Übersetzer sind die Autoren der Weltliteratur

 

 

 

Christa Schuenke, Übersetzerin unterhaltsamer Literatur, u.a. von Carolyn Haines, Mavis Cheek, Carol Fenton, Helen Dunmore; von Sachbüchern, u.a. von James Edward Young, Frederic V. Gruenfeld; von Werken, die zum Kanon der Weltliteratur zählen, u.a. von William Shakespeare, John Donne, Jonathan Swift, Bernard de Mandeville, John Keats, Herman Melville, Edgar Allan Poe, William Butler Yeats; sowie von anspruchsvollen Werken der Gegenwartsliteratur u.a. von Robert McLiam Wilson, Chang-rae Lee, William Gibson, John Banville, Mark Z. Danielewski.



 

'A line will take us hours maybe;
„Oft braucht man Stunden für eine Zeile;
Yet if it does not seem a moment's thought,
Doch wirkt der Vers nicht wie aus dem Augenblick geboren,
Our stitching and unstitching has been naught.
Ist all das Sticheln und Wiederauftrennen verloren.
Better go down upon your marrow-bones
Besser, man kniet sich gleich auf die Knochen,
And scrub a kitchen pavement, or break stones
Scheuert einen Küchenboden oder geht im Steinbruch malochen
Like an old pauper, in all kinds of weather;
Wie diese armen Schweine, egal, ob bei Kälte oder bei Hitze,
For to articulate sweet sounds together
Denn bis so ein Gefüge aus Wohlklang wirklich sitzt,
Is to work harder than all these…
Das ist harte Arbeit …

William Butler Yeats - Adam’s Curse /

Adams Fluch – Christa Schuenke



Der Dichter Yeats wusste, wieviel schöpferische Energie und auch wieviel Zeit es kostet, eine Idee in einen Vers umzusetzen. Niemand wird bestreiten, dass Yeats Urheber war.

Ich bin die Übersetzerin der hier zitierten sowie ca. 2.500 weiterer Verse von Yeats. Ich hatte zwar nicht die Ideen zu all diesen Versen, aber auch ich habe, um daraus deutsche Verse zu machen, oft Stunden für eine Zeile gebraucht, und ja, es war harte Arbeit, bis so ein Gefüge aus Wohlklang wirklich gesessen hat.
Mir jedoch versucht man den Urheberstatus streitig zu machen. Dabei genügt die einfache Logik, um zu verstehen, dass jede literarische Übersetzung ein eigenständiges geistiges Werk ist, jeder literarische Übersetzer mithin, ganz ähnlich wie der Autor, Schöpfer eigenständiger geistiger Werke, also Urheber sein muss.

Aber auch wenn ich keine diffizile Lyrik übersetze, sondern einen Unterhaltungsroman oder einen Band mit Kurzgeschichten, ein Theaterstück, ein natur- oder geisteswissenschaftliches Sachbuch, auch dann bin ich Urheberin, denn Literaturübersetzer sind grundsätzlich Urheber, weil Literaturübersetzungen Werkcharakter haben.

Was ist eigentlich eine literarische Übersetzung? Gewiss keine reine Transkodierung von Wörtern, denn wenn sie das wäre, verfehlte sie ihre Funktion der Transmission und würde, anstatt den Sinn und die formale Gestalt von Texten zu übermitteln, allenfalls das Material ausstellen, mit dem bestimmte sprachliche Äußerungen in einer anderen Sprache, einer anderen Kultur ausgedrückt werden. Also Transformation, wenn nicht gar Transposition, nämlich die komplexe Wiedergabe der inhaltlichen und formalen Vielschichtigkeit eines literarischen Werks in der Zielsprache.

Literarische Werke, gleich welchen Genres, zeichnen sich gegenüber Gebrauchstexten durch stilistische Unschärfen und Ambivalenzen und oft auch durch komplizierte rhythmische oder makrokonxtektuelle Strukturen aus. Darum ist literarisches Übersetzen niemals einfach, egal in welchem literarischen Genre man sich als Übersetzer bewegt.

Kaum dass wir Texte aus verwandten Sprachen übersetzen können, um wieviel schwieriger dann erst solche aus Sprachen, die der unseren fremd und fern sind? Doch Literaturübersetzer müssen keine akademische Qualifikation nachweisen, um erfolgreich Aufträge akquirieren und sie ebenso erfolgreich ausführen zu können. Sie brauchen vielmehr eine ganz spezielle Fähigkeit des Umgangs mit Sprache, die über Sprechen, Schreiben, Lesen, Hören und Verstehen hinausgeht, ein Talent, das nicht jeder hat.

Zwar können nicht wenige Literaturübersetzer durchaus auch einen akademischen Grad vorweisen, doch vieles, was man zum literarischen Übersetzen braucht, lernt man auf keiner Universität, und manches, was man braucht und an den Universitäten lernen kann, lässt sich auch auf anderen Wegen lernen. Zum Beispiel durch Leben und Lesen. Ich habe ein abgeschlossenes Universitätsstudium, aber nicht etwa in Literaturwissenschaft oder Philologie, nein, ich habe nicht die Sprache studiert, aus der ich übersetze. Trotzdem übersetze ich seit beinah dreißig Jahren aus dem Englischen, und nicht nur aus dem britischen oder amerikanischen, sondern auch aus dem irischen, schottischen, indischen und afrikanischen Englisch; auf meiner Publikationsliste stehen über hundert übersetzte Werke, und ich werde seit Jahren immer wieder eingeladen, meine Wissen in Vorträgen, Workshops und Seminaren an künftige Literaturübersetzer weiterzugeben.

Übersetzer sind Sprachkünstler von eigenem Rang, ohne deren Neuerschaffungsarbeit das Werk, ob seichter Schmachtfetzen oder sogenannte Höhenkammliteratur, die Grenze der eigenen Nationalliteratur nicht überschreiten und kein globales Kultur- oder Bildungsgut werden kann. Wir Übersetzer sind Urheber von Übersetzungen, aber wir sind noch viel mehr: Wir sind die Urheber der Weltliteratur.

Christa Schuenke, 2006