Otto Bayer

 

80 Jahre Madeleine

 

Ihre Verdienste alle aufzuzählen, würde einen dicken Band füllen und könnte ihrer Persönlichkeit dennoch nicht gerecht werden. Einige persönliche Impressionen sagen mehr. Schon vor unserer ersten Begegnung — 1965 war das, als es den VdÜ noch nicht sehr lange gab — war ich von ihr zutiefst beeindruckt, hatte ich doch auf meinen Rat suchenden Brief an diesen mächtigen Berufsverband — er zählte damals schon mindestens 70 Mitglieder — eine derart freundliche, den Anfänger ernst nehmende und ermunternde Antwort bekommen, gezeichnet „Ursula Brackmann, Schriftführerin”, dass ich mir vornahm, diesen Namen nie mehr zu vergessen, selbst wenn ich dereinst berühmt wäre. (Diese Gefahr trat nie ein.)

Als ich wenig später eine Einladung zum allerersten bundesdeutschen Übersetzerstammtisch im Stuttgarter Traditionslokal „Die Kiste” bekam, folgte ich natürlich diesem Ruf, und nachdem ich klopfenden Herzens die Nebenzimmertür geöffnet, artig guten Abend gesagt und meinen Namen genannt hatte, wurde ich freundlich zum Platznehmen aufgefordert - und kam neben eine rassige Mittdreißigerin zu sitzen, die sich — Volltreffer! — als Ursula Brackmann vorstellte, mit der ich ja, wie sie mir gleich in Erinnerung rief, schon korrespondiert hätte. Da saß sie nun neben mir, die Verfasserin des vorerwähnten Briefes, und entsprach genau dem Bild, das ich mir von ihr gemacht hatte: die Liebenswürdigkeit in Person. Und geistreich. Und schön. Das ist sie ja alles noch heute.

Nein, sie habe noch nie etwas übersetzt, beschied sie meine ehrfürchtige Frage; aber sie liebe die Übersetzer, ohne deren Mittlerdienste ihr der größte Teil der Weltliteratur verschlossen bliebe. Mit dieser Begründung erklärt sie noch heute ihren nimmermüden Einsatz für uns Blattlöhner.

Nimmermüde, wie in den legendären Kurznächten bei den Bergneustädter Gesprächen, und fröhlich mitunter, so wie beim allerersten Straelener Übersetzerseminar — 1982 war das, als das EÜK noch in der Mühlstraße residierte und keine eigenen Räumlichkeiten besaß, weshalb in der Volksbank getagt, in den Straelener Restaurants gegessen und in den Straelener Hotels geschlafen werden musste — da begab es sich nämlich eines Abends, dass eine Teilnehmerin, die den einzigen Schlüssel zum Hotel besaß, sich unter Mitnahme desselben vorzeitig zurückzog und damit die anderen, die das erst nachts um drei bemerkten, vom Schönheitsschlaf abhielt. Was tun, auf dass die müden Häupter ihre Kissen fänden? Um diese Stunde die Wirtsleute wecken — das hätte dem noch zarten Renommee unserer Zunft wohl geschadet. Steinchen ans Fenster verfehlten ausnahmslos ihr Ziel. Da nahm Madeleine das Problem in die Hand und verschwand mit zwei kräftigen Kollegen kurz um eine Hausecke, von wo man das Trio bald mit einer langen Leiter auf den Schultern, Fensterln im Sinn und eine kichernde Übersetzerschar im Gefolge, über den Marktplatz zum Goldenen Herzen schleichen sah. Wer vorneweg? Stimmt.

Und so ist sie noch heute, unsere Madeleine. Mit 80.

 

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