Trinker oder Toaster. Zum Tod von Carl Weissner


In der 9. Klasse las ich unter dem Tisch Kaputt in Hollywood, und mein Banknachbar Matthias, der seinen Bukowski längst kannte, fragte scheinheilig, was denn da plötzlich so nach Fisch stänke. Ja, Bukowskis Prosa stinkt. Nach Blut, Schweiß, Sperma, Urin und Kotze. Und dass sie auch auf deutsch stinkt, ist Carl Weissners Verdienst. Jahrzehntelang hat er amerikanische Underground-Gurus wie William S. Burroughs und Allen Ginsberg, aber auch Songtexte von Bob Dylan, Frank Zappa und den Rolling Stones übersetzt. Und eben immer wieder den dirty old man Charles Bukowski. Für die amerikanische Gegenkultur wurde er 1962 angefixt, als dem Heidelberger Anglistikstudenten die Rowohlt-Anthologie Beat in die Hände fiel. Der Band war ein Kulturschock, denn an der Uni fand nur englische Literatur bis 1945 Beachtung. Weissner krempelte die Ärmel hoch und sorgte an der Seite von Mitstreitern wie Rolf Dieter Brinkmann, Jörg Fauser und Wolf Wondratschek dafür, dass sich das änderte. In unseren Zeiten einer akzelerierenden Infantilisierung der Kultur kann man sich kaum noch vorstellen, welch eine Bombe der amerikanische Underground war, als er in den siebziger Jahren in Deutschland einschlug. Man bekommt aber eine Ahnung davon, wenn man liest, dass die kurzlebige, 1970/71 von Fauser und Weissner sowie Udo Breger und Jürgen Ploog herausgegebene Literaturzeitschrift UFO in der Datenbank des Anarchismus auftaucht. Oder wenn man sieht, dass die Erzählungen Kaputt in Hollywood im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher unter den Schlagwörtern „Klassiker des Marxismus, Allgemeine Werke zum Marxismus-Leninismus“ aufgelistet werden.

Weissner war nicht nur der Übersetzer seiner Autoren, oft hatte er sie für den deutschen Sprachraum überhaupt erst entdeckt, besorgte ihnen als Agent Verträge, und wenn alle Stricke rissen, gründete er Zeitschriften (neben der erwähnten UFO von 1965 bis 1967 die Klactoveedsedsteen und ab 1972/73 die Gasolin 23) und wurde ihr Herausgeber. Zusammen mit dem Versandhandel Zweitausendeins verschaffte er Bukowski damit eine deutsche Gesamtauflage von 4 Millionen Büchern. Weissners einziges Qualitätskriterium war: „Literatur, die mich nicht fortreißt aus der Wirklichkeit, taugt nichts. Sonst kann ich ja auch eine Gebrauchsanweisung für Toaster lesen.“

Nun ist Carl Weissner am 24. Januar mit 71 Jahren in Mannheim gestorben, und seiner Asche Frieden zu wünschen, hätte er wohl als Beleidigung aufgefasst. In Bukowskis Flinken Killern heißt es einmal: „In den meisten Fällen enden wir als senile gutmütige Narren, hin und her geschoben von einer rosigen Krankenschwester, die uns anblafft, weil die Bettpfanne wieder randvoll ist.“ Das ist Weissner, der in seiner Wohnung gefunden wurde, erspart geblieben. Er hat dazu beigetragen, die deutsche Kultur von ihrer sprichwörtlich gewordenen Sehnsucht nach porentiefer Reinheit zu befreien. Wir haben es zu großen Teilen ihm zu verdanken, dass die deutschsprachige Literatur in den letzten vierzig oder fünfzig Jahren weltoffener und toleranter geworden ist. Ohne seine Infusionen aus Amerikas Avantgarde und Underground würden wir vielleicht nicht so stinken, aber wir wären auch ärmer, dümmer und spießiger.
 

Ulrich Blumenbach