Friedrich Griese (1940 – 2012)

Ein Nachruf von Manfred Mack und Jutta Wierczimok (Deutsches Polen-Institut)

 

Am Mittwoch, dem 20. Juni 2012, verstarb der Übersetzer Friedrich Griese. Seit der Gründung des Deutschen Polen-Instituts hat er an fast allen Übersetzungsprojekten des DPI mitgewirkt (Polnische Bibliothek, Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts, Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek, Jahrbuch).

Die Liste seiner polnischen Autoren ist lang. Er hat sowohl belletristische Texte (Tadeusz Borowski, Kazimierz Brandys, Wojciech Kuczok, Stanislaw Lem, Teodor Parnicki, Józef Wittlin u.a.) als auch philosophische, soziologische und historische Texte (u.a. August von Cieszkowski, Bronislaw Geremek, Jan Tomasz Gross, Leszek Kolakowski, Jerzy Szacki, Wladyslaw Tatarkiewicz) übersetzt. Sein opus magnum waren sicher die drei Bände der „Hauptströmungen des Marxismus“ des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski mit fast 1800 Seiten. Die Übersetzung dieser kritischen Abrechnung mit dem Marxismus war für Friedrich Griese kein gewöhnlicher Auftrag, den er mit gewohnter Routine „abgearbeitet“ hat. Sie ist 1981, also zur Zeit der Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“ erschienen. Und so flossen in diese Übersetzung neben seiner gewohnten stilistischen Perfektion auch seine politische Sympathie und sein philosophisches Interesse mit ein.

Friedrich Griese war für Auftraggeber kein leichter Partner. Wie kein zweiter Übersetzer war er sich seines Wertes bewusst und stellte entsprechende Honorarforderungen. Als Institut, das für die Honorierung von Übersetzungen zumeist auf Stiftungsgelder angewiesen ist, waren uns oft die Hände gebunden. Dass er dennoch über 30 Jahre für das Institut übersetzt hat, war sicher auch seiner Liebe zur polnischen Sprache und Kultur zu verdanken. Und die Lektoren des Instituts wussten seine Arbeit zu schätzen. Wenn es galt, einen Übersetzer für einen stilistisch anspruchsvollen Roman, einen schwierigen philosophischen oder soziologischen Text zu finden, wenn unter großem Zeitdruck übersetzt werden musste, immer dann wurde Friedrich Griese angesprochen. Eine unserer Redakteurinnen schrieb über ihn: „Seine Übertragungen sind stets so perfekt, dass es keines Lektors mehr bedarf. Auf seine Kompetenz, sein Sprachgefühl, sein großes Einfühlungsvermögen ist immer Verlass.“

Friedrich Griese hat auch auf Workshops des Deutschen Polen-Instituts sein großes Wissen und seine Erfahrungen an junge Übersetzer weitergegeben. Seine Ausführungen bei seinem letzten Vortrag lassen sich heute als Vermächtnis eines klugen, professionellen und erfolgreichen Übersetzers lesen:

Nach einer langen und schmerzhaften Lehrzeit kam ich zu dem Schluss, dass es nichts bringt, wenn ich das Übersetzen als Kunst auffasse – Kunst im heutigen Wortsinne ist für die meisten Künstler brotlos. Was lag näher als die Folgerung, dass ich es als Handwerk betrachten sollte? […] Und um das Handwerkliche noch hervorzukehren, habe ich mich früh dem minderen Zweig unserer Zunft zugewandt, dem Sachbuch-Übersetzen. Und zwar sordidi lucri causa, um des schnöden Mammons willen. Die „schöne“ Literatur bringt – vielleicht – Ruhm, aber keinen sicheren Gewinn.

Über die Freiheit beim Übersetzen sagte er:

Kein Respekt vor den Fehlern des Autors. Viele Sachbuchautoren sind lausige Stilisten. Die Forderung, „getreu“ zu übersetzen, hieße also in Bezug auf den zweiten Freiheitsgrad: Schreib einen ebenso hölzernen Stil! Das kommt bei mir nicht in Frage. Lesen muss Spaß machen, auch dann, wenn es um Dinge wie Thermodynamik oder Quantenteleportation oder die Geschichte des Kaddisch geht. Was aus meiner Werkstatt kommt, soll mindestens so gut wie das Original sein, wenn nicht besser.

Über „seine“ Theorie des Übersetzens verriet er seinen jungen Kollegen:

Ich richte mich ganz nach der Empirie. Keine Theorie, kein Dogma diktiert, was ich tue. So wie das Nachahmen der Kinder geht auch das Übersetzen vor sich, wie ich es betreibe oder als Medium „erleide“. Am „kreativsten“ – ich setze dieses Wort jetzt in Gänsefüßchen! – am kreativsten bin ich, wenn ich wie die Kinder einen Text ganzheitlich nachahme, nachbilde, mimetisch re-produziere.

Mit großem Nachdruck versuchte er sein Credo vom Beruf des Übersetzers zu vermitteln:

Was seinen Mann nicht ernährt, ist kein Beruf. Ich will Übersetzen als Beruf betreiben. Ich will soviel verdienen wie ein Verlagsangestellter mit vergleichbarer Qualifikation und Aufgabe. Ich bin genau so gut wie der Lektor, der meine Texte redigiert, wenn nicht besser, wegen der (besseren) Kenntnis – oder der Kenntnis überhaupt – der Ausgangssprache. Fairerweise sollte ich mindestens soviel verdienen wie er.

In den 1990er Jahren bekam er von einem deutschen Verlag die Anfrage, ob er nicht das polnische Nationalepos von Adam Mickiewicz, den „Pan Tadeusz“ übersetzen wolle. Er lieferte eine Probeübersetzung in Hexametern. Die Auftraggeber waren begeistert. Zu der Übersetzung ist es dennoch nicht gekommen. Ganz einfach deswegen, weil er dem Verlag mitteilte, dass er für die Übersetzung 12 Monate veranschlagt, und dann vorrechnete, wie viel er als professioneller Übersetzer in 12 Monaten verdient. Die Verhandlungen wurden wortlos abgebrochen…

Friedrich Griese hat bis zum letzten Tag seines Lebens übersetzt. Zwei Tage vor seinem Tod rief er im Institut an und bat uns, aus einem 100-seitigen Text von Czeslaw Milosz ein Zitat im polnischen Original herauszufinden. Wir haben das Zitat gefunden und es ihm per E-mail zugesandt. Die nächste Nachricht, die wir bekommen haben, war die Nachricht über seinen plötzlichen Tod.

Er wird uns fehlen, er wird den deutschen Lesern fehlen. Das Institut verliert einen hervorragenden Übersetzer und verlässlichen Freund. Wir sind dankbar, dass wir mit ihm zusammenarbeiten durften, seine Übersetzungen werden bleiben. Es hätten noch so viel mehr werden sollen. Vielen jungen Übersetzern war er in jeder Hinsicht ein Vorbild und wird er ein Vorbild bleiben.