Der große Unsichtbare

 

Ein Blick in die Zeitung, ins Fernsehen, in die Ausstellungssäle und Theater: Da sind sie, die Stars, die leuchtenden Sterne im Universum von Kunst und Kultur! Aber da sind auch die anderen, die vielen Unsichtbaren, ohne die es dieses Universum nicht gäbe.

Einer der größten dieser Unsichtbaren ist der Literaturübersetzer Friedrich Griese. Nun sind alle Literaturübersetzer außer Harry Rowohlt prädestiniert zum Unsichtbarsein, aber: Friedrich Griese! Die deutsche Nationalbibliothek listet rund 270 Werke auf, die ihm zuzuordnen sind. 270 Bücher, die er geschrieben hat! Selbst viele Literaturfreunde schaffen es in ihrem ganzen Leben nicht einmal, so viele Bücher zu lesen.

Friedrich Griese wird am 9.3.1940 in Bramsche geboren. In diesem Frühling, ein halbes Jahr nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ist die deutsche Wehrmacht drauf und dran, halb Europa zu besetzen, und das deutsche Volk glaubt, dass seinem Führer und ihm bald die ganze Welt gehören wird. Zur selben Zeit läuft bereits die Aktion T4 zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, und die Verfolgung der Juden, die schon 1933 begonnen hat, mündet in ihre Deportation in meist polnische Ghettos und Lager.

Dieses „Geburtstrauma“ zieht eine sichtbare Spur durch Grieses späteres Schaffen. Er überträgt zahlreiche Bücher ins Deutsche, die sich mit dem Holocaust und/oder der polnischen Geschichte befassen, darunter „Die katholische Kirche und der Holocaust“ von Daniel J. Goldhagen, „Rutkas Tagebuch – Aufzeichnungen eines polnischen Mädchens aus dem Ghetto“ von Rutka Laskier und „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski, ein so erschütterndes Buch, dass man sich fragt, wie er es übersteht, diese Seiten zu übersetzen. „Wir waren Kinder, als es geschah“, schreibt Friedrich Griese dazu. „Im Schatten dieser Welt wuchsen wir auf. Wir müssen es ertragen.“

Über seine ersten dreißig Lebensjahre wissen wir nicht viel. Bilder huschen vorbei, Schnappschüsse: Friedrich Griese in den Hörsälen der philosophischen und soziologischen Fakultät in Frankfurt. Eine erste Ehe, die seine persönliche Beziehung zu Polen vertieft. Friedrich Griese in der Provence, vermutlich nicht nur ein Baguette, sondern auch ein Buch unter dem Arm, seine geliebte Baskenmütze auf dem Kopf. Erst 1971 sehen wir ihn wieder, als seine erste Übersetzung erscheint: „Zufall und Notwendigkeit“ des französischen Molekularbiologen und Nobelpreisträgers Jacques Monod. Im Untertitel „Philosphische Fragen der modernen Biologie“ klingt schon das schier unglaubliche Themenspektrum an, mit dem sich Friedrich Griese in den folgenden vierzig Jahren als Übersetzer beschäftigt: Naturwissenschaften – Evolution, Ökologie, Neurologie, Kosmologie, Quantenphysik - und Philosophie, aber auch Geschichte, Wirtschaft und Politik, Soziologie und Psychologie, dazu Biografien und hin und wieder (meist polnische) Belletristik.

Mit profunder Sachkenntnis übersetzt er aus dem Englischen und Französischen, dem Polnischen und Italienischen. Er übersetzt – neben Dutzenden anderen - Daniel Goleman („Emotionale Intelligenz“), Alan P. Lightman („Und immer wieder die Zeit“), William H. Calvin („Die Symphonie des Denkens“), Hubert Reeves („Schmetterlinge und Galaxien“), Francis Crick („Das Leben selbst“), Leon Wieseltier („Kaddisch“), Hannah Arendt („Die verborgene Tradition“), Karl R. Popper („Ausgangspunkte“), Gore Vidals Memoiren („Palimpsest“), Bill Gates („Der Weg nach vorn“), Jean Ziegler („Die Schweiz wäscht weißer“), Elisabeth Badinter („Die Mutterliebe“), Stanislaw Lem („Summa technologiae“) und Bronislaw Geremek („Geschichte der Armut“).

270 Bücher. 270 inhaltlich untadelige, sprachmächtige Übersetzungen. Gäbe es einen Preis für ein übersetzerisches Lebenswerk, er verdiente ihn. Aber niemand verleiht ihm jemals einen Preis. Keinen einzigen.

Dabei hätte er, abgesehen von der Ehre, auch die damit verbundene Finanzspritze gut gebrauchen können. Als er 2006 das Berthold-Heinrich-Brockes-Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds bekommt – immerhin -, schreibt er: „Es leuchtet ein, dass ein Arbeitsbesessener wie ich kaum Gelegenheit hat, Bücher zu lesen, das heißt, andere Bücher als die, die er gerade übersetzt oder als Quellen zu einer Übersetzung heranzieht. So einer wird von Jahr zu Jahr dümmer. Damit ist klar, was der Brockes-Stipendiat als erstes tat, als der letzte Übersetzungsauftrag vor Beginn des Nichtstuns abgewickelt war: Er holte all die ungelesenen Bücher aus dem Regal, die ihn seit Jahrzehnten vorwurfsvoll angeschaut hatten. Er stürzte sich in die Lektüre der Klassiker, die er immer schon im Original hatte lesen wollen: Tristram Shandy von Laurence Sterne, Die Kreuzritter von Henryk Sienkiewicz, Die Bauern (4 Bde.) und Das gelobte Land von Wladyslaw Reymont, nicht zu vergessen auch Goethes Wahlverwandtschaften.“ Und fährt dann fort: „Solchermaßen mit nachgeholter literarischer Bildung, sprachlicher und stilistischer Vielfalt und einem ungeheuren Schatz an Ausdrucksmöglichkeiten aufgeladen, genoß der Übersetzer den Gang durch die Natur des Odenwaldes.“

Dort lebt er inzwischen mit seiner zweiten Frau, erst in Vielbrunn, dann in Michelstadt. Tagsüber betreut er die gemeinsame Tochter (er arbeitet ja zu Hause); als sie später studiert, unterstützt er sie finanziell. Er ruft eine Bürgerinitiative zur Erhaltung des Freibads in Vielbrunn ins Leben, schreibt Leserbriefe zu den verschiedensten Themen an seine Regionalzeitung, das Odenwälder Echo. Er beobachtet Vögel und beteiligt sich an den Vogelzählungen des BUND. Wir erinnern uns an Gespräche über Mönchsgrasmücken, Gartenrotschwänze und die Frage, ob Gimpel und Dompfaff dasselbe sind (dank ihm wissen wir: ja). Wir erinnern uns überhaupt an zahllose Gespräche über Gott und die Welt. Friedrich Griese ist umfassend gebildet, ungemein belesen, Literatur und Geschichte, Natur und Alltagsleben gehören für ihn zusammen, er kennt da keine Hierarchien. Jedes Gespräch mit ihm ist ein Gewinn.

1973, wenige Jahre nach Beginn seiner Übersetzungstätigkeit, tritt er in den Übersetzerverband ein, den VdÜ e.V. Auch nachdem sich dieser mit der Übersetzersparte der damaligen IG Druck und Papier zusammengeschlossen hat, bleibt Griese der Gewerkschaft noch bis ins neue Jahrtausend fern – aus Protest, weil sie die polnische Staatsgewerkschaft unterstützt und nicht die Solidarnosc. Bei Verbandstreffen fällt er auf, weil er stets korrekt gekleidet ist, immer mit Sakko, meist auch mit Krawatte.

Im Zuge der Diskussionen um das neue Urhebervertragsrecht, das u.a. die Stellung der Literaturübersetzer gegenüber den Verlagen verbessern soll und 2002 verabschiedet wird, findet Friedrich Griese sein großes berufspolitisches Thema: die miserable Honorierung der Übersetzer. Die hat er in mittlerweile dreißigjähriger Tätigkeit zur Genüge am eigenen Leibe erfahren: Mehr als 2000 Seiten muss er jährlich schaffen, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu erwirtschaften. Eine Herkulesaufgabe, die er nur unter Anspannung aller Kräfte und mit dem Zeitaufwand für zwei Fulltime-Jobs bewältigt. Eine Ausnahmeleistung.

Von 2004 bis 2008 sitzt er zusätzlich zu alledem auch noch als Schriftführer im Vorstand des Übersetzerverbands. Unermüdlich erklärt er ignoranten Verlagsjuristen und in diesen Dingen unbeleckten Übersetzerkollegen die Unterschiede zwischen Umsatz, Gewinn und Nettoverdienst. Legendär ist im Kollegenkreis sein idealtypischer Klempnergeselle, der mehr verdient als ein studierter Literaturübersetzer nach dreißigjähriger Berufstätigkeit. Griese wird zum Zahlenfuchs: Er hilft bei der Auswertung von Honorarumfragen, bereitet die einschlägigen Daten des Börsenvereins des deutschen Buchhandels auf, munitioniert die einzelnen Übersetzer, die um Honorare feilschen müssen, ebenso wie den Verband, der mit der Verlagsbranche um eine gemeinsame Vergütungsregel verhandelt, mit Berechnungen der Erträge diverser Prozentbeteiligungen bei unterschiedlichen Auflagenhöhen. So manchem vergeht dabei Hören und Sehen.

Trotz seines Engagements bleibt er auch bei kontroversen Diskussionen im Ton stets verbindlich. Sein Metier ist die leise Ironie, das Lächeln, nicht das laute Wort. Mit seiner Gelassenheit nimmt er so manchem die Spitze. Und er bewahrt sich ein sonniges Gemüt. „ Seid willkommen im zweiten Jahrzehnt des dritten Millenniums“, schreibt er, „dem Jahrzehnt der neuen Aufklärung, der Aufklärung mit Humor!“ Er liebt das Leben. Bei einer Übersetzertagung erscheint er mit einer Flasche Wodka, ein paar Salatgurken und Salz, lässt sich mit einigen Mitgenießern in einer Ecke nieder und feiert bis in die frühen Morgenstunden. Er tanzt gern und gut. Mails zu kritischen Themen beendet er mit einem versöhnlichen „Und jetzt hinaus in den Sonnenschein / ins Grüne / ins Schwimmbad“. Seine kollegiale Hilfsbereitschaft ist bekannt. Als alter Hase wendet er sich auch Neulingen offen und unprätentiös zu. Nach einer glücklich überstandenen Krebsoperation in den neunziger Jahren mahnt er Kollegen und Freunde immer wieder, zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen. Er ist ein wahrhaft freundlicher Mensch, ein echter Menschenfreund.

So viele verschiedene Aspekte. Alle gleichzeitig vorhanden, aber nicht als bloßes Sammelsurium, als unverbundenes Nebeneinander, sondern integriert: die zahlreichen Facetten einer runden, eindrucksvollen Persönlichkeit. Wer Friedrich Griese kennt, merkt irgendwann, was ihm selbst fehlt.

Friedrich Griese ist tot. Er stirbt am 20. Juni 2012, ganz plötzlich. Lungenembolie, sagt die Ärztin, aber das kann man auch anders sehen. 2008 wird er krank, Verdauungsprobleme. Er magert ab. Die Arbeit leidet. Es dauert, bis die Ursache gefunden ist, offenbar eine Spätfolge der damaligen Krebsoperation. Ein längerer Krankenhausaufenthalt schließt sich an. Ein finanzielles Polster ist nicht vorhanden, Schulden häufen sich. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus – er ist schwach und wiegt nur noch 65 Kilo – stürzt er sich sofort in die Arbeit, Aufträge sind da, er will die Schulden bis zum Herbst getilgt haben.

Vielleicht mutet er sich zu viel zu. Vielleicht kann man sagen: Er schuftet sich tot.

Dieser Nachruf ist in der Gegenwartsform gehalten, einem Tempus, das man – Friedrich Griese wüsste es natürlich – „historisches Präsens“ nennt. In gewissem Sinn ist es eine atemporale Zeitform: Alles fließt zusammen zu einem großen, ewigen Jetzt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Leben und Tod. Zufall und Notwendigkeit. Die Symphonie des Denkens. Emotionale Intelligenz. Auschwitz. Schmetterlinge und Galaxien.

Alles ist gleichzeitig da. Es ist die einzige Zeitform, die Friedrich Griese gerecht wird.

Gehen Sie zu Ihrem Bücherregal. Holen Sie ein paar Bücher heraus, am besten Sachbücher, und werfen Sie einen Blick hinein, auf das Titelblatt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Sie mindestens ein Buch finden werden, das von Friedrich Griese übersetzt wurde.

Nehmen Sie sich ein wenig Zeit und lesen Sie ein paar Seiten. Da sind der Autor und sein Thema, aber da ist auch Friedrich Griese, der sich dieses Thema anverwandelt hat und darüber schreibt - in seinen eigenen Worten. Sie hören ihn. Sie sehen ihn.

Er ist da. Er ist nicht tot.

Auch wir werden von nun an immer wieder einmal an unsere Bücherregale gehen. Ein Buch herausholen, das von Friedrich Griese übersetzt wurde. Und uns ein wenig Zeit nehmen.

Mach´s gut, Fritz. Wir sehen uns.

 

 

Gerlinde Schermer-Rauwolf und Peter Robert