Lars Gustafsson

Laudatio

zum Johann-Heinrich-Voß-Preis

am 16. Mai 2008

 

Wer das Werkverzeichnis von Verena Reichel liest, muss staunen; bis jetzt zählt es fünfundsiebzig Titel, zeitgenössische Romane, Lyriksammlungen, Essays, Klassiker. Und darüber hinaus Theaterstücke, Drehbücher und Hörspiele. Es ist wirklich ein mächtiges Haus geworden, das Verena für sich und für die Schwedische Literatur gebaut hat. Und ich spreche hier mit Gefühlen, nicht nur großer Bewunderung, sondern auch mit der größten Dankbarkeit nicht nur in eigener Sache sondern auch der anderer Urheber schwedischer Literatur; von August Strindberg bis zu heutigen Zeitgenossen. Wie ensteht eine große Übersetzerin? Was braucht sie?

 

Dieses merkwürdige Talent Zweisprachigkeit

Eine Antwort wäre; dazu braucht man nicht nur ein ganz besonderes Talent, sondern auch ganz besondere Lebenserfahrungen und einen ganz besonderen Charakter. Verena Reichel hat das alles. Sie wurde im schicksalsschweren März l945 in Grimma in Sachsen geboren. Auf der Flucht aus Herrnhut ist sie im April desselben Jahres mit einem von Folke Bernadottes ”Weißen Bussen” nach Schweden gekommen und in Stockholm mit ihrer Mutter für ein paar Jahre geblieben. Der Großvater mütterlicher Seite war Robert Almqvist, Verleger und Mitglied des brillanten Übersetzerteams, das in den zwanziger Jahren Olaus Magnus lateinisches Monumentalwerk Historia de gentibus septentrionalibus ins Schwedische übersetzte.

Hier, in der schwedischen Familie mütterlicherseits wurde also dieses merkwürdige Talent, das man Zweisprachigkeit nennt, zugrunde gelegt, und das viel mehr bedeutet als sehr gute praktische und theoretische Sprachkenntnisse. Die Zweisprachige - Frau Reichel hat es beschrieben in den seltenen Fällen wo sie über ihr eigenes Leben geredet hat – lebt in zwei Welten; in den einander teilweise, aber nicht ganz überdeckenden Ontologien, die von zwei verschiedenen Vokabularen gebildet werden.

1949 kehrt die kleine Familie nach Deutschland zurück, erst nach Bad Boll und kurz darauf nach Königsfeld im Schwarzwald, wo ihr Vater Direktor der Internatsschule Zinzendorf-Gymnasium wurde. Frau Reichels Kindheit und ihr Heranwachsen ist von der herrnhutischen Tradition tief geprägt. Ich habe mir immer vorgestellt, dass dies ihr bewundernswertes Lebenswerk beinflusst hat, in Form einer tiefen Empfindsamkeit, einer strengen Selbstdisziplin.

Wie entsteht, wie hier, Übersetzung auf der höchsten professionellen Ebene; eine Arbeit, die tatsächlich das Verständnis zwischen Nationen und Kulturen beinflussen und verändern kann?

 

Eine Fee betritt ein fremdes Land

Das qualifizierte Übersetzen hat immer etwas von Geheimkunst und Rätsel an sich. Wie kommt das?

Von Gogol stammt die Forderung an den Übersetzer, die Übersetzung solle einer Glasscheibe gleich werden, vollkommen durchsichtig, so dass der Leser ihr Vorhandensein überhaupt nicht bemerkt. Diese Utopie setzt zwei Eigenschaften bei der Übersetzerin voraus, um zustande zu kommen; eine besondere Art Bescheidenheit – sie muss bereit sein, unsichtbar zu werden – und große Treue.

Was bedeutet die „Treue“ einer Übersetzung? Sicher nicht Linearität oder Eins-zu-eins Zuordnung von zwei Vokabularen. Die Ergebnisse von kybernetischen Übersetzungsprogrammen ergeben genauso gedankenlose Produkte wie Hans-Magnus Enzensbergers berühmte Poesiemaschine, die in Marbach tickt.

Eine ideenhistorisch orientierte Expertin, Tania Ruzicska, schreibt dazu in einer brillanten neuen Studie über ältere französische Übersetzungsdoktrinen,1 einleuchtend:

 

„Zwischen welchen Positionen vermitteln dann die Mittel des Eigenen, wenn eine Übersetzung im Sinn einer Vermittlung angefertigt wird? Findet tatsächlich eine Übersetzung statt oder schreibt sich das Eigene nur erneut in den Deckmantel des als fremd deklarierten Textes ein, sodass das Fremde geschickt zum Schauplatz des Eigenen umfunktioniert wird? - Es ist unübersehbar, dass diese Fragen direkt ins Herz über­setzungstheoretischer Problemkreise führen.“

 

Hier wird die Gogolsche Utopie offenbar wichtig. Und problematisch. Die Übersetzerin ist da und sie ist nicht da. Sie betritt ein fremdes Land, aber dieses Land darf nicht ganz fremd in ihr sein. Am Ende wird die Treue eine Treue nicht zu einem Text, aber zu einer Erfahrungswelt. Erfahrung von wem? Das bleibt unentschieden.

Wer diese paradoxe Erkenntnislage beherrschen kann, wird auch eine große Übersetzerin.

Vielleicht ist es mir gestattet, hier eine persönliche Erfahrung ganz kurz zu berühren:

Verena Reichels erster Übersetzungsauftrag für den Carl Hanser Verlag war mein Roman „Herr Gustafsson själv“. Seitdem hat sie in regelmäßiger Folge neunzehn Bücher von mir übersetzt. Sie hat mit einem Tennislehrer das Spiel studiert, um die Finessen in „Tennisspelarna“ zu beherrschen, und mit internationalen Juristen das amerikanische Konkursverfahren studiert, um „Historien med hunden“ treu zu bleiben. Das waren natürlich nur technische Details im Vergleich zu der viel schwierigeren Aufgabe, eine Erfahrungswelt lebendig zu machen.

Wenn ich mir diese große, glanzvolle Arbeit überlege, die natürlich auch mein ganzes Leben beeinflusst hat, kann es vorkommen, dass ich mich frage, ob es überhaupt jemanden gibt, der mich besser kennt als diese große Übersetzerin. Wie hätte ich mich für jemanden jemandem gründlicher erklären können? Und mit wie vielen Wörtern?

Das Magische einer solchen Leistung lässt sich – paradoxerweise – nicht leicht in Worten festhalten – und deswegen schließe ich mit einem letzten Paradox, diesmal von T.S. Eliot formuliert:

 

“Genuine Poetry must communicate before it is understood. ”2

 

Im Herbst 1972, als Verena Reichel zum ersten Mal unsere Familie in unserer damaligen Berliner Wohnung besuchte, kam meine Tochter in mein Arbeitszimmer, fast ein bisschen kurzatmig, und sagte: „Lars, du musst dich beeilen! Es steht eine junge Hexe im Entree!

Wenn Lotten Gustafsson, jetzt Sozialanthropologin in Stockholm, damals sieben Jahre alt, nur gewusst hätte, wie recht sie hatte! Oder hätte sie vielleicht sagen sollen: Lars, es steht eine Fee im Entree?

 

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1 Tania Roszicsa xxxxxxxxx . Düsseldorf 2008. Wurde als Manuskript zur Verfügung gestellt.

2 T S Eliot What is a Classic? An Address delivered before the Vergil Society on the 16th of October 1944.London 1945