Ragni Maria Gschwend, portraitiert von Rudolf Hermstein
Ragni Maria Gschwend stammt aus Kempten im Allgäu und lebt seit 1976 in Freiburg im Breisgau. Nach Abitur, Buchhandelslehre und längeren Auslandsaufenthalten studierte sie Italienisch in Perugia und Siena und schließlich in München, wo sie am Sprachen- und Dolmetscherinstitut ihr Übersetzerdiplom erwarb. Bereits während des Studiums und danach neben ihrer Tätigkeit in der Münchner Redaktion von rowohlts deutsche enzyklopädie entstanden erste Übersetzungen für Verlage und den Film. Doch erst nach ihrer Heirat mit Karl Heinz Seidl und der gemeinsamen Übersiedlung nach Freiburg konnte sie sich als literarische Übersetzerin selbstständig machen.
Zu den Autoren, die sie in ihrer bislang bald vierzigjährigen Karriere übersetzt hat, gehören Anna Maria Carpi, Ennio Flaiano, Margherita Guidacci, Tommaso Landolfi, Claudio Magris, Elsa Morante, Antonio Moresco, Guido Morselli, Vasco Pratolini, Ignazio Silone, Italo Svevo, Fulvio Tomizza, Federigo Tozzi und Sebastiano Vassalli.
Für ihre Übersetzungsarbeit wurde RMG vielfach ausgezeichnet. So erhielt sie (neben fünf italienischen Auszeichnungen) 1982 den Literaturpreis der Stadt Stuttgart, 1992 ein Arbeitsstipendium des Landes Baden-Württemberg, 1995 den Förderpreis des Reinhold Schneider-Preises der Stadt Freiburg und das Stipendium der Calwer Hermann-Hesse-Stiftung, 2006 den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse und 2008 den Paul-Celan-Preis. Außerdem ist sie seit langem Mitglied des PEN-Clubs Deutschland.
Auch als Schriftstellerin und Herausgeberin hat sich RMG einen Namen gemacht; dabei geht es ihr immer um ihre Autoren oder um das Thema „Übersetzen“. So verfasste sie – um nur ein paar Beispiele zu nennen – unter dem Titel: Die Kunst sich das Rauchen nicht abzugewöhnen, ein Lesebuch über Italo Svevo und, zusammen mit François Bondy, eine Rowohlt-Monographie über diesen Autor. Die von ihr zusammengestellte Anthologie Der schiefe Turm von Babel (Straelener Manuskripte Verlag, 2000) enthält eine Fülle von "Geschichten vom Übersetzen, Dolmetschen und Verstehen", und im selben Verlag erschien 2006 ihr ebenso kluges wie vergnügliches Buch Figaros Flehn und Flattern. Mozart in den Fängen seiner Übersetzer. 2005 kam bei dtv ihr zweisprachiges Bändchen Capricci – Skurrile Geschichten heraus.
Rätselhaft ist, wie RMG bei alledem immer auch noch Zeit und Kraft für ehrenamtliches Engagement fand und findet: So suchte sie von Anfang an das einsame Geschäft des Übersetzens durch Kontakte mit Kollegen zu erleichtern und zu beleben, wodurch bereits Ende der 60er Jahre in München der erste Übersetzerstammtisch entstand. Später brachte sie dann auch in Freiburg die übersetzenden Kollegen zu regelmäßigen Treffen zusammen, woraus sich mittlerweile eine rege Übersetzerszene entwickelt hat, die längst einen wesentlichen Bestandteil des „Literaturforums Südwest e.V.“ bildet. Viele Jahre war RMG Mitglied des VdÜ-Vorstands und von 2001 bis 2008 Präsidentin des „Freundeskreises zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V.“, wofür sie 2006 mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.
Und jetzt auch noch „das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“! „Es gelingt ihr immer wieder“, hieß es in der Laudatio anlässlich der Verleihung, die am 13. November 2008 in Freiburg stattfand, „das Thema 'Übersetzen' im Kulturleben und in der Öffentlichkeit auf abwechslungsreiche und anziehende Weise zu präsentieren. Ihre gesamte Tätigkeit zeugt von ihrem unermüdlichen Bestreben, sich aktiv um das Geschehen in der aktuellen Übersetzerszene in Deutschland zu bemühen“. Was lässt sich dem noch hinzufügen?
Rudolf Hermstein