JuLit - die Zeitschrift des Arbeitskreises für Jugendliteratur
Heft 3 2008, S. 54 bis 57
http://www.jugendliteratur.org/julit-6.html

Nicola Bardola

Engagement für den zweiten Autor

Seit mehr als fünf Jahrzehnten setzt sich der Verband deutschsprachiger Übersetzer für die Interessen seiner Berufsgruppe ein. Er ist seit 2002 Mitglied im Arbeitskreis für Jugendliteratur

Gerlinde Schermer-Rauwolf
VdÜ-Präsidentin Gerlinde Schermer-Rauwolf. Foto: Florian Ritter


Vorsitzende oder Vorsitzender des VdÜ darf nur werden, wer das Amt richtig aufsagen kann“, sagt die 49-jährige Gerlinde Schermer-Rauwolf, lacht und benennt exakt ihre Funktion: „Seit 2005 bin ich Präsidentin des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. und erste Vorsitzende der Bundessparte Übersetzer im Verband deutscher Schriftsteller in ver.di.“ Beachtlich verschachtelt ist demnach, was sich hinter dem harmlosen Kürzel VdÜ verbirgt. Bewegt und interessant ist auch die Geschichte des VdÜ von den Anfängen bis heute: Ende September 2008, nach Erscheinen dieser JuLit-Ausgabe, findet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des „VdÜ/Bundessparte Übersetzer im VS in ver.di“ (wie der VdÜ selbst schriftlich zu formulieren pflegt) statt mit den Tagesordnungspunkten „Neuwahl des Vorstands“ und „gemeinsame Vergütungsregel“. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der Honorare für Übersetzer durch die wechselvolle Geschichte des Verbands. Wichtig für Multiplikatoren der Kinder- und Jugendliteratur ist die Tatsache, dass der VdÜ Mitglied bei zahlreichen anderen Verbänden ist, u.a. auch im Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ). Warum eigentlich? „Kinder- und Jugendliteratur wird sehr häufig aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt. Deshalb ist es für uns interessant, im AKJ eigenständig als VdÜ in Erscheinung zu treten“, erklärt Schermer-Rauwolf und verweist darauf, dass der AKJ sehr früh begonnen habe, Übersetzer zu würdigen und dies immer noch in vorbildlicher Weise – u.a. im Zusammenhang mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis – tut. Für die Zukunft überlegt Schermer-Rauwolf, wie sich der VdÜ noch stärker inhaltlich beim AKJ einbringen kann. Sie denkt an Symposien zu den besonderen Herausforderungen beim Übersetzen von Kinder- und Jugendliteratur, an intensivere Kontakte der Kenner fremder Kulturkreise und an Workshops zu bestimmten Themen.

Die übergeordneten Ziele des VdÜ gelten demnach auch für Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur: Der Einsamkeit der Übersetzer soll durch stärkere Vernetzung entgegengewirkt werden. Dazu tragen Seminare und andere Fortbildungsmaßnahmen bei, wie sie für Belletristik- Übersetzer stattfinden und noch weiter ausgebaut werden. Treffen von Übersetzern mit Lektoren und Journalisten könnten alle Beteiligten beispielsweise für Fragen der Übersetzungskritik sensibilisieren. Preise für Übersetzer sollten an Nachhaltigkeit gewinnen. Kosten für die Feierlichkeiten solcher Auszeichnungen sollten der Preissumme keine Konkurrenz machen. Schermer-Rauwolf hat festgestellt, dass manchmal die Aufwendungen für einen Festakt mehr als die Hälfte des Anerkennungs- oder Fördergeldes beträgt.

Beteiligungsmodus

Durch Stipendien sollten Übersetzer Gelegenheit bekommen, fremde Kulturen im Ausland kennen zu lernen. Wichtig wären auch engere Kontakte beispielsweise zu Schriftstellerverbänden im Ausland. In Großbritannien gibt es drei verschiedene und sehr bedeutende Vereinigungen dieser Art. Oft ist deren Autoren nicht klar, wie nützlich der direkte Kontakt zu ihren Übersetzern sein kann. Hierzu könnten sich auch die Förderer und Stifter selbst stärker vernetzen.

Schermer-Rauwolf konstatiert zurzeit eine möglicherweise überproportional starke Förderung von Übersetzern aus Mittel- und Osteuropäischen Sprachen. Die öffentliche Wahrnehmung und die Wertschätzung für die Schattentätigkeit der Fremdsprachenkenner sollten aber grundsätzlich weiter steigen. Das Selbstbewusstsein der Übersetzer und ihre öffentliche Wahrnehmung ist zwar dank der vielseitigen Aktivitäten des VdÜ deutlich gewachsen. Ein klares Ziel jedoch ist noch nicht erreicht: „Jeder Leser sollte auf Anhieb wissen, ob er ein Original in Händen hält, oder ob ein zweiter Autor daran beteiligt ist“, fordert Schermer-Rauwolf. Schließlich sei heute auf dem deutschen Markt jedes zweite belletristische Buch eine Übersetzung. Und allzu oft gerät in Vergessenheit, dass Literaturübersetzungen persönliche geistige Schöpfungen und die Übersetzer die Urheber ihrer Werke sind.

Damit die Übersetzer den Schutz des Urheberrechts voll genießen können, braucht es manchmal die Hilfe des VdÜ, der inzwischen mehr als 1.000 Mitglieder zählt. Er vertritt die Interessen der Übersetzer gegenüber den Vertragspartnern und der Öffentlichkeit oder bietet Beratung bei Versicherungs- und Rechtsangelegenheiten. Der Internet-Auftritt ist die ideale Plattform, um sich über Mitgliedschaft und Leistungen des VdÜ zu informieren. Zudem findet man dort alle wesentlichen Neuigkeiten im Zusammenhang mit Übersetzern. Neu ist auch nach langen und zähen Verhandlungen die Einigung der vom VdÜ bestimmten Kommission mit den Verlagen über ein angemessenes Vergütungsmodell. Da sich aber zahlreiche Übersetzer zu Wort meldeten, dies sei nach wie vor kein akzeptabler Lösungsvorschlag, soll der Verband über das weitere Vorgehen entscheiden. Manche Beobachter glauben, dass der VdÜ dadurch vor einer Zerreißprobe steht. Manche befürworten die Nähe zu ver.di, andere lehnen sie ab. Bemerkenswert ist die Erkenntnis, dass es für Übersetzer besonders schwierig ist, einen allgemeinen und gerechten Beteiligungsmodus zu finden. Kann es überhaupt Tarifvereinbarungen, also gewerkschaftlich ausgehandelte Arbeits- und Honorarbedingungen für Übersetzer geben? Sind dafür die einzelnen Übersetzungsprojekte nicht zu unterschiedlich? Einen Nutzen hat der öffentliche Streit auf jeden Fall: Die gerechtfertigten Ansprüche der Übersetzer nach adäquater Entlohnung werden deutlicher als je zuvor. Dabei war das schon bei der Gründung des VdÜ ein entscheidendes Thema.

Anfänge in der Nachkriegszeit

Der VdÜ ist älter als ihre erste Vorsitzende und hat schon so viel erreicht, dass kein Zweifel daran besteht, dass irgendwann in Zukunft auch der „zweite Autor“ zu mehr Rechten kommen wird: vor vier Jahren feierte der VdÜ sein 50-jähriges Bestehen und erinnerte an die Anfänge in der Nachkriegszeit. Die Neugier auf Bücher aus anderen Ländern und Sprachräumen war nach der Herrschaft der Nationalsozialsten groß. Dementsprechend war der Bedarf an Übersetzern, wenn auch kein Zweifel daran besteht, dass heute aufgrund des gewachsenen Büchermarktes sehr viel mehr übersetzt wird als damals. In Westdeutschland konzentrierte man sich auf Texte aus englischsprachigen Ländern und Bücher aus Frankreich, in Ostdeutschland auf Bücher aus Russland und Osteuropa. Später übersetzte man immer mehr auch aus skandinavischen und romanischsprachigen Ländern. Das Tempo, in dem versucht wurde, den internationalen Kanon einzudeutschen, war oft enorm. Daher kam es auch zu teilweise qualitativ wenig überzeugenden Textfassungen, die später – sollte sich der Quelltext als langlebig erweisen – überarbeitet wurden. Ursache für wenig überzeugende oder gar fehlerhafte Übertragungen war manchmal aber auch schlichtweg mangelnde Erfahrung und Unprofessionalität der Übersetzer. Bei anspruchsvollen Texten reicht es eben nicht als Quereinsteiger die Quellsprache zu beherrschen und die Zielsprache zu lieben. Das ahnte der Mitbegründer und erste Vorsitzende des VdÜ im Jahre 1954, Rolf Italiaander, ein Kämpfer für Völkerverständigung und Frieden aus den Niederlanden, um den sich zahllose Legenden ranken. Weitere Gründungsmitglieder waren Kurt Heinrich Hansen, Martin Beheim-Schwarzbach und Hans Georg Brenner. Die Anekdote Beheim-Schwarzbachs, er habe nach der Rückkehr aus dem Exil in England von seinem Verleger Eugen Claassen für die Übersetzung des Bestsellers Vom Winde verweht eine Kiste Zigarren als Honorar bekommen, gehört heute noch zum Gründungsmythos des VdÜ und dient als frühe Mahnung für ein angemessenes Beteiligungsmodell an erfolgreichen Übersetzungen. Damals schon wurden Musterverträge ausgearbeitet und öffentliche Gespräche „Über die Kunst des Übersetzens“ geführt.

Imagegewinn und Visionen

Übersetzen
Übersetzen – Vierteljahreszeitschrift des VdÜ
 


Nach Italiaander übernahm der Sachbuchübersetzer Rolf Tonnendorf den Vorsitz. Er gründete die Zeitschrift Der Übersetzer, die heute noch unter dem Titel Übersetzen erscheint. 1964 wurde Helmut M. Braem Präsident. Der nach ihm benannte Preis für die beispielhafte Übersetzung eines Prosawerks gehört zu den begehrtesten. Und Braems drei Zielsetzungen gelten nach wie vor: die Öffentlichkeit auf die Arbeit der Übersetzer aufmerksam machen; Fortbildungsmöglichkeiten schaffen, um die Qualität zu steigern; Arbeits- und Honorarbedingungen verbessern.

Auf dem ersten internationalen Übersetzerkongress in Hamburg 1965 ging es darum, dass Verlage zugestehen sollten, immer die Übersetzer auf den Titelseiten des Buches zu nennen. 1968 entstanden auf Braems Initiative hin die „Esslinger Gespräche“, die später mehrfach umbenannt wurden. Seit 1969 gehört der VdÜ als selbständiger Verband dem Schriftstellerverband VS an. Elmar Tophoven, der Übersetzer u.a. Samuel Becketts, hatte die Vision einer internationalen Übersetzerwerkstatt nach dem historischen Vorbild der Schule von Toledo aus dem 12. Jahrhundert. Daraus entstand das Europäische Übersetzer-Kollegium (EÜK) in Straelen mit seiner einzigartigen Bibliothek. Mit ähnlicher Beharrlichkeit wie Tophoven verfolgte danach Rosemarie Tietze das Ziel, schwierige literarische Übersetzungen nicht nur mit Hilfe besonderer Anstrengungen der Verlage, sondern auch mit einem „Deutschen Übersetzerfond“ zu finanzieren, der ähnlich wie der „Deutsche Literaturfond“ nach literarischen Kriterien arbeitet.

1973 schlossen sich VS und VdÜ zögernd der Gewerkschaft an und gehören heute beide zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Dieser Schritt ist bis heute für viele VdÜ-Mitglieder ein schwieriger, möglicherweise falscher. 1976 übernahm Klaus Birkenhauer das Amt des Präsidenten des VdÜ von Braem und machte das EÜK zu einer weltbekannten Institution. Es folgten die renommierten Übersetzer Burkhart Kroeber und Helga Pfetsch, die dem VdÜ zu noch größerer Bedeutung und Imagegewinn verhalfen. Heute kämpft als erste Vorsitzende Gerlinde Schermer- Rauwolf für die Interessen der Übersetzer und es bleibt zu hoffen, dass von den bestehenden Visionen auch betreffend der Kinder- und Jugendliteratur einige in naher Zukunft realisiert werden.

Nicola Bardola begründete die Reihe „Wegweiser durch die internationale Kinder- und Jugendliteratur“ (Internationale Jugendbibliothek), betreute internationale Buch- und Illustratoren-Ausstellungen und gründete gemeinsam mit Susanna Wengeler, Stefan Hauck und Mladen Jandrlic den „Senter Kreis“ (mit-bilderbuechern-waechst-man-besser.de).

Kontakt: Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e.V. (VdÜ), Geschäftsstelle: VdÜ im Verband deutscher Schriftsteller in ver.di, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Paula-Thiede-Ufer 10, 10179 Berlin, Tel. (030) 69 56 23 27, Fax (030) 69 56 36 56,
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