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Übersetzer sind die Autoren der
Weltliteratur
Holger Fock, geb. 1958 in Ludwigsburg, studierte
Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie und
übersetzt seit 1983 französische Literatur,
u.a. Gegenwartsautoren wie Cécile Wajsbrot, Andreï
Makine (beide zusammen mit Sabine Müller), Pierre
Michon und Antoine Volodine.
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Die Janusköpfe des Literaturbetriebs
Ein Porträt des Übersetzers als Künstler
1. „TGV: Traduction à grande
vitesse”
Im April 2005 mußten die in Köln
zu ihrer Jahrestagung versammelten deutschen Literaturübersetzer
einmal mehr staunend zur Kenntnis nehmen, daß ihrer
Arbeit jeder eigenständige künstlerische Wert abgesprochen
wurde. Der Mann, der sie so herabwürdigte, war kein unbelesener
Banause, sondern ein sehr engagierter und einflußreicher
Buchhändler, der zahlreichen Jurys für Literatur-
und Übersetzerpreise angehört.
Vielleicht ohne es zu ahnen, drückte
der Buchhändler eine Maxime aus, nach der Verleger seit
Jahr und Tag mit Literaturübersetzern verfahren und die
sich in einem Wort zusammenfassen läßt: „Nachdichter“,
das heißt Nachahmer, Plagiator, Papagei, Affe, der Übersetzer
als Paria des Literaturbetriebs. Im Dienstleistungszeitalter
ist der Übersetzer schließlich zum „Dienstleister“
mutiert, der wie ein Eilkurier einen Text in einem anderen
Land abholt und diesen per T.G.V. und ICE in deutscher Fassung
bei einem deutschen Verlag abliefert: Traduction à
Grande Vitesse.
Freilich ist es nicht einfach, die Tätigkeit
des literarischen Übersetzens begrifflich zu fassen und
ihren künstlerischen Kern aufzuzeigen. Neben den bereits
genannten hat man noch eine Menge anderer Metaphern bemüht,
um den Literaturübersetzer zu beschreiben, doch keine
wird dem literarischen Übersetzer wirklich gerecht.
2. Übersetzen ist Kunst
Literarisches Übersetzen ist eine Kunst
wie jeder andere. Ich meine das im klassischen Sinn, auch
wenn die Kunst des Übersetzens in der Antike noch nicht
als solche genannt wurde – die hellenistische Welt bedurfte
schließlich keiner Übersetzung Homers, und auch
die Filmkunst war der Antike noch nicht bekannt. Trotzdem
würde heute niemand bestreiten, daß es sich bei
der Verfilmung eines Romans um ein eigenständiges Kunstwerk
handelt.
Um diese These zu stützen, möchte
ich den Übersetzer mit einem Interpreten vergleichen.
Nicht mit dem literaturwissenschaftlichen Interpreten, der
Texte auslegt und deutet, sondern mit Interpreten, wie es
Sänger, Musiker, Schauspieler, Regisseure oder Vorleser
sind. Gleich ihnen liefert der Übersetzer durch seine
Kunst die Interpretation eines Originals.
Niemand bestreitet die künstlerische
Leistung eines Regisseurs, ob er Don Carlos inszeniert oder
die Lindenstraße, niemand die künstlerische Ausdruckskraft
einer Schauspielerin, ob sie Maria Stuart spielt oder Bella
Block, niemand die Kunst einer Sängerin, ob es die hohe
einer Callas oder die populäre einer Madonna ist. Selbst,
wenn ein Interpret der Volksmusik zum x-ten Mal einen x-beliebigen
Gassenhauer trällert, wird seine musikalische Leistung
als Kunst anerkannt. Ganz zu schweigen von den Genies wie
Gulda oder Gould – kein vernünftiger Geist würde
je die Originalität ihrer Beethoven-Interpretationen
in Zweifel ziehen.
Geben aber Übersetzer ihre Version eines
Textes von Sterne oder Stendhal, von Jane Austen oder Paul
Auster zum Besten, ist das bestenfalls „kongenial“,
ein werkgetreuer Abklatsch bar jeder Originalität, die
nur dem Autor des Originals zugesprochen wird. Von den Niederungen
der Unterhaltungs- und Sachbuchliteratur brauchen wir gar
nicht erst reden. Da können sich die Übersetzerinnen
und Übersetzer einer Maeve Binchy, Sarah Harvey oder
eines Stephen King noch so abstrampeln, ihre hohe Kunst, schiefe
Bilder oder chaotischen Satzbau, kurz, die unzulängliche
Sprache des Originals in ein halbwegs vergnügliches und
lesbares Deutsch zu übertragen, wird noch lange um Anerkennung
ringen.
Dabei müßte die Originalität
von Literaturübersetzungen doch völlig außer
Frage stehen. Schon ein kleiner Exkurs in die Übersetzungsgeschichte
würde genügen. Man vergleiche drei Bibel-Übersetzungen,
die Luthersche, die Buber-Rosenzweig-Übersetzung und
die moderne Einheitsübersetzung: drei völlig verschiedene
Texte! Jeder auf seine Weise sehr originell, Luther mit seinen
vielen sprichwörtlich gewordenen Redensarten, Martin
Buber und Franz Rosenzweig mit ihrem Lyrismus und ihrer poetischen
Bildhaftigkeit, und die Einheitsübersetzung mit ihrem
Spagat zwischen textkritischer Auslegung und Allgemeinverständlichkeit.
Der vielleicht einflußreichste deutsche
Autor neben Goethe ist, es war nicht schwer zu erraten, Shakespeare.
Fragt sich nur: Wer war Shakespeare? Ich meine nicht die pedantische
Frage nach der wahren Identität des englischen Dramatikers,
Komödianten und Dichters, sondern die nach dem deutschen
Shakespeare. Zumindest was seinen Einfluß auf die deutsche
Literatur- und Geistesgeschichte angeht, von den deutschen
Bühnen einmal abgesehen, haben wir es nicht mit einem
homonymen deutschen Autor zu tun, sondern mit einer Vielzahl
von Heteronymen, von Christoph Martin Wieland über August
Wilhelm von Schlegel, Ludwig und Dorothea Tieck, Wolf Graf
von Baudissin bis hin zu Erich Fried, Christa Schuenke und
Frank Günter. Sie alle sind ebenso Künstler, wie
die Schauspieler, die ihre(!) Texte auf der Bühne sprechen.
3. Pierre Menard, Übersetzer des Quijote
Doch – vernehme ich den Chor der Einwände
– wie steht es mit der Texttreue? Ist ein Übersetzer
nicht dazu verdammt, dem Original treu zu folgen. Was aber
ist Werktreue? Soll der Übersetzer dem Buchstaben, dem
Wort oder dem Geist eines Werkes treu bleiben. Ersteres wäre
buchstäblich unmöglich, das Zweite würde zu
unlesbaren Wortfolgen führen, das Dritte ist ... wir
ahnen es: eine Interpretationsfrage.
Um einem Wort treu zu sein, bedarf es wenig,
um einem Werk treu zu sein, muß der Übersetzer
tausenderlei Dinge beachten: Grammatik, Stil, Ton, musikalische
Eigenschaften der Sprache, Rhythmus (sowohl des Lautklangs
wie der Bilder), Redewendungen, Sprichwörter, Metaphern,
rhetorische Figuren und so weiter. Nicht zuletzt muß
er weglassen und hinzuerfinden, er muß Subtexte und
Untertöne, Lücken und Leerstellen mit übersetzen,
alles, was zwischen den Zeilen steht oder er dort liest.
Einer der frühesten deutschen Übersetzer
nach Luther, ein Dichter des sechzehnten Jahrhunderts, Johann
Fischart, dem wir unter anderem die Übersetzung eines
Amadis-Romans verdanken, ergötzte seine Leser 1532 mit
einer wunderbaren Rabelais-Übersetzung unter dem Titel
Affentheurlich naupengeheurliche Geschichtklitterung von
Thaten und Rhaten der ... Helden und Herren Grandgoschier
Gorgellantua und dess eiteldurstlichen durchdurstlechtigen
Fürsten Pantagruel von Durstwelten, Königen in Utopien
... Mit ähnlich überschäumender Phantasie
übersetzte er auch ein Standardwerk der Dämonologie,
Jean Bodins De la démonomanie des sorciers,
Paris 1580, das unter dem Titel Vom außgelasnen wütigen
Teuffelsheer Allerhand Zauberern, Hexen und Hexenmeistern,
Unholden, Teuffelsbeschwerern, Warsagern, Schwartzkünstlern,
Vergifftern, Augenverblendern etc. 1591 in Straßburg
erschien. Bei dieser Übersetzung konnte Fischart der
Versuchung nicht widerstehen, eigene Geschichten in Bodins
Schrift einzubauen. Aber ist er damit dem Original untreu
geworden, hat er etwa den Autor verraten?
Besonders im Sachbuchbereich ist der Übersetzer
als Co-Autor gefordert, muß er, um dem Original gerecht
zu werden, falsche Angaben oder Sachverhalte korrigieren,
Redundanzen oder für den deutschen Leser unerhebliche
Informationen weglassen, Unverständliches oder fremde
Begriffe erläutern etc. Letzteres ist auch in der Belletristik
unerläßlich, ganz gleich, ob man es durch einen
eleganten Halbsatz im fortlaufenden Text erledigt, durch eine
kleine Fußnote, in einem Anhang oder einem beigefügten
Glossar.
Übersetzer können gar nicht umhin,
eine Interpretation zu liefern und als Interpret aufzutreten.
Das gilt nicht nur für hochliterarische Texte, sondern
genauso für Genreliteratur, Liebesromane, Kinderbücher
oder Sachbücher. In extremen Fällen ist der Übersetzer
sogar gezwungen, das Original als Vorlage oder Inhaltsangabe
zu verwenden. Manche Originaltexte kommen unlektoriert und
voller sachlicher Fehler in die deutschen Verlage, und diese
erwarten zurecht, daß ihnen der Übersetzer eine
sprachlich gute, sachlich richtige Version liefert.
Wie nah oder fern die Übersetzung dem
Original auch sein mag, sie ist immer ein selbständiges
Werk. Von den Autoren des Originals käme kaum jemand
auf den Gedanken, dies in Zweifel zu ziehen. In der Aufzählung
der Werke Pierre Menards, Autor des Quijote, nennt Jorge Luis
Borges mit aller Selbstverständlichkeit auch dessen Übersetzungen
Und auch Menards berühmtestes, Fragment gebliebenes Werk,
der Don Quijote, ist allem Anschein nach eine Übersetzung,
ja, geradezu der Idealfall einer literarischen Übersetzung.
Er habe keinen anderen Quijote verfassen wollen, was leicht
wäre, sondern den Quichote, merkt Borges an: „Unnütz
hinzuzufügen, daß er (Menard) keine mechanische
Übertragung des Originals ins Auge faßte; einer
bloßen Kopie galt nicht sein Vorsatz. Sein bewundernswerter
Ehrgeiz war vielmehr darauf gerichtet , eine paar Seiten hervorzubringen,
die – Wort für Wort und Zeile für Zeile –
mit denen von Miguel de Cervantes übereinstimmen sollten.“
4. Der Übersetzer, das unbekannte Wesen
Von den frühen Übersetzungen eines
Luthers oder Fischarts bis weit ins neunzehnte Jahrhundert
hinein war die Nennung des Übersetzers zumindest auf
dem Vorsatzblatt oder der Titelei eine Selbstverständlichkeit.
Mit Beginn der industriellen Buchproduktion verkam diese gute
Sitte, und es wurde zur schlechten Angewohnheit, die Übersetzer
verschwinden zu lassen. So findet man in vielen Büchern
des 20. Jahrhunderts, besonders in den Taschenbüchern
der 50er und 60er Jahre, ihre Namen allenfalls im Impressum,
irgendwo zwischen Druckerei und Setzer, und in vielen Fällen
nirgendwo.
Dank eines Urheberrechts, das literarischen
Übersetzern einen gleichwertigen Rang wie Autoren einräumt,
und Übersetzern, die sich nicht scheuen, bei eklatanten
Verstößen gegen ihr Recht vor Gericht zu ziehen,
kommt diese Mißachtung kaum noch vor.
Ganz anders sieht es im Literaturbetrieb
aus. Übersehen, Übergehen und Verschweigen der Tatsache,
daß es sich bei dem Buch um eine Übersetzung handelt,
das man gerade erwähnt oder rezensiert hat (oder aus
dem gelesen wurde), ist hier üblich. Zugegeben, in den
großen Feuilletons kommt es nur noch als „Fauxpas“
vor. Ansonsten aber existieren Übersetzer praktisch nicht.
Schon in Rundfunksendungen vergißt man sie bei jeder
zweiten Übersetzung, in den Kultursendungen des Fernsehens
ist die Übersetzernennung eine Seltenheit, in den Kreis-
und Provinzzeitungen kommt sie nicht mehr vor, bisweilen nicht
einmal dann, wenn Übersetzungen als Fortsetzungsgeschichte
abgedruckt werden.
Noch schlimmer ist es bei Sachbüchern.
Selbst das Feuilleton der noblen Süddeutschen Zeitung
meint wohl, hier habe man es mit Fachübersetzungen und
nicht mit literarischen Werken zu tun.
Am schlimmsten schlägt literarischen
Übersetzern die allgemeine Verachtung überall dort
entgegen, wo ihre Werke über eine Buchausgabe hinaus
verwertet werden. Im Literaturangebot der Deutschen Bundesbahn
fehlen ihre Namen ebenso wie auf Plakaten und Einladungen
zu Lesungen – dort heißt es zwar häufig „mit
deutscher Übersetzung“, aber dann wird der Name
der Schauspielerin oder des Vortragenden genannt, die aus
dem übersetzten Werk lesen.
Woher kommt es, daß Andrej Bitow oder
Italo Calvino, Thomas Pynchon oder Margaret Atwood, Álvaro
Mutis oder Marguerite Duras so ein ausgezeichnetes Deutsch
können? Wie kommt es, daß Übersetzer unbekannte
Wesen sind? Es kommt daher, daß man ihre Arbeit nicht
als eine künstlerische Leistung anerkennt, auf hohem
Niveau wie auf tiefem, in den schwindelerregenden Höhen
der Dichtung wie in den Niederungen der Nackenbeißer
und Arztromane.
Höchste Zeit also, daß die Namen
der Übersetzer auf den Titeln und Schutzumschlägen
ihrer Werke prangen, vielleicht nicht so groß wie die
des Autors und des Verlags, aber deutlich sichtbar, bitteschön!
Es ist ein erster Schritt, um bewußt zu machen, was
Übersetzer sind, und seien es Brückenbauer, Fährfrauen,
Wortschmiede, Götterboten, Interpreten, Fälscher,
Verräter, bisweilen auch Scharlatane und Kurpfuscher
... Keine Frage, einerseits sind sie die Nachdichter, Nachahmer,
Nachschöpfer, die Plagiatoren, Gladiatoren und Verräter
der Autoren, zum anderen aber sind sie Urheber eigenständiger
literarischer Werke. Das ist ihre janusköpfige Gestalt,
und zurecht verlangen sie, daß man sie und ihre Arbeit
endlich entsprechend würdigt.
Holger Fock, Januar 2006.
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