Nachruf auf Matthias Jendis

 

Matthias Jendis

„Nun flogen kleine Vögel kreischend über dem noch gähnenden Abgrund; mürrische weiße Wellen schlugen gegen seine steilen Wände; dann brach alles ein, und das große Leichentuch des Meeres wogte weiter wie vor fünf Jahrtausenden.“

Ich höre Matthias diesen Satz zitieren, den letzten Satz „seines“ Moby-Dick, und ich höre ihn sagen, dieser Abgesang auf die Pequod, den berühmten Walfänger aus Herman Melvilles Roman, erinnere ihn an das Gedicht The Second Coming von William Butler Yeats, an jenen großartigen Vers „Things fall apart; the centre cannot hold.“

Matthias Jendis ist tot. Er starb am 22. Januar 2009, wenige Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag. Ein unsinniger Unfall hat sein Leben beendet. Dieses Leben, das oft schwer war, schwerer als viele von uns ahnen und – angesichts seiner so gern zur Schau gestellten zweiten Natur als Göttinger Axt – für möglich gehalten hätten. Dieses Leben, das immer wieder Phasen hatte, in denen er sich so gefühlt haben muss, als würde auch um ihn herum alles auseinanderbrechen, als schleuderte ihn etwas, das er nicht bezwingen konnte, wieder und wieder heraus aus seiner Mitte. Ein ums andere Mal fasste er von neuem Fuß und wurde abermals nach ein paar Monaten zurückgeworfen, konnte viele Wochen lang weder den Kontakt mit seinen Freunden halten, noch war er in solchen Zeiten in der Lage zu übersetzen.

Dabei gab es, glaube ich, kaum eine andere Tätigkeit, die er so sehr geliebt hat wie gerade das Übersetzen, weil es ihm mehr als die meisten anderen Dinge die Chance gab, bei sich zu sein, geerdet, sich selbst zu spüren, sich zu versichern: seines Lebendigseins, seines Talents und seiner Kräfte. Ihm, dem so oft von Ängsten und von Unsicherheit Geplagten und gerade darum so sehr nach Sicherheit Dürstenden, schien das Übersetzen, das so viele von uns als äußerst unsichere Existenzgrundlage erleben, vor allem diese Sicherheit der eigenen Existenz zu geben.

Matthias war ein ausgezeichneter Übersetzer, das wird niemand in Frage stellen, der seine Arbeiten kennt. Mit seiner zu Recht gerühmten Moby-Dick-Übersetzung hat er sich seinen Platz erobert unter den Wenigen in unserer Zunft, deren Namen über den engen Kreis der Kollegen hinaus auch Kritikern, Akademikern und vor allem den Lesern bekannt sind. Die Liste seiner Übersetzungen ist lang und enthält Namen wie Patrick O'Brian, Alice McDermott, Joey Goebel, Breena Clarke, Robert Wilder Perkins, Valerie Blumenthal, Juliana Stockwin, Elliot Perlman, der ihm ganz besonders am Herzen lag, und, last, but not least, Patrica Highsmith, von der er drei Romane und einen Band mit Kurzgeschichten erstmals und sieben weitere Werke neu übersetzt hat.

Wer sich einen Eindruck von dem Enthusiasmus verschaffen möchte, der ihn antrieb, der sollte auf seine Website gehen und dort „Die Predigt“ lesen, seine Dankrede für den Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis, der ihm 2002 für den Moby-Dick verliehen wurde. „dieser Text“, so schrieb er mir in einer E-Mail am 31. Oktober letzten Jahres, in der er mich zum Besuch seiner endlich fertigen Website einlud, „ist das beste, finde ich, wo ... ich je geschrieben habe. in einem rausch und in one go, zwei stunden“.

Matthias war ein ungemein gebildeter und belesener Mensch, ein wahrer Gelehrter. Gelehrsamkeit, Talent, Akribie und Fleiß paarten sich bei ihm mit einer geradezu bedingungslosen Liebe zu unserer einsamen Tätigkeit, mit deren dienender Komponente er nie gehadert hat. Doch muss noch eine vierte Ingredienz hinzukommen, damit ein Übersetzer der Gefahr entgeht, Texte zu produzieren, die verknöchert, blutleer und staubtrocken sind. Und das ist Leidenschaft, ist eben jener unbändige Enthusiasmus, der dem Ganzen erst die Würze gibt und den Matthias hatte - mehr vielleicht als die meisten von uns. Die Begeisterung, mit der er in seinen E-Mails oder am Telefon von seinen Autoren, seinen Büchern erzählte, hatte etwas Ansteckendes. Damit gelang es ihm, auch andere, zum Beispiel seine Verlage, für die Bücher zu gewinnen, die er wichtig fand und machen wollte. Er war ein stürmischer Mensch, schoss, gerade auch im Onlineforum des VdÜ, mehr als einmal heftig übers Ziel hinaus, so dass selbst Wahrheiten, die er uns sagte, viele nicht erreichen konnten, weil sie sich von der Form zurückgestoßen fühlten.

Matthias war keiner von den Stromlinienförmigen, sondern einer, an dem man sich reiben musste, an dem sich die Geister schieden. Er war ein anständiger, geradezu ritterlicher Mensch, jemand, der die Fähigkeit zur Einsicht besaß, der die Größe hatte, sich zu entschuldigen, wenn er zu weit gegangen war. Und ich kenne nur Wenige, die – allen tragischen Umständen seines eigenen Lebens zum Trotz – so gern gelebt haben wie er. Er fehlt schon jetzt – mit allem, was er war, mit seiner Leidenschaft und seiner Kantigkeit, mit all dem, was ihn liebenswert gemacht hat, und auch mit dem, was manche unter uns von Zeit zu Zeit schockiert hat. Er fehlt – vor allem seiner Freundin, seinen Freunden. Aber der Tod hat nicht das letzte Wort.

Christa Schuenke