
Helga Pfetsch bei der
Verleihung am 11.02.2009 mit
Heidelbergs Erstem Bürgermeister Bernd
Stadel.
Foto: Ebba Drolshagen
Bundesverdienstkreuz an Helga Pfetsch
Laudatio von Hinrich Schmidt-Henkel
Liebe Helga,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Freundinnen und Freunde,
meine Damen und Herren,
ein Kreis schließt sich heute – was für einer, das erfahren Sie gleich, ich werde es Ihnen erzählen.
Eine Übersetzerin steht im Rampenlicht – Helga Pfetsch erhält den Bundesverdienstorden. Schon drei weitere Übersetzende haben in jüngerer Zeit dieselbe Auszeichnung erhalten: Helmut Frielinghaus, Ragni-Maria Gschwend und Klaus-Jürgen Liedtke. Diese drei wurden gewürdigt für ihre Verdienste als Kulturvermittler. Helga Pfetsch, wir haben es gehört, erhält den Orden in Anerkennung ihres ehrenamtlichen Engagements für den Übersetzerverband, also für ihr berufs- und kulturpolitisches Wirken.
Dabei gäbe es allen Grund, sie auch als die herausragende Übersetzerin auszuzeichnen, die sie ist. Eine Riege großer Namen hat sie übersetzt, darunter die Nobelpreisträgerinnen Toni Morrison und Doris Lessing, aber auch Margaret Atwood, Saul Bellow oder Don DeLillo. Und Auszeichnungen hat sie in der Tat für ihre Kunst erhalten, zuletzt 2005 den Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt-Preis.
Vier Übersetzende also haben jüngst den Bundesverdienstorden erhalten. Irgendwo muss es einen klugen Menschen geben oder mehrere, die die klugen Menschen im Bundespräsidialamt von der Notwendigkeit überzeugen, Übersetzende für ihre Verdienste auszuzeichnen. Gut so, weiter so!
Bei Helga Pfetsch ist diese Auszeichnung besonders trefflich angebracht, besonders berechtigt. Denn damit kluge Menschen solche klugen Entscheidungen treffen können, müssen die Auszuzeichnenden nicht nur würdig sein, sondern erst einmal und vor allem: sichtbar!
Ein Kreis schließt sich, sagte ich: schauen wir auf seinen Anfang, schauen wir ins Jahr 1985 zurück. Da wurde Helga Pfetsch in den Vorstand des Übersetzerverbandes gewählt.
Wo standen die Übersetzenden 1985? Seit der Nachkriegszeit hatte es eine ganz erstaunliche Professionalisierung unseres Metiers gegeben. Man kann sagen, ein Berufsstand hatte sich herausgebildet,eine literarische Kunst, das Übersetzen – das zugleich Dienstleistung und urheberischer Schöpfungsakt ist – eine literarische Tätigkeit war zur Profession geworden.
Zu einer Profession, die sich durch Qualität und Selbstbewusstsein auszeichnete und dadurch, dass sie einen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Literaturwirtschaft, also des Verlagswesens leistete. Das war 1985 so, das ist heute nicht anders. Anders als heute aber war die Übersetzerschaft 1985 sehr viel weniger sichtbar, sondern wir galten als die unsichtbaren Wasserträger der Literatur. Das konnte kein befriedigender Zustand sein, nicht zuletzt, weil das bitter notwendige Ringen um bessere wirtschftliche Bedingungen für unsere Zunft nur dann erfolgreich sein konnte und kann, wenn wir als die unentbehrlichen Mitspieler erkennbar und sichtbar werden, die wir sind. Für diese Sichtbarkeit nach außen und für die Selbstvergewisserung nach innen haben die Vorstände, denen Helga Pfetsch angehörte, ganz Entscheidendes geleistet, zusammen mit den vielen Kolleginnen und Kollegen, die sie zum Mitwirken an dieser Aufgabe begeistern konnten. Und ohne diese Sichtbarkeit – hier schließt sich der Kreis, hier sind wir wieder in Heidelberg bei der feierlichen Verleihung der Ordensinsignien an Helga Pfetsch – ohne Sichtbarkeit gäbe es diese Würdigung einer Reihe von Übersetzenden durch das Bundespräsidialamt nicht.
20 Jahre lang hat Helga Pfetsch dem Vorstand unseres Verbandes angehört, die letzten acht Jahre davon – 1997 bis 2005 – als Vorsitzende, als unsere Präsidentin. Es ist absolut typisch für sie, dass sie, fragt man sie nach ihren politischen Zielen dieser Jahre, nicht ICH sagt, sondern sie spricht von „Zielen und Inhalten unserer Vorstandsarbeit“.
Das waren alles Ziele, die der Anerkennung unserer Profession dienten und dazu, unsere Zunft zu stärken, gerade in der öffentlichen Wahrnehmung unserer Eigenschaft als Urheber. Es ging diesen Vorständen um die weitere Förderung der Professionalisierung der Übersetzerschaft, nicht zuletzt durch berufspolitische Information und Beratung. Im Verband fand in diesen Jahren ein intensiver Ausbau der internen Vernetzung statt, unter anderem durch die Einrichtung eines Internetforums oder durch unsere Homepage, die für den Verband und für die Öffentlichkeit enorm viel Informationen bereithält, grundsätzliche wie das Übersetzerverzeichnis, aber auch tagesaktuelle.
Das Wirken nach außen sei an zwei Beispielen illustriert – und bei beiden wird Helga Pfetsch zurecht nicht müde, jeweils die Arbeit und Leistung der verantwortlichen Teams zu rühmen. Einmal ist da unsere Jahrestagung, nicht zu verwechseln mit der Mitgliederversammlung unseres bei der vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft beheimateten Verbandes; diese Jahrestagung war früher als Esslinger, dann als Bergneustädter Gespräch eine relativ intime Sache aus Fachvorträgen, Sprachworkshops und der Begegnung eines deutschen Autors mit seinen Übersetzern aus verschiedenen Ländern. Heute ist diese Tagung zu einer glanzvollen Großveranstaltung geworden, die die gastgebende Stadt Wolfenbüttel mit Übersetzenden und Übersetzungen schier überschwemmt, mit öffentlichen Lesungen und Vorträgen, mit einem Fachprogramm für die Teilnehmenden und einem Lesefest für die Öffentlichkeit.
Das zweite Unternehmen, das ich hier paradigmatisch nennen möchte, ist das Übersetzerzentrum auf der Frankfurter Buchmesse. Was da in Helga Pfetschs Amtszeit als Verbandsvorsitzende begann, ist eine grandiose Zusammenarbeit von Buchmesse und Übersetzerverband, die den Übersetzern heute auf der Messe eine Heimat beschert, einen Veranstaltungsort und Café und Treffpunkt, einen Ort, für den wir eine Miete in Naturalien entrichten in Form eines Programms von vielen Dutzend Publikumsveranstaltungen.
Vor allem aber fällt in diese Zeit die Mitwirkung des Verbandes an der politischen Willensbildung, die zum erneuerten Urhebervertragsrecht von 2002 führte, einem Gesetz, das die Stärkung der Urheber zum Ziel hatte, v.a. bezüglich ihrer Beteiligung an dem wirtschaftlichen Gewinn, der mit ihrem geistigen Eigentum erzielt wird. Der Kommentar zur Gesetzesnovelle nannte namentlich die Übersetzer beispielhaft als Urheber, denen eine angemessene Beteiligung in der Branchenpraxis verwehrt wird.
Skandalöserweise ist anzumerken, dass das Gesetz bis heute nicht umgesetzt wurde und die Zunft der Literaturübersetzer wirtschaftlich immer noch gestellt ist wie dilettierende Laien. Es hat bis heute keine Einigung mit den Verlagen gegeben, die diesen Misstand beheben würde. Es bleibt also noch einiges zu tun für Helga Pfetschs Nachfolgerinnen und Nachfolger.
Zu all dem, was der Verband in den Jahren von Helga Pfetschs Vorstandswirken erreicht hat, hat eine sehr charakteristische Eigenschaft der heute Geehrten grundlegend beigetragen: ihr enormes Talent zum Einen und Einigen, zum Verbinden und Zusammenführen. Kein Zufall ist es, dass ihre berufliche Tätigkeit heute auch stark die als Beraterin, Trainerin und Coach umfasst, kein Zufall, dass sie lange Jahre als Hauptschöffin am Heidelberger Landgericht ehrenamtlich tätig war.
Denn eines ist ganz klar: Alles, was der Verband in den vergangenen Jahrzehnten
erreicht hat, geht nur gemeinsam, geht nur, wenn man das Talent hat, und
ich zitiere Helga Pfetsch: „mit gleich gesinnten Leuten etwas auszudenken
und auf den Weg zu bringen, das der Zunft zugute kommt.“
Dieses Talent zur Gemeinsamkeit, dieses Verbindliche und Verbindende bewundere
ich an Helga Pfetsch besonders.
Liebe Helga, ich habe sehr viele persönliche Glückwünsche im Gepäck, von allen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich in den letzten Tagen gesprochen habe. Eine besondere Ehre und Freude ist es mir, dir im Namen unseres gesamten Verbandes zu der heute verliehenen Auszeichnung zu gratulieren.
Herzlichen Glückwunsch!