Lerke von Saalfeld

Foto: Fritz Senn
Es gibt nur noch wenige Personen unter uns, die auf so bezaubernde und anregende Weise die Kultur und Bildung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verkörpern, wie dies die Verlegerin und Übersetzerin Hildegard Grosche tat. Vielleicht muß man dazu auch in einer besonderen Ecke des untergegangenen Mitteleuropa aufgewachsen sein: am Rande des Karpatenbeckens, in Rékás.
Als Hildegard Grosche dort im Jahre 1913 geboren wurde, gehörte dieser Winkel noch zum k.u.k. Reich, ihr Vater war Offizier eines untergehenden Reiches. Hier atmete das heranwachsende Mädchen eine Luft, die geprägt war von verschiedenen Kulturen und Sprachen. In einer seltenen Mischung aus intellektueller Disziplin, geistigem Rebellentum und literarischer Neugier begab sie sich später als Verlegerin wie als Übersetzerin immer wieder auf Entdeckungsreisen, um dem deutschen Lesepublikum neue Horizonte zu erschliessen, die jenseits der nationalen Grenzen liegen.
Nach dem Studium der Finno-Ugristik in Münster und im
Vorkriegs-Berlin, nach den Wirren des Krieges und der Flucht,
verschlug es Hildegard Grosche nach Stuttgart, wo sie bis
zu ihrem Tod lebte. Ende der vierziger Jahre gründete
sie den Steingrüben Verlag, Anfang der sechziger Jahre
erweiterte sie ihr Programm durch den Goverts Verlag. Bemerkenswert
für die Verlegerin war, sie streckte ihre Fühler
nach Ost wie nach West aus. Sie ließ den in Europa
noch ganz unbekannten William Faulkner übersetzen; veröffentlichte
aber auch die Schriften des Diplomaten George F.Kennan, der
erst sehr viel später, 1982, den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels erhielt.
Aus dem Ungarischen veröffentlichte sie Autoren wie László Németh und Tibor Déry, die den Weg für eine moderne ungarische Gegenwartsliteratur wiesen. Ivo Andric war in ihrem Programm bereits vertreten, bevor er 1961 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Unter den deutschen Schriftstellern zählten Wolfgang Koeppen, Peter Härtling und Erich Wickert zu ihren Autoren; in einer „neuen Bibliothek der Weltliteratur“ präsentierte sie literarische Raritäten wie Paul Scheerbarts „Dichterische Hauptwerke“ oder Thomas de Quinceys „Bekenntnisse eines Opiumessers“. Arno Schmidt gab sie die Gelegenheit, durch Übersetzungen sich seinen Unterhalt für eigene literarische Werke zu sichern. Betrachtet man diese Reihe, so könnte man die Verlegerin als Pionierin einer anderen Bibliothek schon in den fünfziger Jahren feiern. Hildegard Grosche war eine mutige und engagierte Verlegerin, die nicht in erster Linie auf die Kosten-Nutzen-Rechnung starrte, sondern sich einer Republik des Geistes verpflichtet fühlte, zu der sie mit „ihren“ Büchern einen Beitrag leistete. Als beide Verlage Anfang der siebziger Jahre vom Holtzbrinck-Konzern übernommen wurden, ging ein Stück gewachsener Verlagskultur zugrunde.
Mit sechzig Jahren begann Hildegard Grosche eine zweite Karriere als Übersetzerin. Weltliteratur war ihr schon immer eine Herzensangelegenheit; als noch kein Mensch das wohlfeile Wort von der Multikulturalität bemühte, war sie längst unterwegs auf den Spuren einer nationenübergreifenden Kunst des Schreibens. Fortan widmete sie sich ganz der ungarischen Gegenwartsliteratur. Der ungarische Autor Miklós Mészöly, ein Bahnbrecher einer neuen Stilistik im Ungarischen, wurde von ihr ins Deutsche übertragen. Durch ihn lernte sie den damals jungen Péter Nádas kennen, dessen Werk die Übersetzerin ihre letzten zwanzig Jahre widmete. Mit Einfühlungsvermögen, Erfindungsgeist und absoluter Sprachsicherheit übertrug sie dessen raffiniertes Werk ins Deutsche. Fünf Jahre arbeitete sie an der Übersetzung des „opus magnum“ von Nádas, dem „Buch der Erinnerung“. Ihre kongeniale Übertragung machte den Roman über die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts in Westeuropa bekannt.
Als Vermittlerin der ungarischen Literatur im deutschsprachigen Roman hat Hildegard Grosche zahlreiche und hohe Auszeichnungen erhalten, die die geistreiche Dame mit Huld und leiser Ironie entgegennahm, immer gewärtig, daß das größte Verdienst Autoren zukommt.
Der Kunst des Übersetzens zu größerer Anerkennung zu verhelfen, gehörte mit zu den vornehmen Aufgaben, denen Hildegard Grosche viel Kraft und Phantasie spendete. 1977 wurde sie Präsidentin des „Freundeskreises zur internationalen Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen“, ein Kreis, dem sie 18 Jahre vorstand. Der Nachwuchs wurde und wird durch Arbeits- und Reisestipendien gefördert; für verdiente Übersetzer wurden Auszeichnungen geschaffen wie der Helmut. M. Braem-Preis - der erste Übersetzer-Preis – und der inzwischen allseits anerkannte Wieland-Preis.
Als Doyenne der Übersetzerzunft und als Verlagsprinzipalin hat Hildegard Grosche mitgewirkt an einer geistreichen Vermittlung von Kultur, wie sie heute nur noch selten zu finden ist. Ihr unbestechliches Urteil, ihre scharfsinnigen Auseinandersetzungen mit der Gegenwartsliteratur, die für sie immer eine Quelle der Inspiration aber auch der Abschreckung sein konnten, denn nicht alles goutierte die gestrenge Dame, waren für all die Menschen, die ihre Nähe suchten, bis in ihr hohes Alter eine faszinierende Herausforderung, allen Modeerscheinungen zu widerstehen und einzig die originelle literarische Qualität zu suchen und zu würdigen. Hildegard Grosche setzte Maßstäbe.
Ihr Tod im Alter von 93 Jahren hinterläßt eine schmerzliche Lücke, die nachfolgende Generationen nur schwer werden füllen können. Mit ihr ist ein kostbarer Teil einer mitteleuropäischen Kultur dahingegangen, die sie als eine der wenigen noch zu vermitteln verstand – graziös und elegant, vielseitig gebildet und offen für alles, was den Geist beflügelt. Ihre letzten Worte vor dem Tod, als sie noch sprechen konnte: "Bitte alle grüßen."