Nachruf: Ray-Güde Mertin - (gest. am 13. Januar 2007)

 

Ray-Güde Mertin, eine große Literaturvermittlerin

 

Als literarische Agentin, Übersetzerin, Hochschullehrerin und Publizistin hat Ray-Güde Mertin entscheidend daran mitgewirkt, dass sich in Deutschland die lateinamerikanische und portugiesische Literatur durchsetzen konnte.

1943 in Marburg geboren, verbrachte sie ihre Kindheit in Nordfriesland, ging mit 17 Jahren nach Spanien und machte dort Abitur. Nach dem Studium der Romanistik und Germanistik arbeitete Ray-Güde Mertin ab 1969 acht Jahre lang als DAAD-Lektorin in Brasilien. Vor allem aber tauchte sie ein in die Literatur Brasiliens, eignete sich perfekt und akzentfrei die Sprache an. Ihre Begeisterung über dieses Land, seine vielfältige Schönheit und seine temperamentvollen Menschen, mit denen sie, die Norddeutsche, überraschend viel Ähnlichkeit in Temperament und Lebensart hatte, wollte sie unbedingt weiter geben. Sie begann zu übersetzen.

Im Anschluss an den Brasilienaufenthalt lebte sie mit ihrer Familie mehrere Jahre in New York. Hier begegnete Ray-Güde Mertin literarischen Agenten, was sie auf die Idee brachte, nicht nur zu übersetzen, sondern auch in diesem Bereich zu arbeiten. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik gründete sie 1982 in Bad Homburg eine literarische Agentur.

„Beharrlichkeit und Leidenschaft“ seien in diesem Beruf notwendig, hat Ray-Güde Mertin einmal gesagt. Die brauchte sie auch, um deutsche Verlage für Autoren aus Brasilien oder Portugal, aus Spanien, Afrika und den spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas zu interessieren. Mit ihrem Gespür für literarische Qualität und ihrem Engagement gewann sie deutsche Leser unter anderem für die Portugiesin Lidia Jorge, den Angolaner Pepetela, den Chilenen Luis Sepúlveda, den Brasilianer João Ubaldo Ribeiro und vor allem für José Saramago, den portugiesischen Literaturnobelpreisträger des Jahres 1998. Auf seinen Wunsch hin übersetzte sie „Die Stadt der Blinden“. Ihr gelang eine kongeniale Übersetzung dieses großen Romans.

Die kleine Agentur, schon bald kein Einfrau-Unternehmen mehr, agierte mit den Jahren weltweit. Ray-Güde Mertin war eine international bekannte und anerkannte Literaturagentin. Da Vielseitigkeit für sie immer eine spannende Herausforderung war, arbeitete sie aber auch noch in anderen literarischen Bereichen. Sie machte sich als Publizistin in ihrem Bereich einen Namen und war Mitglied im PEN. Als Vorstandsmitglied engagierte sie sich für die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und war im Vorstand des Frankfurter Literaturhauses. 2005 wurde sie zur „Bücherfrau des Jahres“ gewählt. Ihr großes fachliches Wissen brachte sie als Dozentin an der Universität Frankfurt ein und riss die Studenten mit ihrem Enthusiasmus mit. Die Universität verlieh ihr 1996 die Honorarprofessur für Lusitanistik.

Ob Autoren oder Studenten, Verleger oder Kollegen, Freunde – Ray-Güde Mertin nahm alle für sich ein mit ihrem sprühenden Temperament und ihrem Esprit, ihrer Herzlichkeit und menschlichen Wärme, ihrer Lebensfreude, ihrer unglaublichen Vitalität, selbst noch in den letzten Jahren, die von einer schweren Krankheit überschattet waren. Couragiert kämpfte sie dagegen an.

Am 13.1.2007 ist Ray-Güde Mertin im Alter von 63 Jahren in Frankfurt gestorben, viel zu früh für alle, die sie bewunderten, verehrten und liebten.

 

Bärbel Flad