Der Patriarch. Die vielen Leben von Curt Meyer-Clason (1910-2012)



Curt Meyer-Clason in seinen vielen Facetten adäquat vorzustellen und zu würdigen, ist unmöglich. Ich versuche daher, mich seiner schillernden, faszinierenden Persönlichkeit in fünf Schritten zu nähern.

1)

Über sein erstes Leben weiß man, dass er 1910 in Ludwigsburg geboren wurde, vor Abschluss des Gymnasiums in Stuttgart eine Banklehre begann und danach im Bauwollimport eine kaufmännische Ausbildung erhalten hat. Er war in Bremen und Le Havre tätig, ab 1936 in Brasilien. Als „Cotton controller“ arbeitete er zunächst in São Paulo, bereiste die Häfen von Brasilien und kam dann auch nach Argentinien, wo er mit den Viehhirten zum Märken der Stiere durch die Pampa ritt. In Porto Alegre verwaltete er eine Möbelfabrik. Nach eigener Aussage interessierten ihn damals vor allem das gute Leben, schöne Frauen und Tennis.

Der Bruch erfolgte 1942, als er wegen angeblicher Spionage von der brasilianischen Regierung auf der Ilha Grande/ Rio de Janeiro interniert wurde. Diese Anschuldigungen konnten nie ganz bewiesen werden, auch wenn Meyer-Clason in seinem weitgehend autobiographischen Roman „Äquator“ von seiner damaligen mangelnden intellektuellen Ausbildung und der Verführbarkeit für das Vaterland erzählt hat. Das Geschehen bleibt weitgehend ungeklärt.

Das einschneidende Erlebnis dieser mehrjährigen Internierung, so hat Meyer-Clason immer wiederholt, war es, das Lesen entdeckt zu haben. Er lernte die Welt nun durch die Augen der deutschen, französischen, englischen und russischen Literatur kennen, sie veränderte ihn von Grund auf. Desgleichen las er fasziniert die ersten Werke von Borges, Bioy Casares, Neruda, Jorge Amado, entdeckte also die moderne lateinamerikanische Literatur, als sie noch in ihren Anfängen stand. Sie wurde zu seiner Passion.

Nach der Entlassung von Ilha Grande lebte Meyer-Clason noch bis 1954 in Rio und arbeite weiter als Kaufmann, machte u.a. „Kompensationsgeschäfte: brasilianisches Holz gegen schottischen Whisky“. Und er las vor allem die brasilianischen und argentinischen Autoren, lernte sie kennen, wurde ihr Freund und Förderer.

2)

Das zweite Leben begann Mitte der fünfziger Jahre in München. Meyer-Clason arbeitete jetzt als freischaffender Lektor, Vermittler und Übersetzer. „Wie Sauerbier musste ich den deutschen Verlagen die besten Autoren empfehlen“, hat er oft gesagt. Während dieser Zeit wurde er zum wichtigsten Botschafter der lateinamerikanischen Literatur, mit unermüdlichem Arbeitseinsatz und nie nachlassender Begeisterung gelang es ihm, viele wichtige Autoren des Kontinents erstmals in deutschen Verlagen zu platzieren: das waren u.a. Jorge Amado, Carlos Drummond de Andrade, João Guimarães Rosa, Clarice Lispector, Jorge Luis Borges, Augusto Roa Bastos, Antonio die Benedetto und viele mehr.

Er gab auch die ersten Anthologien der brasilianischen und argentinischen Literatur im Erdmann-Verlag heraus, und immer kämpfte er für die Verbreitung der Lyrik des Kontinents, die er zu Recht als eine von dessen stärksten und schönsten Ausdrucksformen betrachtete. Das war eine Herkulesarbeit, denn von Lyrik wollten und wollen nur wenige Verleger etwas wissen.

Vielleicht muss man sich den Kontext der Rezeption der lateinamerikanischen Literatur in Deutschland jener Zeit in Erinnerung rufen. Eigentlich gab es nur drei Personen, die sich dieser Aufgabe der Vermittlung verschrieben hatten: Curt Meyer-Clason, den das politische und literarische Engagement antrieb; Günther W. Lorenz (der im Erdmann-Verlag einen verdienstvollen Band „Dialog mit Lateinamerika“ publiziert hatte, dann aber auch eine völlig tendenziöse Literaturgeschichte, in der sein Freund Ernesto Sábato 19 Seiten erhielt, Julio Cortázar hingegen nur einige Abschnitte. Ähnliches galt für Miguel Angel Asturias und Alejo Carpentier), der für das Institut für Auslandsbeziehungen mehrere große Symposien mit Autoren des Kontinents organisieren konnte. Allerdings standen die meisten unter keinem guten Stern, die Gäste aus Lateinamerika und die Deutschen kamen nicht ins Gespräch. Dennoch: Lorenz hatte viele Autoren bei seinen Reisen kennengelernt, konnte sie nach Deutschland einladen, versuchte ihre Werke bekannt zu machen.

Der dritte im Bunde war der Universitätsprofessor Wolfgang A. Luchting (Washington State University/USA), der privat immer wieder nach Peru reiste und daher die dortige Literaturszene gut kannte. Er war der Übersetzer der frühen Werke von Mario Vargas Llosa, gab auch eine Anthologie „Peru erzählt“ im Erdmann-Verlag heraus und war bis etwa Ende der 70er Jahre aktiv. Seine Deutschkenntnisse verloren jedoch durch den ununterbrochenen Aufenthalt im Ausland an Geschmeidigkeit und Stilsicherheit, so dass man seine späten Übersetzungen (ein Beispiel ist Ernesto Sábato, „Abaddon“) nicht mehr lesen sollte.

Curt Meyer-Clason war die unbestritten dominierende Figur, dank seiner persönlichen Ausstrahlung, seiner Leidenschaft für die Kultur und Literatur Lateinamerikas, seines Fleißes und seines hartnäckigen Einsatzes – der in deutschen Verlagen damals überaus notwendig war. Mehr als einmal gelang es ihm, Verleger von der Notwendigkeit zu überzeugen, auch schwierigste Bücher zu übersetzen – wie z.B. Siegfried Unseld von José Lezama Limas „Paradiso“ (was zu einer längeren Leidensgeschichte geriet).

3)

Das dritte Leben von Curt Meyer-Clason betrifft seine Tätigkeit als Leiter des Goethe-Instituts in Lissabon (1969-1976). Diese Jahre waren eine Sternstunde für die Vermittlung deutscher Kultur in ein anderes Land, für die Errichtung von Brücken mit den portugiesischen Intellektuellen jener Zeit, die natürlich alle gegen das Salazar-Regime opponierten und deshalb dankbar die Räume des Instituts für politisch-literarische Treffen nutzten. Was Curt Meyer-Clason hier geleistet hat, ist beispielhaft – und kann in seinen „Portugiesischen Tagebüchern“ (1978) nachgelesen werden. Sie vermitteln einen lebendigen Eindruck von den Unruhen, Ängsten und Hoffnungen jener Jahre, die der Nelkenrevolution 1974 unmittelbar vorausgingen. In den beiden letzten Jahren seiner Tätigkeit in Lissabon wurde Meyer-Clason wie ein Held gefeiert: er hatte Zivilcourage gezeigt, immer wieder, hatte die schützende Hand des Instituts über manchen „aufmüpfigen“ Autor gelegt und natürlich gleichzeitig versucht, Interesse für die neue portugiesische Literatur zu wecken, sie vom „Rande Europas“ nach Deutschland zu bringen. Vergeblich bemühten sich die Freunde, dass sein Vertrag verlängert werde ….

In Lissabon habe ich Curt Meyer-Clason zu Beginn der 70er Jahre kennengelernt, denn als Doktorandin über die zeitgenössische Literatur Lateinamerikas und Anfängerin in der Literaturvermittlung wollte ich unbedingt den großen Meister kennenlernen. Diese Begegnung bleibt mir unvergesslich: auf dem Balkon, mit Blick über die Stadt, erzählte dieser Grandseigneur von der Politik in Portugal, von der Literatur Brasiliens und des ganzen Kontinents, sprühte vor Begeisterung: ein wunderbarer Homme des Lettres, ein herausragender Vermittler, ein großartiger „Causeur“, dem man stundenlang zuhören wollte. Seine Frau Christiane und die beiden Töchter waren natürlich auch dabei , und so kam ich ein wenig in die Familie, was später dazu führte, dass ich auch den einen oder anderen „runden“ Geburtstag mitgefeiert habe. Meyer-Clason liebte die Feste, den guten Wein, die lebhafte Gesellschaft, das Gespräch mit Freunden.

In den nächsten Jahren entwickelte sich ein reger Briefwechsel mit Curt Meyer-Clason, und bei meinem Eintritt in den Suhrkamp-Verlag im Januar 1974 waren wir schon Freunde und wurden oft Komplizen.

Mit Überzeugung und Dankbarkeit habe ich ihm meinen Band „Brasilianische Literatur. Materialien“ (Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/Main, 1984) gewidmet: „Für Curt Meyer-Clason, Vermittler und Übersetzer brasilianischer Literatur“, für den der „Patriarch“, wie wir ihn damals liebevoll nannten, einen Aufsatz über Guimarães Rosa geschrieben hatte.

4)

Nach seiner Rückkehr 1976 aus Portugal nach München, theoretisch im Ruhestand, arbeitete Meyer-Clason wieder als Übersetzer, Vermittler und Herausgeber, später auch als Autor. Das war vielleicht sein viertes Leben, unverändert mit Arbeit und Projekten gefüllt. Es erschienen etliche Anthologien, vor allem der Lyrik (Portugal und Brasilien). In den 80er Jahren wurden jedoch auch die Schwächen und Fehler in seinen Übersetzungen debattiert: er hatte oft gesagt, er übersetze mit dem Bauch, also intuitiv, den Klang der Sprache wiedergebend, die Melodie und den Rhythmus. Vermutlich hat ihn der Blick in das Lexikon gelangweilt, immer hatte er es eilig, stets gab es schon die Begeisterung für das nächste Projekt. Und so kam es zu Fehlern, Ungenauigkeiten, Irrtümern, Verwechslungen der spanischen oder brasilianischen Vokabeln usw., die zunächst verhalten, dann immer lauter erörtert wurden, zumal inzwischen jüngere Übersetzer vorzügliche Arbeit leisteten. Im Brasilianischen vor allem Ray-Güde Mertin, Karin von Schweder-Schreiner und Maralde-Meyer-Minnemann; im Spanischen Rudolf Wittkopf, Elke Wehr, Wilfried Böhringer, Monika López, Dagmar Ploetz und die Grandes Dames Anneliese Botond oder Maria Bamberg. Und seit den 90er Jahren folgte eine noch jüngere, exzellente Generation ….. die Zeiten, als man in den Verlagen händeringend nach guten Übersetzern aus diesen Sprachen suchte, sind zum Glück vorbei und vergessen.

Wenn man heute einen kritischen Blick auf die Übersetzungen von Meyer-Clason wirft (es sind immerhin mehr als 100 Titel), stellt man fest, dass viele Texte neu übersetzt werden müssen. Das liegt zum einen daran, dass Übersetzungen veralten, die Originale hingegen nicht. Jede Epoche braucht ihre neuen Übertragungen der Klassiker, wie wir wissen, und viele der von Meyer-Clason vorgestellten Titel sind inzwischen ja „Klassiker“ geworden: Borges, García Márquez, Neruda, Guimarães Rosa, Jorge Amado u.a. Zum anderen war es in den 50er und 60er Jahren in deutschen Verlagen nicht unüblich, dass ein Lektor dem Autor zehn, zwanzig oder noch mehr Seiten strich, weil es einfach „zu viele Worte und vor allem Adjektive für diese Begebenheit seien“. Meyer-Clason hat sich darüber oft beklagt, diese Fehler darf man ihm nicht anlasten. Das gilt für einige Texte von Amado, für den Roman „Stille“ von Antonio di Benedetto und möglicherweise noch andere Bücher. Manche seiner frühen Übersetzungen sollten revidiert werden, während mehrere aus den neunziger Jahren grobe Fehler und Schwächen aufweisen - man sollte sie mit Vorsicht lesen. Aber Meyer-Clason konnte nicht loslassen: Noch immer waren seine Neugier auf das Unbekannte, seine Leidenschaft für Neuentdeckungen zu groß.

5)

Vielleicht hat Curt Meyer-Clason, auch weil er seit Ende der 80er Jahre weniger Aufträge erhielt, intensiver als Autor gearbeitet… ein weiteres Leben. Er publizierte ein paar Romane, vor allem „Äquator“, desgleichen Erzählungen, und der Erfolg der „Portugiesischen Tagebücher“ war sicher ein Ansporn für das weitere Schreiben. Auch war er ein „geborener Erzähler“, wie viele seiner Autoren, und die jahrzehntelange Beschäftigung mit den Texten aus Lateinamerika hat diese Neigungen vermutlich nur verstärkt.

Geehrt wurde Meyer -Clason für seine Arbeit als Übersetzer 1972 mit dem Übersetzerpreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1996 für sein Engagement als Vermittler und Übersetzer mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. Seine Erfolge bei der Einführung so vieler großartiger Autoren aus Lateinamerikas in Deutschland sind und bleiben unbestritten: was er allein geleistet hat, ist ein Meilenstein auf dem bis heute schwierigen Weg der Rezeption der lateinamerikanischen Literatur (Brasilien/Hispanoamerika) in Deutschland.

Der Patriarch, gestorben mit 101 Jahren in München, bleibt unvergessen.

Michi Strausfeld