Worte finden – Trost suchen

Ein Nachruf auf Birte Völker
geb. 8.10.1972, verst. 31.12.2012

Noch Worte suchen
die etwas sagen
wo man die Menschen sucht
die nichts mehr sagen

Und wirklich noch Worte finden
die etwas sagen können
wo man Menschen findet
die nichts mehr sagen können?

Birte kann nichts mehr sagen. Und doch höre ich deutlich ihre Stimme hinter diesen Zeilen von Erich Fried, mit denen das letzte von ihr übersetzte Buch beginnt und die sie noch im vergangenen Juni auf dem Lesefest in Wolfenbüttel vorgetragen hat – als sie noch nichts von ihrer Krankheit wusste. Wenige Meter vor mir saß meine Freundin, unsere Kollegin, damals im Wintergarten der Schünemannschen Mühle, und las uns vor. Aus dem Buch Als ich meine Eltern verließ von Michel Rostain über einen verzweifelten Vater, der von seinem jung verstorbenen Sohn beim Trauern beobachtet wird.

Papa macht Entdeckungen. Zum Beispiel verbringt er nicht einen Tag, ohne fünf Minuten lang zu weinen oder drei mal zehn Minuten oder eine ganze Stunde. Das ist neu. Die Tränen versiegen, fließen, versiegen erneut, und es geht wieder von vorn los. Eine reiche Vielfalt an Schluchzern, aber kein Tag ohne. Das verleiht dem Leben eine andere Struktur. Es gibt die plötzlichen Tränen – eine Geste, ein Wort, ein Bild, und sie schießen hervor. Dann gibt es Tränen, die einfach bloß da sind, ohne erkennbaren Grund. Und es gibt völlig unbekannte Tränen, ohne Schluchzer, ohne das übliche verzerrte Gesicht, sogar ohne dass die Nase läuft, einfach nur kullernde Tränen. (S. 5)

Kaum ein halbes Jahr später las nun eine Freundin von Birte am Pult der Friedenskirche in Düsseldorf wieder diese Sätze, während uns, ihren Angehörigen, Freunden und Kollegen, die Tränen über die Wangen kullerten.

So unerwartet, so früh hat Birte uns verlassen. So plötzlich verlor sie den Kampf gegen die Krankheit, den sie unterstützt von ihrem Mann Peter im letzten halben Jahr mit großem Mut geführt hat. Es ist schwer, Abschied zu nehmen, ohne sich verabschiedet zu haben.

Ich habe Birte zehn Jahre gekannt. Sie war mir nicht nur eine treue, liebevolle Freundin, sondern wie vielen von uns auch eine herzliche und großzügige Kommilitonin und Arbeitskollegin. Einigen von uns war sie über den Studiengang Literaturübersetzen als Studentin oder Dozentin bekannt. Bis zu ihrer Diagnose im Juli gab sie an der Heinrich-Heine-Universität Übersetzungskurse für Französisch und Italienisch. Anderen war sie eine heitere Kollegin am Düsseldorfer Übersetzerstammtisch, an dem sie bis zuletzt gerne teilnahm. Und alle aus dem Kollegenkreis, die mir in den vergangenen Wochen geschrieben haben, schätzten sie für die Begeisterung, die Leidenschaft, aber auch die Hartnäckigkeit, mit der sie ihrem Beruf nachging, für ihr „Engagement in der Sache“, die Beiträge im Übersetzerforum und die gelegentlich von Schreibtisch zu Schreibtisch wandernden Gedankenwege. Mit ihrer eher zurückhaltenden, besonnenen, aber gleichzeitig zugewandten Art hat Birte in ihrem kurzen Leben so viele Menschen um sich versammelt, dass ihrem Vater angesichts der vielen Leute, die zur Beerdigung kamen, nicht nur Verzweiflung und Trauer, sondern auch Tränen der Rührung in den Augen standen.

Am elften Tag nach meinem Tod brachte Papa meine Bettdecke in die Reinigung. Er läuft die Rue du Couédic entlang, die Arme voll Bettwäsche, in die er seine Nase steckt. Er meint, sie rieche nach mir. In Wahrheit stinkt sie, schließlich habe ich weder die Bezüge noch das Federbett jemals gewaschen. Tage, Wochen, Monate habe ich darin geschlafen. Das empört ihn nicht mehr. Im Gegenteil: Noch ist zwischen den weißen Falten etwas von mir vorhanden, das er zur Reinigung trägt wie das Allerheiligste. Papa weint, die Nase in der Baumwolle. Er vermeidet jeden Blickkontakt, geht Umwege, die nicht nötig wären, biegt nach rechts in die Rue Obscure, läuft erst in die eine Richtung, dann in die andere, Rue le Bihan, Rue Émile Zola, Les Halles, statt hundert insgesamt vierhundert Meter, er kostet es aus. Papa nimmt noch eine letzte Nase aus dem Federbett und stößt endlich die Ladentür auf. (S. 6)

Vielleicht – wer weiß das schon – konnte auch Birte an jenem Tag auf die Trauergemeinde herabschauen, und vielleicht konnte sie mit der vorgetragenen Passage, dem trockenen Humor, der auch ihr selbst eigen war, den Kummer manches Trauernden in Trost übersetzen.

Zurück zu Hause sieht er den Hund an meinen Pantoffeln herumkauen. Auch an ihnen haftet mein Geruch. Papa, du wirst dich aber bitte nicht mit Yanka streiten, wer an meinen Stinkelatschen herumnuckeln darf, ja? (S. 6)

Birte hat neben wissenschaftlichen Fachtexten und zahlreichen Bildbänden auch wunderbare Romane übersetzt, darunter das von mir sehr geschätzte Bändchen „Von Glücksmomenten“ von Francesco Piccolo (Insel), den Künstlerroman „Tintorettos Engel“ von Melania G. Mazzucco (Knaus), „Mr. Pink Floyd“ von Michele Mari und zuletzt eben „Als ich meine Eltern verließ“ von Michel Rostain (beide Edition Elke Heidenreich).

Eine liebevolle Freundin, wertvolle Kollegin und leidenschaftliche Übersetzerin fehlt.

Nadine Mutz