, Unterhaltungsroman Sachgebiete: Krimi, Thriller, Reiseführer, Computer, Jugendsachbuch, Reiseliteratur; Übersetzer u.a.: Patricia D. Cornwell, Noah Gordon, Harry Mazer, Theodore Taylor, Kenneth Grahame, Cynthia Voigt

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Susanne Baghestani:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

der Titel Ihres heutigen Artikels ist ebenso aufschlußreich wie verräterisch. Gegen die Übersetzer und ihren kleinen Verband ist die Verlegerlobby schon häufig und mit unwahren Behauptungen zu Felde gezogen, angesichts Ihres Beitrags müßte sie aber vor Neid erblassen!

Es fängt schon damit an, daß Sie den VdÜ, die gewerkschaftliche Vereinigung eines Häufleins unterbezahlter, geringverdienender ÜbersetzerInnen als "Lobby" bezeichnen. Soweit mir bekannt, entspricht der jährliche Werbeetat dieser angeblichen "Lobby" nicht einmal dem Monatslohn eines Journalisten der Süddeutschen. Dann heißt es, die Verlage hätten die Zahl der Übersetzungen wegen der diesbezüglichen unabwägbaren finanziellen Verpflichtungen vermindert. Schuld am"Niedergang" der deutschen Sprache sind also die ÜbersetzerInnen. Und schließlich unterstellen Sie unsereins, unsere Arbeit nicht als kulturelle Realität zu begreifen. Angesichts dieser Unverfrorenheit fehlen mir wirklich die richtigen Worte!

Wenn Sie sich so sehr um die Erhaltung der deutschen Sprache sorgen, empfehle ich Ihnen, doch mit gutem Beispiel voranzugehen. Das hieße, daß Sie fortan wie die Übersetzer auf Ihre überhöhten Lohnforderungen an Ihren Arbeitgeber, die SZ, verzichteten und bis ins hohe Alter für einen monatlichen Mindestlohn von 1000,- Euro Artikel schreiben würden. Vielleicht ließe sich ja dann der drohende Untergang der deutschen
Sprache abwenden.

Aber nein, Sie sind Journalist und haben Rechte! Eben deshalb sitzen Sie auch in einem Haus für Rechthaber!

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Susanne Baghestani

Kurz-Biographie Susanne Baghestani

Susanne Baghestani
geb. in Teheran, Studium der Vorderasiatischen und Klassischen Archäologie und Assyriologie in München und Paris; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Goethe Universität Frankfurt; seit 1997 freie Autorin und frei- und hauptberufliche Übersetzerin von Belletristik, Lyrik, Sachliteratur, Theaterstücken und wissenschaftlichen Texten aus dem Persischen, dem Dari und dem Französischen

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Gregor Seferens:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

hatte ich bisher das Vergnügen, in vielen Ihrer Artikel Ihre Hellsicht und Intelligenz bewundern zu dürfen, so bin ich über die Ignoranz und die Infamie Ihres heutigen Beitrags „Ein Haus für Rechthaber“ entsetzt.

Sie haben recht, wenn Sie sagen, in keine andere Sprache sei in der Vergangenheit soviel übersetzt worden wie ins Deutsche, und natürlich stimmt es auch, daß unsere Sprache davon in vielfältiger Weise profitiert hat. Aber ist es denn abwegig, sich zu fragen, unter welchen Bedingungen diese wichtigen Beiträge zu unserer Kultur entstanden sind? Tatsache ist immer noch, und Sie erwähnen dies auch in Ihrem Artikel, daß man auf das Übersetzen kaum „eine bürgerliche Existenz gründen“ kann und man als „Übersetzer auch in fortgeschrittenem Alter nicht über studentische Lebensformen“ hinauskommt. Was bedeutet aber dieser Befund? Er bedeutet, daß die literarische Vielfalt in Deutschland seit vielen Jahrzehnten von den Übersetzern durch Einkommensverzicht, geringe soziale Absicherung und Statuseinbußen subventioniert wird. Mehr noch: Das reale Einkommen der Übersetzer sinkt seit über zwanzig Jahren. Während Sie positive Bilanzen und wirtschaftliches Wachstum für Verlage offenbar für selbstverständlich halten, erwarten Sie von den Übersetzern allem Anschein nach, daß sie ihre Armut auch weiterhin hinnehmen, um die Verlage über Wasser zu halten und jenen, die sich eine „bürgerliche Existenz“ leisten können (und ich nehme an, dazu gehört auch ein leitender Feuilleton-Redakteur der SZ), die literarische und sprachliche Vielfalt zu garantieren.

Was ich von Ihnen als gutverdienender Bildungsbürger erwartet hätte, wäre gewesen, daß Sie sagen: Ja, natürlich will ich, daß die Leute, die durch ihre übersetzerische Arbeit einen wichtigen Beitrag zu unserer Kultur liefern, gerecht bezahlt werden, und natürlich bin ich auch bereit, dafür bei jedem Kauf eines übersetzten Buchs mehr zu zahlen. Also, liebe Verlage, kalkuliert eure Preise neu, denn das müßt ihr auch tun, wenn der Drucker oder das Papier teurer wird.

Soviel zur Ignoranz.

Was ich an Ihrem Artikel als perfide empfinde, ist, daß Sie darin auf unterschwellige Weise Stimmung gegen die Übersetzer machen. Wiederholt bezeichnen Sie den Verband der deutschsprachigen Übersetzer als „Lobby“, was Sie bei der Arbeitsgemeinschaft der Publikumsverlage jedoch nicht tun. Dabei ist auch dieser Zusammenschluß nichts anderes als ein Bündnis, in dem gemeinsame Standpunkte formuliert werden, und das versucht, diese durchzusetzen. Auch die Kürze, mit der Sie erwähnen, daß die Übersetzer einen Kompromißvorschlag der Verleger abgelehnt haben, rückt letztere in ein schlechtes Licht. Durch Ihre Art der Formulierung muß der Leser den Eindruck gewinnen, die Übersetzer seien Betonköpfe, die auf ihren Forderungen beharren. Jeder, der den unter dem Namen „Münchener Modell“ lancierten Kompromißvorschlag kritisch prüft, muß zu dem Schluß kommen, daß er für die Übersetzer keine spürbare Verbesserung ihrer Einkommenssituation bringen würde und daß er nur das widerspiegelt, was die Verlage seit Beginn der Verhandlungen wie ein Mantra wiederholen: wirtschaftliche Besserstellung der Übersetzer ja, aber es darf uns nicht mehr kosten. Ernsthafte Vorschläge, wie das gehen soll, haben die Verlage bis heute nicht gemacht.

Daß Sie die Übersetzer mit ihrer Forderung nach angemessener Honorierung in die Nähe von „Pedanten“ und „Rechthabern“ rücken, empfinde ich als ausgesprochene Frechheit. Während es sich bei den meisten Kollegen um geistreiche, geistvolle, gebildete, engagierte und kreative Menschen handelt, suggerieren Sie erneut, daß es sich bei ihnen nur um Betonköpfe handeln kann. Und wie kommen Sie dazu, uns zu unterstellen, wir machten uns über den „kulturellen Dialog“ keine Gedanken? Wer, wenn nicht die Übersetzer, denkt in seiner täglichen Arbeit soviel darüber nach, wie dieser Dialog überhaupt zustande kommen kann? Wer beschäftigt sich eingehender mit der Frage, wie Denken, Fühlen und Erleben in anderen Kulturzusammenhängen erfahrbar gemacht werden kann?

Soviel zur Infamie.

Es mag sein, daß Ihre „Privatökonomie“ es Ihnen erlaubt, so etwas leichtfertig dahinzuschreiben. Der Blick auf meine „Privatökonomie“ sagt mir jedenfalls, daß es nach fast zehn Jahren als freier Übersetzer und Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens an der Zeit ist, für eine angemessene Honorierung zu kämpfen. Und er sagt mir auch, daß ich mir ein SZ-Abo nicht länger leisten kann. Hätte ich es nicht gestern bereits aus ökonomischen Gründen gekündigt, heute würde ich es aus Empörung tun.

Mit freundlichen Grüßen

Gregor Seferens

Kurz-Biographie Gregor Seferens

Gregor Seferens
geb. 1964 in Selfkant/Höngen; Studium der Germanistik, Niederlandistik und Philosophie, frei- und hauptberuflicher Übersetzer von Belletristik, Essayistik, Lyrik, Sachbüchern und wissenschaftlichen Texten aus dem Niederländischen; übersetzte u.a. Werke von Harry Mulisch, Abdelkader Benali, Anna Enquist, Anton Kohlhaas, Roel Bentz van den Berg, René Appel, Gijs Ijlander, Sem Dresden und Jaap Scholten; erhielt 2000 den Else-Otten-Preis

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Olga Radetzkaja:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

an Ihnen scheint ein Pädagoge verloren gegangen zu sein: Wie Sie den kindisch verbohrten Übersetzern sanft die Einsicht in ihre fatale Fehleinschätzung der Lage der Kultur - und ihrer eigenen - vermitteln, ist beeindruckend. Bedauerlich dabei nur einige logische Schwächen und Fehlurteile Ihres Artikels:

"Je mehr die Übersetzer möglicherweise verdienen werden, desto weniger Übersetzungen wird es geben", schreiben Sie.
Das mag sein. So mancher Kollege wird, wenn die Forderungen der Übersetzer Realität werden, vielleicht nicht mehr atemlos von einem Buch zum nächsten hetzen, nicht mehr die Wochenenden durcharbeiten, nicht mehr unter Druck ein nicht hundertprozentig fertiges Buch abgeben, er wird Zeit haben, zwischendurch etwas anderes zu lesen als das gerade zu übersetzende Buch und die dazugehörige Sekundärliteratur, und - er wird dennoch genauso viel oder vielleicht ein wenig mehr verdienen als jetzt.
Der Verlag dagegen wird, wenn er weniger Titel produziert als jetzt, nicht zwangsläufig weniger Bücher verkaufen, denn das Leserinteresse richtet sich nicht danach, wie viele Titel auf dem Markt sind, sondern welche (und wie sie beworben werden). Dass die Überproduktion der Verlage den Buchmarkt - und die Büchermacher umso mehr - eher belastet, ist in Verlagskreisen seit längerem Konsens.
Einfach zusammengefasst: Das Heil der Kultur, des Buchmarkts, der Leser und der Übersetzer hängt nicht an der Menge der produzierten Titel, sondern an ihrer Qualität.

"Ein schönes Paradox: Je größer der Sieg ausfällt, desto weniger Arbeit werden sie haben – und desto hässlicher wird die Konkurrenz auch zwischen den Übersetzern ausfallen, die sich zu einer Lobby verbunden haben."
Ein gewichtiger Einwand. Vielleicht sollten die Übersetzer zur Entlastung ihrer Kollegen in anderen Medienberufen auch ihrerseits öffentlich das Einfrieren respektive die Kürzung und Nivellierung beispielsweise von Redakteursgehältern fordern? Die hässliche Konkurrenz in diesem Bereich, die auch die journalistische Arbeit teils erheblich beeinträchtigt (s. Profilierungssucht, s. das redaktionelle Verfassen von Werbetexten für die Buch-, CD- und sonstigen Editionen des eigenen Verlags, usw.), missfällt uns seit langem! Lassen auch wir unseren Züchtigungsphantasien endlich freien Lauf!
Nein?
Dann im Ernst: Konkurrenz belebt das Geschäft. Die menschliche Reife, damit fertig zu werden, haben wir, machen Sie sich keine Sorgen.

"Dass ihnen aber dieser einfache Gedanke nicht zu kommen scheint, liegt daran, dass sie meinen, sie müssten sich über das kulturelle Apriori ihrer Arbeit – den „kulturellen Dialog” oder wie immer man den Austausch zwischen Sprachen und Kulturen auch nennen mag – keine Gedanken machen. Er erscheint ihnen als selbstverständlich. Das aber ist ein fataler Irrtum."
Nein. Eine fatale Selbstüberschätzung wäre es sicherlich, zu glauben, im 21. Jahrhundert würde der "Austausch zwischen Sprachen und Kulturen" noch von der Arbeit der Literaturübersetzer abhängen - er findet statt, auch wenn wir morgen alle unsere Wörterbücher zuklappen und unsere Computer abschalten; er ist insofern tatsächlich selbstverständlich. Allerdings hat unsere Arbeit einen Einfluss darauf, mit welchen Worten dieser "kulturelle Dialog" geführt wird, wie differenziert er ist, welche Nuancen und welche historische Tiefe darin mitschwingen. Dafür allerdings ist wiederum nicht entscheidend, dass wir möglichst billig und schnell möglichst viel übersetzen, sondern dass wir unsere Arbeit auf allen Ebenen präzise, auf solider philologischer Basis, mit dem nötigen Fachwissen und mit Inspiration und Begeisterung tun, denn davon lebt Kultur.

Und um noch einmal auf die juristischen und ökonomischen Aspekte zurückzukommen: Übersetzer sind Urheber und als solche angemessen am Ertrag der von ihnen produzierten Texte zu beteiligen, so will es das Gesetz, und das wollen auch wir. Wir gehen einer hoch qualifizierten Arbeit nach und möchten dabei gut verdienen (derzeit verdienen wir in der Regel miserabel). Wir sind bestrebt, dies in Verhandlungen mit unseren Vertragspartnern zu erreichen. Was um alles in der Welt hat unsere Absage an ein für uns inakzeptables Verhandlungsangebot - wenn man das von der AG Publikumsverlage in München präsentierte Modell denn als solches verstehen soll - mit "bürokratischer Zurichtung" zu tun?

Mit besten Grüßen

Olga Radetzkaja

Kurz-Biographie Olga Radetzkaja

Olga Radetzkaja
Studium der Slawistik, Amerikanistik, Komparatistik in Berlin und Moskau; übersetzt seit 1990 literarischer und wissenschaftlicher Texte aus dem Russischen, Englischen und Französischen, u.a. von Zufar Gareev (Sufar Garejew), Pavel Florenskij, Ilya Kabakov, Ivetta Gerasimchuk, Michail Ryklin, Yekatarina Dyogot, Pavel Pepperstein; erhielt 1993 ein Stipendium der Berliner Übersetzerwerkstatt

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Werner Richter:

Sehr geehrter Herr Steinfeld

Sie bekommen ja heute wohl öfter Post, vermutlich nicht nur von Literaturübersetzerundinen, die Ihren Text einfach unsäglich finden, sondern bestimmt auch Beifall von der Verlegerseite. Denn der SZ-Artikel ist nichts anderes als eine nur mühsam mit zähneknirschender Sympathie verbrämte Parteinahme für die deutsche Verlagsbranche, Tenor: die verblendeten Gewerkschaftler (auch so ein netter Popanz, funktioniert fast immer) spinnen, und die armen Verleger müssen deshalb das Abendland zusperren.

Was mich an solchen Stellungnahmen (und ich muss einstweilen davon ausgehen, dass das allein Ihre Meinung ist, auf die Sie natürlich ein Recht haben) von Journalistenseite immer ärgert: da redet der eine kreative Beruf über den anderen und weiß doch offensichtlich sehr wenig von ihm. Ich meine, wie können Sie coram SZ-publico das sogenannte "Münchner Modell" als "Kompromissvorschlag" über den grünen Klee adeln, wenn es doch selbst bei kursorischer Durchrechnung eine reine Augenauswischerei ist (wegen der Verrechenbarkeit der Beteiligung)? Solche Ideen haben wir im Zuge der Verhandlungen -- sofern sich die Verlage zum Verhandeln überhaupt erbarmt haben, ist ja egal, was das neue Urhebervertragsrecht verlangt -- schon öfter gehört. Das Problem ist, dass jede Lösung der leidigen Übersetzerfrage (vor dem Gesetz hatten die Verleger noch vollmundig getönt, "ja, bei den Übersetzern, da muss wirklich was geschehen"/O-Ton Arnulf Conradi) für die Branche auf jeden Fall "aufkommensneutral" sein muss. Aber wieso eigentlich? Wenn die Papierpreise oder die Verlagsmitarbeitergehälter steigen, hält dieselbe Branche ja auch mit.

Mal ehrlich, wenn man von Ihnen verlangen würde, die Literatur (oder meinetwegen, für Sie, die Vielfalt der Presselandschaft) mit besseren Einkünften aus anders gelagerten Nebentätigkeiten und/oder dem Vermögen/Einkommen Ihres Partners zu subventionieren, kämen Sie auch nur auf den Gedanken, so ein Ansinnen ernst zu nehmen?

Ihr Befund, häufig käme man in unserem Beruf auch im Erwachsenenalter nicht über "studentische Lebensformen" hinaus, ist an sich schon eine Dreistigkeit, aber prekär finde ich, dass sie diesen Status quo anscheinend einzementiert sehen wollen, sonst könnten Sie kaum anschließen, wir seien selbst schuld dran ("je mehr sie verdienen werden, umso weniger Arbeit werden sie haben"). Siehe oben: Problem "aufkommensneutral".

So wie Ihren Artikel stelle ich mir jedenfalls einen informierten Artikel über die derzeit in der Tat verfahrene Situation des Literaturübersetzens nicht vor. Dass die gesammelten Leserbriefe der "Gewerkschaftler" Sie nun gleich noch mehr in die Abwehrhaltung treiben, wäre zwar menschlich, aber zugleich auch schade.

Mit freundlichen Grüßen

Werner Richter, Literaturübersetzer

Kurz-Biographie Werner Richter

Werner Richter
geb. 1954 in Berlin; Dipl. Übers. (Engl., Frz., Russ.); Medizin-/Biologiestudium, frei- und hauptberuflicher Übersetzer von Belletristik, Essayistik, Hörspielen und Sachbüchern aus dem Englischen und Französischen, u.a. von Graham Greene, T. C. Boyle, Malise Ruthven, D. H. Lawrence, Allan Gurganus, Jane Urquhart, Simon Mason, Nicholas Shakespeare, Shane Maloney; erhielt 1993 den Österreichischen Staatspreis

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Andreas Tretner:

Lieber Thomas Steinfeld,

vielleicht hätten wir neulich doch nicht bloß übers Wetter reden sollen ... Ihr Artikel schielt beträchtlich: so scharfsichtig auf dem einen Auge, so auf dem anderen vollkommen blind. Warum halten auch Sie sich das Verlegerauge zu? Hie die in die Enge getriebenen Kulturwahrer, da die aufsässigen, kulturlosen dummen Skripenten, die sich den Sitzast absägen?? Das ist doch lächerlich und in der gegebenen Situation perfide obendrein.

Wenn der statistisch behauptete Rückgang an Übersetzungen kausal irgendeinen Zusammenhang mit unserem Begehren zu tun haben sollte, so doch nur, weil die strikte Weigerung der Verlage, überhaupt zu verhandeln, uns vor die Gerichte getrieben hat. Es ist die schiere Verzweiflung.

Hätten Sie die Zahlen im "Verlegerkompromißvorschlag" geprüft, hätten Sie sehen müssen, daß es keiner ist, sondern eine Mogelpackung, eine reine PR-Aktion - er schreibt in den wesentlichen Punkten den Status quo fest, hebelt nebenher (?) auch noch die bestehende Bestsellerregelung aus, garniert mit einem winzigen luftigen Sahnehäubchen (Fondsmodell). Er sagt: "Vorschlag zur Güte: Geben Sie uns Ihr letztes Hemd, Sie kriegen ein hübsches Mützchen dafür." Er ist höhnisch. Ihr Artikel ist es auch. Wieso verlangen Sie von mir, der Hochkultur Würde und Gesundheit zu opfern, und dies auch noch in Form einer öffentlichen Schmähschrift? Ich bin entsetzt.

Mit freundlichem Gruß

Andreas Tretner

Kurz-Biographie Andreas Tretner

Andreas Tretner
geb. 1959 in Gera; Übersetzer-Studium in Leipzig, zunächst Lektor für slawische Literaturen im Reclam-Verlag; seit 1990 freier Redakteur, Journalist und literarischer Übersetzer von russischer, bulgarischer und tschechischer Belletristik, Essayistik, Lyrik, Sachliteratur und Dramatik, u.a. von Viktor Pelewin, Vladimir Sorokin, Boris Akunin, Anatoli Asolski, Michail Kononow, Alexander Etkind, Konstantin Waginow, Dimiter Korudshiew, Victor Paskow, Jordan Raditschkow; Pejo Jaworow, Josef Škvorecký und Josef Čapek; Auszeichnungen: Leipziger Buchpreis zur Europ. Verständigung (Förderpreis) 1998; Paul-Celan-Preis 2001

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

 

Reaktionen auf den zweiten Artikel von Thomas Steinfeld

In einem zweiten Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" vom 3.2.07 ("Kein fester Sockel") hat Thomas Steinfeld auf die Kritik der Übersetzer reagiert (ohne allerdings mit einem einzigen Wort darauf einzugehen, worin sie besteht).

Das Übersetzen, so Steinfeld, stelle keine kulturelle Selbstverständlichkeit dar: "So sehr sich die Übersetzer auch als Sachwalter der `Weltliteratur´ begreifen, so sehr bedroht eine substanzielle Erhöhung ihrer Honorare gerade diesen Bereich." Die Illusion der Übersetzer bestehe darin, das umfangreiche Übersetzen fremdsprachiger Literatur für eine feststehende, gewissermaßen einklagbare kulturelle Größe zu halten.

 

Leserbrief von Ulrich Blumenbach:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

wenn ich den Anfang Ihres zweiten Artikels über die literarischen Übersetzer in der Wochenendausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ recht verstehe, haben Sie massive Proteste von meinen Kollegen erhalten, die mehrheitlich auf die ökonomischen Bedingungen abhoben, unter denen wir arbeiten. Prima, der Punkt wäre also abgehakt. Ich habe ein anderes Problem mit Ihren beiden Artikeln, weil diese meines Erachtens einem Denkfehler geschuldet sind. Sie haben ja recht: Weltliteratur muss nicht sein, sie muss also auch nicht übersetzt werden. Meiner und vermutlich auch Ihrer Meinung nach ist das Leben mit ihr zwar schöner und hilft dem Verständnis eben dieser Welt – ohne geht’s aber auch, wie die sekundären Analphabeten jeglicher Couleur zur Genüge beweisen. Wenn Literatur kulturell unverfügbar, vulgo: für einen Verlag nicht kalkulierbar ist, dann sollte er aber bitteschön die Finger von ihr lassen. Entschließt er sich hingegen, Literatur aus anderen Kulturen verfügbar zu machen, dann hat er alle an ihrer Produktion Beteiligten anständig und nicht unter dem Subsistenzniveau für ihre jeweilige Leistung zu bezahlen. Sie konstruieren einen Kausalzusammenhang zwischen der Nicht-Notwendigkeit von Übersetzungen und der Nicht-Notwendigkeit einer angemessenen Honorierung ihrer Hersteller. Whisky ist auch nicht notwendig, trotzdem zahle ich für einen guten Single Malt einen stolzen Preis, weil keine schottische Destillerie bereit sein wird, ihren Mitarbeitern weniger zu bezahlen, weil ich ja schließlich nicht trinken müsste.

Dialektisch könnte man auf Ihr implizites Argument, die Übersetzer verhinderten durch ihre überhöhten Honorarforderungen das Erscheinen fremdsprachiger Literatur, übrigens antworten, dass ganz im Gegenteil die Verlage Literatur verhindern, nicht wir. Ich brauche für die Übersetzung von David Foster Wallaces Mammutroman Infinite Jest mindestens sechs Jahre, weil ich die Übersetzung nicht angemessen bezahlt bekomme, sondern durch lukrativere Arbeiten mitfinanziere. Bekäme ich ein angemessenes Honorar, bräuchte ich nur drei bis vier Jahre und könnte der lesenden Mitwelt (Ihnen?) längst wieder neue Wörter schenken.

Mit freundlichen Grüßen,

Ulrich Blumenbach

Kurz-Biographie Ulrich Blumenbach

Ulrich Blumenbach
geb. 1964 in Hannover; Studium der Anglistik, Germanistik und Geschichte; freier Literaturkritiker und Übersetzer von Bildbänden, Sachbüchern und Belletristik aus dem Englischen; übersetzte u.a. Paul Beatty, Agatha Christie, Tibor Fischer, Kinky Friedman, Stephen Fry, Hugh Laurie, Arthur Miller, Robert Sedlack, Will Self, und David Foster Wallace

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Angela Plöger:

Sehr geehrter Herr Steinfeld,

Ihre Stellungnahmen in Sachen Literaturübersetzer habe ich mit äußerstem Befremden gelesen.

Sie als Journalist sind doch auch Urheber und müssten allein aufgrund eigener Erfahrungen ein Mindestmaß von Verständnis für unser Begehren nach angemessener Entlohnung zeigen, das sowohl vom Parlament unseres Landes wie von dessen Staatspräsident als berechtigt anerkannt worden ist. Statt dessen mokieren Sie sich darüber in einer Weise, die unseren gesamten Berufsstand herabsetzt, und das in aller Öffentlichkeit. Aber der letzte Rest von Solidarität mit Kollegen aus der Nachbarbranche ist ja wohl auf dem Weg in Ihre Etage verloren gegangen.

Sie haben in ihrem zweiten Beitrag versucht, die Spitze der Diskussion abzubiegen, indem Sie sich darüber entrüsten, dass die Übersetzer die Vergabe von Übersetzungsaufträgen durch die Verleger für eine Selbstverständlichkeit hielten. Damit problematisieren sie einen Punkt, den bisher noch niemand problematisiert hat, nicht einmal die Verleger.

Tatsächlich halten wir die Vergabe von Übersetzungsaufträgen für eine Selbstverständlichkeit. Denn

1. leben wir nicht mehr wie in der Steinzeit in geschlossener Horde, sondern in einer global orientierten Kommunikationsgesellschaft.

Ein finnischer Staatspräsident beantwortete einmal auf einer Pressekonferenz die Frage eines Journalisten, ob er schöngeistige Literatur lese, so: „Natürlich lese ich sie, woher sollte ich sonst wissen, was im Land geschieht?“ Diese Antwort gilt auch international – ausländische Literatur wird in Deutschland selbstverständlich auch in Zukunft gefragt sein.

2. ist es das ureigene Interesse der Verleger, viel versprechende Titel aus dem Ausland in deutscher Sprache zu publizieren, denn sie wollen damit Profit machen. Dass dies das zentrale Anliegen jedes kommerziellen Verlages ist, sollte sich herumgesprochen haben. Verlage vergeben Aufträge an Übersetzer nicht aus Nächstenliebe, sondern weil sie ihr Ziel ohne deren Wissen und Können nicht erreichen.

Si tacuisses…

Dr. Angela Plöger

Kurz-Biographie Angela Plöger

Angela Plöger
Studium der Finno-Ugristik, Slawistik und Phonetik; übersetzt seit ca. 35 Jahren Belletristik und Theaterstücke vornehmlich aus dem Finnischen, aber auch aus dem Ungarischen und Russischen, u.a. von Aki Kaurismäki, Leena Lander, Kaari Utrio, Anja Snellman, Antti Tuuri, Anni Swan; Laura Ruohonen, Reko Lundán, Pirkko Saisio und Johanna Sinisalo, wurde 1993 mit dem PEREWEST-Stipendium ausgezeichnet.

nach oben nach oben
zurück zum Dossier

Leserbrief von Susanne Kuhlmann-Krieg:

[An die Redaktion:]

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es würde mich sehr freuen, wenn Ihre Redaktion, nachdem sie in den vergangenen Tagen zwei im besten Falle unbedarfte, im schlimmsten Fall (den ich beileibe nicht voraussetzen möchte) tendenziöse Artikel von Herrn Thomas Steinfeld gedruckt hat, die unter anderem ein etwas seltsames Licht auf die Zunft der Literaturübersetzer in diesem Land werfen, auch noch eine andere Position zur Kenntnis nehmen würde. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen des ersten Artikels noch eher unaufgeregt gedacht hatte: Ach du liebe Zeit, da ist mal wieder so einem jungen Redaktionsmitglied der Gaul durchgegangen, scheinbar hat’s irgendwer übersehen, der kriegt jetzt bestimmt Ärger. Ziemlich tollkühn der Bogen von der vehementen Kritik am Haus der deutschen Sprache (wobei ich mir, ehrlich gesagt, nicht vorstellen kann, wie man sich eine fundierte Meinung darüber gebildet haben will, ist doch das Ganze bisweilen noch eher eine Baustelle, freilich eine, die in der Eigenwerbung ein wenig seltsam daherkommen mag. Aber bevor man sie als „Haus für Rechthaber“ darstellt, aus dem heraus die deutsche Sprache in Grund und Boden kritisiert werden wird, müsste man die Umsetzung doch erst einmal abwarten, oder?) bis zum Rückgang der Übersetzungen auf dem deutschsprachigen Markt und der geradezu grotesken Aussage: „Die Verlage werden nicht zuletzt deshalb die Zahl der Übersetzungen so sehr vermindert haben, weil sie nicht mehr wissen können, was an finanziellen Verpflichtungen auf sie zukommt.“ Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, kann man da nur sagen. Dann erfuhr ich, wer Herr Steinfeld ist. Nun bin ich, offen gestanden, erst richtig ratlos. Wie kann die Kulturredaktion einer der renommiertesten deutschen Tageszeitungen derart unreflektierte Standpunkte verbreiten?

Ein Gutteil Ihres Geschäfts besteht doch in der kritischen Auseinandersetzung mit Literatur. Dabei sollte man doch gelernt haben, journalistisch einigermaßen sauber vorzugehen, oder? Wissen Sie, als Übersetzer ist man daran gewöhnt, alles, was einem unterkommt, zu überprüfen, auch die nebensächlichsten Details zu recherchieren, um ein möglichst genaues Bild von dem zu bekommen, was gesagt werden soll, damit man es in möglichst präziser Weise im Deutschen darstellen kann. Hätte Herr Steinfeld recherchiert, wüsste er, dass das Übersetzerhonorar in aller Regel keinen übergroßen Posten in der Kalkulation eines ausländischen Titels ausmacht, der Rückgang an Übersetzungen folglich nicht ursächlich dafür verantwortlich sein kann. Zumal dieser Posten seit dem von Herrn Steinfeld zitierten Jahr 2001 realiter heftig zurückgegangen ist – das Seitenhonorar stagniert bei den meisten von uns seit Jahren. Zu den eigentlichen Gründen zählen, um nur einen Aspekt zu nennen, mit Sicherheit die horrend gestiegenen Lizenzgebühren. Davon ist in der öffentlichen Diskussion nie die Rede, aber es ist nun einmal so, dass ein ausländischer Titel in den seltensten Fällen unentgeltlich auf den deutschen Markt geflattert kommt und die Verlage noch bevor auch nur eine Zeile eines Buches übersetzt ist bereits bei untermittelprächtigen Büchern das Zehn- bis Zwanzigfache des Übersetzerhonorars – bei bestsellerverdächtigen Werken ein Vielfaches davon – an die vermittelnden Agenturen zahlen. Unter solchen Umständen den Übersetzern die Schuld für die gestiegenen Kosten zuzuschieben ist mehr als dreist.

Aber das ist nur einer der Punkte, die mich so fassungslos machen. Ein anderer ist, dass ein Redaktionsleiter einer einflussreichen Kulturredaktion ungerührt erklärt, dass „es ein fataler Irrtum“ sei, den kulturellen Dialog für selbstverständlich zu halten, und dabei andeutet (um nicht zu sagen androht), dass dieser jederzeit ökonomischen Zwängen zum Opfer fallen kann. Wie kann man als Kulturredaktion billigend in Kauf nehmen, ja, fast schon anraten, das mit dem Übersetzen eben sein zu lassen, wenn’s die Verlage zu teuer kommt? Sind Sie wirklich der Ansicht, dass die vorhandenen deutschen Titel hinreichen, die Welt im Allgemeinen und Besonderen zu erklären? Ohne die Verdienste der heimischen Literatur im mindesten schmälern zu wollen, stehe ich als Mutter und Leserin (klar, auch als Übersetzerin, wer hätte es gedacht) auf dem Standpunkt, dass es unerlässlich ist, immer wieder über den Tellerrand zu schauen, will man in einigermaßen vernünftiger Weise Position zum eigenen Leben, aber auch zur „Welt im Allgemeinen“ beziehen. Ja, ich möchte fast so weit gehen zu sagen, dass man von Bürgern, denen wenig bis nichts über fremde Länder und Kulturen bekannt ist, kaum erwarten kann, dass sie völlig selbstverständlich „ die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen [als]... Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt“ akzeptieren, wie es in der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 heißt. Ganz abgesehen davon, dass Kinder und junge Leute fremde Kulturen doch nur dann als etwas zu Respektierendes und Schützenswertes erkennen lernen können, wenn sie möglichst früh im Leben mit einer breiten Palette an authentischen Darstellungen konfrontiert werden. Und durch was bitte will man eine journalistische oder literarische Darstellung einer Kultur in ihrer Muttersprache ersetzen, ohne dass die Authentizität dabei auf der Strecke bleibt?? Doch nicht einzig und allein durch Fremdbeobachter, die dem Kulturkreis des jeweiligen Lesers angehören, das wäre doch absurd, nicht wahr? Damit aber eine authentische Darstellung auch anderen als den Angehörigen der Kultur selbst zugänglich wird, braucht es eben Übersetzer, Menschen, die die fremde Kultur gut kennen, gleichzeitig aber auch ihre eigene Sprache und Kultur, die beides kritisch zu vereinen, Fremdes verständlich und einfühlsam in gutes Deutsch (übrigens noch ein wichtiger Punkt: PISA lässt grüßen!) zu bringen vermögen. Genau das machen Literaturübersetzer. Und zwar die meiste Zeit über bei Titeln, die Auflagen von weit unter zehntausend Exemplaren erreichen. (Beteiligungen beginnen in der Regel ab 15 000 beziehungsweise ab 30 000 verkauften Exemplaren, nur falls das bei den hausinternen Recherchen auch nicht bekannt geworden sein sollte).

Die Tatsache, dass in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert eine Übersetzerkultur gewachsen ist, die einst weltweit tatsächlich ihresgleichen gesucht hat, sollte einen doch eigentlich eher zu deren Fortführung und Pflege animieren, statt dazu, sie mit einem achselzuckenden „Na ja, ist eben nicht selbstverständlich“ abzutun und eine weitere Scherbe auf den großen Kulturschrotthaufen zu fegen, den wir uns ja ohnehin schon leisten. Ganz ehrlich, ich kann eine solche Einstellung wirklich nicht verstehen, vielleicht macht sich ja jemand die Mühe, mir das genauer zu erklären.

Mit verständnislosen Grüßen

Dr. Susanne Kuhlmann-Krieg

Kurz-Biographie Susanne Kuhlmann-Krieg

Susanne Kuhlmann-Krieg
übersetzt seit mehr als 15 Jahren Lehrbücher, Sachbücher und populärwissenschaftliche Bücher aus dem Bereich Naturwissenschaften, Philosophie, Psychologie und Politik.

nach oben nach oben
zurück zum Dossier