Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung

Zu dem Artikel Eifersucht und Eisenbahn: Leo Tolstois „Anna Karenina“ in neuer Übersetzung
von Hannelore Schlaffer, 27. Oktober 2009:


Verwundert liest man am Ende einer hymnischen Besprechung von Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“, der kürzlich in einer Neuübersetzung von Rosemarie Tietze erschienen ist, den erstaunlichen Satz: „Vor dem Gewicht einer solchen Zeitanalyse spielt die Qualität einer Übersetzung kaum eine Rolle.“

Die Rezensentin Hannelore Schlaffer meint offenbar, je größer und bedeutender ein literarisches Werk ist – und Tolstois Roman gehört zweifellos zu den ganz großen –, desto weniger komme es auf die Sprache an. Damit outet sich diese Kritikerin als Angehörige einer längst überholten und obsolet gewordenen Schule der Literaturwissenschaft und -kritik, die literarische Werke vor allem nach dem behandelten Inhalt und Stoff bewertet, also nach ihrer sog. Welthaltigkeit, und der Form nur untergeordnete Bedeutung beimißt. Je größer das Thema und die Fülle der Handlung, desto unwichtiger wird nach dieser Logik die Art der Präsentation, also die konkrete Sprachform. Wie einer schreibt, spielt „kaum eine Rolle“, es geht dieser Literaturkritik vor allem um das Was. Infolgedessen ist die Frage, ob eine Übersetzung genauer als eine andere ist, ob sie gar neben dem Inhalt des Werkes auch dessen sprachliche Form – also den Stil des Autors – wiederzugeben versucht, nur eine Art Zeitvertreib für pedantisch-akribische Philologen, denen es mehr auf Werktreue als auf „Eleganz“ ankomme – während die Leser doch einfach nur möglichst hindernisfrei in die Welt des Romans eintauchen wollten. Was hier wieder auftaucht, ist das alte Klischee von der belle infidèle, der „schönen Treulosen“, das heißt die Behauptung, Übersetzungen könnten nur entweder schön oder treu sein, beides gleichzeitig gehe nicht. So schreibt Hannelore Schlaffer weiter: „Rosemarie Tietze folgt dem gegenwärtigen Trend des Übersetzens, der mit philologischer Akribie besonderen Wert auf die sprachlichen Besonderheiten des Originals legt. Dadurch kann es in der deutschen Sprache zu Unebenheiten, sogar Verständnisschwierigkeiten kommen. Die Eleganz früherer Übertragungen (…) geht verloren, größere Werktreue jedoch ist gewonnen.“ Es wäre interessant zu erfahren, was für „Unebenheiten“ die Rezensentin hier meint; der Verdacht drängt sich auf, daß sie eine „ebene“ Sprache erwartet, also eine sprachliche Glätte, die von gewissen Literaturpromotern als leichte Lesbarkeit oder Eingängigkeit gerühmt wird. Man fragt sich angesichts solcher Urteile von gestandenen Literaturwissenschaftlern, was diese eigentlich unter Literatur verstehen und was sie an ihr schätzen, wenn sie die Form ihrer sprachlichen Darbietung – wozu letztlich ja auch die Übersetzung gehört – als so unwesentlich einstufen.

Übrigens irrt die Rezensentin mit der Behauptung, Rosemarie Tietze folge dem „gegenwärtigen Trend des Übersetzens“: Sie „folgt“ ihm nicht, sie hat ihn vor über zwei Jahrzehnten maßgeblich mitbegründet – ohne dabei allerdings das Streben nach Klarheit und Eleganz zu vernachlässigen. Zum Glück gibt es Leser und Literaturkritiker, auch in der SZ, die den Wert von Neuübersetzungen großer klassischer Werke nicht so niedrig ansetzen. Andernfalls müßten Verleger und Übersetzer sich fragen, wozu sie den ganzen Aufwand eigentlich treiben und sich um stilgetreue, den sprachlichen und kulturellen Feinheiten des Originals angemessene Übertragungen bemühen. Zumal wenn es sich um weit über tausendseitige Klassiker vom Gewicht eines „Don Quijote“ oder „Tom Jones“ oder eben der „Anna Karenina“ handelt, für die es doch hinreichend „elegante“ Fassungen längst gibt.

5. November 2009 – Aufbaustudiengang Literarisches Übersetzen der LMU München:
Burkhart Kroeber, Andrea O’Brien, Kristine Harth, Anne Hügel, Vivian Krohn, Kirsten Middeke, Julian Müller, Ulla Nührich-Loch, Susanne Weishaupt