Doris Kilias - Ein ostwestdeutsches Übersetzerleben
Ein Nachruf von Larissa Bender
"So fremdartig uns die in der ägyptischen Prosaliteratur
gezeigten Lebensumstände mitunter erscheinen mögen, die menschlichen
Beziehungen mit ihren vielfältigen Problemen sind uns doch sehr vertraut. Ägypten
ist kein fernes Land mehr"1.
So schreibt Doris Kilias 1989 in einem Nachwort zu einem von ihr herausgegebenen Band ägyptischer Kurzgeschichten. Dass uns, den Deutschen, Ägypten tatsächlich ein bisschen weniger fremd ist, dazu hat die am 1. Juni 2008 viel zu früh verstorbene Arabischübersetzerin Doris Kilias einen enormen Beitrag geleistet.
Insgesamt zwanzig Romane des bislang einzigen arabischen Literaturnobelpreisträgers, des Ägypters Nagib Machfus, hat Kilias aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen - seit 1990 für den Schweizer Unionsverlag jedes Jahr einen. Daneben übersetzte sie u.a. Werke der ägyptischen AutorInnen Gamal al-Ghitani, Baha Taher, Ibrahim Aslan und Miral al-Tahawi, der LibanesInnen Emily Nasrallah und Hasan Dawud, alle für den Schweizer Lenos Verlag, den sehr erfolgreichen Roman "Die Girls von Riad" der saudi-arabischen Jungautorin Raja Alsanea,2 und als letztes von ihr übersetzte Werk erschien dieses Jahr der Roman "Honigkuss" von Salwa Al Neimi über das Liebesleben einer sexhungrigen Frau.
Ich lernte Doris Kilias im März 2001 kennen. Wir, das heißt der Verein Dialog Orient-Okzident e.V., hatten die bekannte Übersetzerin eingeladen, eine Lesung mit dem libanesischen Schriftsteller Hasan Dawud zu moderieren und zu dolmetschen, dessen Buch "Der Gesang des Pinguins" sie so wundervoll ins Deutsche übertragen hatte. Viel Zeit zum Plaudern und zum Austausch blieb uns bei Kilias kurzem Besuch in Köln nicht. Aber ein wenig gab sie damals doch von ihrem Übersetzerleben preis. 1995 ein Opfer der Stelleneinsparungen an der Humboldt-Universität geworden, habe sie sich damals in ihr Arbeitszimmer in Berlin zurückgezogen und begonnen, sich ausschließlich der Kunst des Übersetzens zu widmen. Wie in einer Firma verbringe sie mindestens acht Stunden täglich am Schreibtisch, mit geregelten Arbeits- und Pausenzeiten, die sie strengstens einhalte, erzählte sie. Ich meinerseits hatte damals gerade mal vier Romane aus dem Arabischen übersetzt und Doris Kilias war für mich so etwas wie ein Übersetzervorbild. Doch die Vorstellung, in einer Wohnung zu hocken und mein Leben ausschließlich mit dem Übersetzen von arabischen Büchern zu verbringen, das schreckte mich genauso wie ich Doris dafür bewunderte. Aber Doris Kilias lebte nicht wirklich allein, sie lebte mit ihren Autorinnen und Autoren, und sie übersetzte seit ihrer Entlassung von der Universität, also innerhalb von dreizehn Jahren, weit über zwanzig Romane bedeutender arabischer SchriftstellerInnen ins Deutsche.
Doch schon lange bevor sich Doris Kilias bei der kleinen Fangemeinde für arabische Literatur im Westen einen Namen als Arabischübersetzerin machte, war sie eine in der DDR engagierte Vermittlerin zwischen den Kulturen. Aufgewachsen im ostdeutschen Bernau, war sie schon früh der Idee verfallen, Arabisch zu lernen, und schrieb sich an der Humboldt-Universität für Romanistik und Arabistik ein. Doch was es bedeutete, in der DDR ein Fach zu studieren, das eine Brücke ins Ausland war oder sein konnte, erfuhr sie spätestens, als sie das Angebot erhielt, 1968 für ein Jahr nach Kairo zu gehen – für Bürger der damaligen DDR keine Selbstverständlichkeit: Um eine Republikflucht zu verhindern, verlangte man von ihr, ihre fünf Monate alte Tochter Jenny als Pfand in Berlin zurücklassen.
Während ihres Kairoaufenthalts in Kontakt mit moderner ägyptischer Literatur gekommen, promovierte Kilias 1974 über die moderne ägyptische Kurzgeschichte und habilitierte sich zehn Jahre später über die arabophone Literatur Algeriens. Und früh schon hatte sie begonnen, arabische Literatur ins Deutsche zu übertragen.
Viel früher als im deutschsprachigen Westen nämlich hatte sich die ostdeutsche Orientalistik mit der modernen arabischen Literatur beschäftigt und Romane und Kurzgeschichten von arabischen AutorInnen insbesondere der "sozialistischen Bruderstaaten" übersetzt.
Da gab es etwa die Leipziger Reclam-Reihe, in der der Roman "Tamima" des libanesischen Schriftstellers Taufik Yussuf Awwad erschienen war, genauso wie "Wüstenwölfe" von Sabri Musa. Da war der Aufbau-Verlag, der die berühmten "Kindheitstage" von Taha Hussein oder "Die billigsten Nächte von Jussuf Idris herausgebracht hatte – Werke von überragender Bedeutung für die arabische Literaturgeschichte. Und da war der Verlag Volk und Welt mit seinen Anthologien mit Kurzgeschichten irakischer, ägyptischer, palästinensischer oder syrischer Autoren. Für mich, eine junge Studentin der Islamwissenschaft und Literaturinteressierte, die im Westen studierte, stellten diese Entdeckungen in einer Berliner Buchhandlung Anfang der 80er Jahre das Tor zu einer neuen Welt dar.
Insbesondere drei Namen von Übersetzerinnen dieser arabischen modernen Literatur blieben mir damals im Gedächtnis haften: Wiebke Walther, Regina Karachouli und Doris Erpenbeck bzw. Kilias – drei Übersetzerinnen aus der ehemaligen DDR, die auch nach der Wende die Übersetzungsbewegung aus dem Arabischen in Deutschland entscheidend mitprägten.
So betätigte sich Doris Kilias bereits 1977, als man im deutschsprachigen Westen nicht einmal zu ahnen schien, dass es so etwas wie eine arabische Literatur überhaupt gab, als Übersetzerin und Herausgeberin eines Bandes mit syrischen Kurzgeschichten. Und noch bevor sie zehn Jahre später in der gleichen Reihe einen Band mit ägyptischen Geschichten herausgab, übersetzte sie 1987 den ersten Roman von Nagib Machfus, "Die Midaq-Gasse" - damals erschienen beim Verlag Volk und Welt -, dem später noch neunzehn weitere folgen sollten.
Wie sehr sie mit ihren Autorinnen und Autoren lebte, wie sehr sie sich in die arabische Welt hineindachte, das wird in den folgenden Worten nur allzu deutlich: "Ich hab dem Machfus erzählt", so berichtet sie in einem Interview, "dass mein Mann auf ihn eifersüchtig ist. Und er sagte: 'Was, ich kenn doch deinen Mann gar nicht!' Da hab ich gesagt: 'Ja, weil ich so viel Zeit mit Ihnen verbringe, den ganzen Tag. Und wenn er nach hause kommt, abends, dann erzähl ich immer noch, was ich gemacht habe, und was Sie geschrieben haben."3
Über dreißig Jahre lang hat sich Doris Kilias der arabischen Literatur gewidmet und den Deutschen die arabische Gesellschaft näher gebracht. Im Jahr 1999 erhielt sie dafür den Jane-Scatcherd-Preis "für ihre präzisen, Einblick in eine andere Kultur gewährenden Übersetzungen der Romane des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Machfus".
Dass diese Übersetzungsleistung – und die Leistung von ÜbersetzerInnen überhaupt – nicht entsprechend gewürdigt wird, das hat auch Doris Kilias immer wieder zu spüren bekommen. "Die denken wohl, der schreibt auf Deutsch", habe sie gesagt, wenn bei einer Rezension ihr Name als Übersetzerin mal wieder nicht genannt wurde, schreibt ihre Tochter, Jenny Erpenbeck, in ihrem Nachruf. Und dieses Schicksal - und Ärgernis – teilen wohl alle ÜbersetzerInnen mit ihr.
Ist nun dank der unermüdlichen Arbeit von Doris Kilias der arabische Roman in Deutschland "angekommen"?, könnte man sich angesichts von über dreißig übersetzten Romanen nun vielleicht fragen. Noch nicht ganz. Die arabische Literatur führt im deutschen Literaturbetrieb noch immer ein Schattendasein, und deshalb wird uns ArabischübersetzerInnen Doris Kilias bei unserem Bemühen, der arabischen Literatur in Deutschland einen größeren Raum zu geben, besonders fehlen.
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1 Doris Kilias. Berlin, Juli 1988. In: Erkundungen. 32 ägyptische Erzähler. Hrsg: Doris Kilias. Verlag Volk und Welt, Berlin 1989.
2 Eine – nicht ganz vollständige - Liste der von Doris Kilias übersetzten und editierten Werke siehe: Abschied von Doris Kilias, von Wolfgang G. Schwanitz im Format PDF.
3 Zitiert aus einem Interview von Beate Hinrichs mit Doris Kilias vom 1. Oktober 2001.