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Übersetzer sind die Autoren der Weltliteratur
Burkhart Kroeber, geboren 1940, übersetzt
seit dreißig Jahren literarische und andere Bücher
vorwiegend aus dem Italienischen, namentlich die Werke
von Umberto Eco und Italo Calvino. Außerdem sind
von ihm erschienen: Alessandro Manzoni, Die Brautleute;
Charles Dickens, Das Geheimnis des Edwin Drood;
John Steinbeck, Die Reise mit Charley: Auf der Suche
nach Amerika.
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Übersetzte Bücher haben grundsätzlich zwei
Autoren
Im Grunde eine Binsenweisheit, die aber
von interessierter Seite immer wieder bestritten wird: Literaturübersetzer
sind nicht nur de jure Urheber ihrer Werke (wie alle Verfasser
von Schriften), sondern auch de facto Mit- oder Zweitautoren
der von ihnen übersetzten Bücher. Von ihrer Fähigkeit
zur sprachgestalterischen Kooperation mit dem Autor –
das heißt zur Erkenntnis und Analyse seiner Ausdrucksmittel,
seiner darstellerischen oder diskursiven Techniken, seiner
formalen Entscheidungen etc., also letztlich zur Einfühlung
in seinen Stil – hängt es ab, ob und in welchem
Maße der Autor in der Übersetzung nicht nur als
Berichterstatter oder Wissensvermittler erscheint, sondern
als stilistisch erkennbare, kreative Persönlichkeit –
und somit eben als wirklicher Autor. Wäre es anders,
könnte das Literaturübersetzen irgendwann tatsächlich
von entsprechend hochentwickelten Maschinen erledigt werden.
Selbst die einfachsten Sätze lassen
sich, isoliert genommen, auf verschiedenste Weise übersetzen,
ohne daß außerhalb ihres (literarischen) Kontexts
zu entscheiden wäre, welche davon die „richtige“
ist. Das beginnt bei den vielen Möglichkeiten, ein ganz
normales Gerundium wiederzugeben (Walking across the street,
I saw somebody…: „Während/indem/als ich
über die Straße ging, sah ich… / beim Überqueren
der Straße sah ich… / Ich ging über die Straße
und sah…“, womöglich sogar: „Über
die Straße gehend sah ich jemanden…“) und
endet bei subtilen Bedeutungsnuancen, die letztlich nur subjektiv
zu entscheiden sind, also eben einen Mit- oder Zweitautor
in der Rolle des Übersetzers verlangen.
Mit- oder Zweitautor zu sein heißt
freilich, zusammen mit dem (Erst-)Autor auch die volle Verantwortung
für den Text zu tragen, also wo nötig auch Risiken
einzugehen in der Hoffnung, daß sie sich am Ende –
wie eine gewonnene Wette – literarisch auszahlen. Natürlich
geht das nur in enger Kooperation mit dem Autor beziehungsweise,
wenn der nicht (mehr) zur Verfügung steht, mit seiner
im Text erkennbaren Intention. Man könnte auch sagen:
Der Übersetzer muß das Spiel des Autors komplizenhaft
mit- und weiterspielen. So habe ich es bei Ecos Romanen seit
Der Name der Rose gehalten: Als Komplize des Autors
habe ich seine stilistischen Mittel und Strategien in meiner
Sprache zu imitieren versucht, immer mit Blick auf die Wirkung
beim Leser. Alles andere hätte bestenfalls zu einer korrekten
Wiedergabe des Inhalts geführt. Es geht jedoch beim Literaturübersetzen
auch und vor allem um die Wiedergabe des Stils, und
den kann man nur treffen, wenn man – bei aller übersetzerischen
Treue – wie ein zweiter Autor an den Text herangeht.
Übersetzte Bücher haben daher
grundsätzlich zwei Autoren, einen kreativen Erst- oder
Hauptautor, der das ganze Gebäude erdacht und errichtet
hat, und einen rekreativen Zweit- oder Nebenautor, der es
in neuer Umgebung auf anderem Boden nachbaut. Das Bild einer
architektonischen Rekonstruktion auf anderem Boden beschreibt
den Übersetzungsprozeß wesentlich besser als das
der Fähre, die ein ihr anvertrautes Gut unversehrt (also
möglichst auch unaufgeschnürt) von einem Ufer zum
anderen bringt.
Burkhart Kroeber, 2006
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