Wir trauern um ...

... Adelheid Witt. Nur die Älteren unter uns werden sich noch an sie erinnern, an Begegnungen auf den Bergneustädter und Bensberger Übersetzertagen, an denen sie seit Beginn der neunziger Jahre teilnahm, als sich für sie, die „Neue“ aus dem Osten, diese Gelegenheit bot, ihre WestkollegInnen kennen zu lernen und sich mit ihnen auf Augenhöhe auszutauschen. Oder an so manchen Übersetzerstammstisch im Prenzlauer Berg, wenn sie sich auf ihre ruhige, kluge Art in unsere endlosen Diskussionen um Worte, Satzmelodie oder Sprachduktus einmischte.

1945 bei Dresden geboren, begann Adelheid nach dem Dolmetscherstudium in Berlin als freie Übersetzerin für Französisch und Italienisch zu arbeiten. Mit ihren fünf Kindern musste sie sich die dafür notwendige Zeit und Muße im wahrsten Sinne freischaufeln. Sie übersetzte vor allem für den Aufbau Verlag, Werke von Vercors, Maupassant, Denise Bombardier, Pascal Lainé, Amadou Hampaté Bâ, Tchicaya U Tam’si, aber auch für den Verlag Volk und Welt, bei dem ihr Name in verschiedenen Anthologien auftaucht. Als in den neunziger Jahren die Aufträge immer seltener wurden, blieb sie ihrem Handwerk dennoch treu. Für sich oder auch für ihre Angehörigen übersetzte sie Passagen aus Büchern, die ihr besonders am Herzen lagen. Und als ich sie einmal um die Durchsicht einer Übersetzung bat,  brachte sie ihre Erfahrung, die sie mir um viele Jahre voraus hatte, bereitwillig und behutsam ein, eine unschätzbare Hilfe, wie jeder von uns weiß. Ein feines Gespür hatte Adelheid nicht nur für die Sprache. Mit der ihr eigenen Selbstverständlichkeit vermochte sie im richtigen Augenblick das Richtige zu tun, unaufdringlich, ohne jedes Aufheben. Ich erinnere mich an eine Buchpremiere im Französischen Dom, bei der sie der Übersetzerin, mit der sie in den hinteren Reihen saß, einen Blumenstrauß überreichte – in den Reden vorn auf dem Podium (mit Zitaten aus der Übersetzung) dagegen war die Urheberin der deutschen Fassung mit keinem Wort erwähnt worden. In den letzten Jahren, als ihre unheilbare Krankheit sie zunehmend einschränkte, bewahrte sich Adelheid ihre freundliche Zugewandtheit und Offenheit den Menschen und dem Leben gegenüber. Sie starb, siebenundsechzigjährig, am 11. Oktober 2012 in Berlin.

Frauke Rother