Neue „Östliche Rosen“ aus Coburg

von Kurt Scharf


Coburger Rückert-Preis im Jahr 2010 für persische Literatur

Der Coburger Rückert-Preis, verliehen von der Stadt, die das Lebenszentrum des großen Dichters unter den deutschen Orientalisten bildete, ist zwar kein Übersetzerpreis; dennoch ist er dem Thema der literarischen Übersetzung eng verbunden; denn eine der Voraussetzungen für die Vergabe ist das Vorliegen deutscher Übersetzungen von mindestens einem Werk des Auszuzeichnenden. Außerdem wandert der mit 7.500 Euro dotierte Preis durch die Regionen des Nahen und Mittleren Ostens, aus deren Sprachen wiederum Friedrich Rückert (1788-1866) selbst übersetzte. Nachdem der erste Coburger Rückert-Preis 2008 an einen arabischen Autor verliehen wurde, wandte sich die Jury unter Vorsitz von Claudia Ott 2010 der persischen Literatur zu. Diese bildete einen besonderen Schwerpunkt in Rückerts dichterischem Schaffen; er übertrug unter anderem die persischen Klassiker Firdausi, Saadi, Rumi und Hafis ins Deutsche. Und seine „Östliche Rosen“, neben den durch Gustav Mahler vertonten Kindertotenliedern vielleicht sein bekanntestes Werk, verdanken sich der Inspiration durch die Ghaselen des Hafis.

Vier Nominierungen

Der zweite Coburger Rückert-Preis wird an Friedrich Rückerts 222. Geburtstag, am 16. Mai 2010, mit einem Festakt in der Coburger Ehrenburg verliehen. Die Shortlist wurde bereits am 31. Januar 2010, dem 144. Todestag Friedrich Rückerts, in Coburg bekannt gegeben. Sie enthält zwei Lyriker und zwei Erzähler: die zeitgenössischen iranischen Lyriker Mohammad-Resâ Schafi’i-Kadkani und Essmâ’il Cho’i sowie die Erzählerin Moniru Ravanipur und den Romancier Mandanipur. Die beiden Dichter gehören zu den großen alten Herren der modernen iranischen Lyrik. Mit der Aufnahme in diese Shortlist werden sie für ihr Lebenswerk geehrt; durch die Nominierung nicht minder ausgezeichnet werden die beiden der jüngeren Generation angehörigen Prosaschriftsteller.

Die Lyriker Schafi’i-Kadkani und Cho’i

Beide Lyriker verbinden Einflüsse der westlichen Moderne mit Elementen der klassischen persischen Dichtung, schreiben aber dennoch in der Nachfolge von Nimâ Yuschidsch, dem Vater der modernen persischen Lyrik. Übersetzungen ihrer Gedichte ins Deutsche sind in verschiedenen Anthologien enthalten. Am leichtesten zugänglich ist die vom Verfasser herausgegebene und übersetzte, im Verlag C. H. Beck erschienene Sammlung „Der Wind wird uns entführen. Moderne persische Dichtung“. Der Übersetzer hat Wert darauf gelegt, die verschiedenen ästhetischen Komponenten, die bei Lyrik eine Rolle spielen, in angemessener Weise zu berücksichtigen: Klang, Bilder, deren Symbolgehalt, Inhalt und Form; und er war bestrebt, auf allen diesen Ebenen so nah wie möglich am Original zu bleiben und sein Augenmerk nicht einseitig auf die semantische Ebene zu richten. Dem westlichen Leser unverständliche Anspielungen wurden durch kurze Fußnoten erläutert. Lediglich beim Versmaß musste er sich notgedrungen größere Freiheit nehmen; denn die persische Metrik beruht (ähnlich wie die der griechischen und lateinischen Antike) auf dem Wechsel von Längen und Kürzen, während das deutsche Versmaß durch Hebungen und Senkungen bestimmt wird.

Der Literaturwissenschaftler Mohammad-Resâ Schafi’i-Kadkani ist, obwohl ein echter Gelehrter, einer der populärsten zeitgenössischen iranischen Lyriker. Die nahezu paradox anmutende Fähigkeit, sowohl ein ästhetisch und intellektuell anspruchsvolles Publikum, das seine literarischen Anspielungen erkennt und zu schätzen weiß, als auch eine breite Leserschaft anzusprechen, zeichnet ihn vor seinen Dichterkollegen aus. Er ist nicht nur mit dem reichen Schatz der persischen und der arabischen Literatur bestens vertraut, sondern auch mit der abendländischen Poesie, und souverän handhabt er die daraus gewonnenen Erkenntnisse. Das Ergebnis sind Texte, die eine eigenartige Mischung aus mystischer Schau und politischem Engagement darstellen. Er verließ Iran im August des vergangenen Jahres und folgte einem Ruf an die Universität Princeton in den USA.

Die andere der beiden ausgewählten Stimmen der zeitgenössischen persischen Dichtung ist Essmâ’il Cho’i, der seit 1983 im Londoner Exil lebt. Schon unter dem Schah-Regime erlitt er politisch motivierte Verfolgung und verlor seine Stelle als Hochschullehrer. Nach der islamischen Revolution jedoch musste er seine Heimat verlassen. Er ist einer der prononciertesten Kritiker des derzeitigen iranischen Systems und trat nach der Fatwa Chomeinis gegen Salman Rushdie mit einer Solidaritätserklärung für diesen ein.

Cho’i verbindet meisterhaft sozialpolitisches Engagement, philosophische Betrachtungen über das Dasein des Menschen und zärtliche Liebeslyrik mit einer sehr differenzierten Symbolik, deren Repertoire von den schlichtesten Dingen des Alltags bis zu den überraschendsten Metaphern reicht. Um die Zensur zu unterlaufen, ersann er bereits in der Zeit der Monarchie eine mehrdeutige Bildersprache, die ihn zu einer der bedeutendsten Gestalten unter den noch lebenden sozialen Symbolisten macht. Seine Lyrik ist bald nostalgisch, bald zornig, hier liebevoll und da kühn, aber nie nur beschaulich und erbaulich. Cho’is reichhaltiges Oeuvre beeindruckt ebenso sehr vom Umfang her wie von der Bandbreite seiner literarischen Ausdrucksmöglichkeiten. Neben schlichtesten prosaähnlichen Gedichten finden sich darin formstrengste Fortentwicklungen der traditionellen persischen Verskunst.

Die Erzähler Moniru Ravanipur und Mandanipur

Von ganz anderer Art ist das literarische Werk der beiden fast zwanzig Jahre jüngeren Erzähler.

Moniru Ravanipur wird meist in die Kategorie des „magischen Realismus“ eingeordnet. Die Autorin verwebt in ihren Erzählungen eine greifbare, alltäglich erscheinende Wirklichkeit mit einer magischen Realität, die sie den Legenden und Mythen ihrer Herkunftsregion, den heißen Küstengebieten am Persischen Golf, entnimmt. In deutscher Sprache sind von ihr bisher Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und einem ausschließlich ihr gewidmeten Sammelband mit dem Titel „Die Steine des Satans“, alle im Glaré Verlag, erschienen. Sie verarbeitet die großen Themen der iranischen Neuzeit: den Einbruch moderner Lebensweisen und Technik in die traditionellen Strukturen des ländlichen Raums, die politischen, ideologischen oder religiösen und kulturellen Auseinandersetzungen sowie den Einfluss des Westens. Ravanipurs literarische Meisterschaft zeigt sich in den eindrucksvollen Frauengestalten, die charakteristisch für ihre Geschichten sind. Leider entspricht die sprachliche Qualität der Übersetzungen von M. H. und Sabine Allafi nicht dem meisterhaften Stil des Originals. Immer wieder verwenden sie ungeschickt gewählte Ausdrücke oder missachten Grundregeln der deutschen Grammatik, indem sie z. B. den Konjunktiv der indirekten Rede mit dem Irrealis verwechseln oder aber Possessivpronomina verwenden, wo der bestimmte Artikel mit dem Dativus ethicus treffender wäre. Dennoch haben sie sich dadurch ein Verdienst erworben, dass sie dem deutschen Leser eine der wichtigsten Erzählerinnen der Gegenwart zugänglich gemacht haben.

Mandanipur ist der modernste unter den iranischen Erzählern. Sein Roman „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“ erscheint im Februar 2010 im Züricher Unionverlag in deutscher Sprache. Der Autor verfügt als ehemaliger Mitarbeiter wichtiger iranischer Literaturzeitschriften über eine umfassende literarische Bildung, und mit diesem Buch hat er ein Werk auf der Höhe unserer Zeit voller intertextueller Bezüge nicht nur zur iranischen, sondern zur gesamten Weltliteratur geschaffen. Zudem bricht er ironisch das Verhältnis zwischen Autor, Text und Zensor. Er spielt souverän mit verschiedenen Textebenen und vollbringt das Meisterstück, eine bedrückende Gegenwart mit köstlichem Humor darzustellen und ihr dennoch gerecht zu werden. Auf Wunsch des Autors ist dieser Roman, wie der Verlag mitteilt, nicht direkt aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt worden, sondern aus der englischen Übersetzung. Der Grund dafür lässt sich nur ahnen, da das persische Original nicht veröffentlicht werden konnte. Er dürfte darin liegen, dass die englische Version von Sara Khalili häufig Erklärungen enthält, die für das iranische Publikum überflüssig wären, für den westlichen Leser dagegen wesentliche Verständnishilfen darstellen. Das von Ursula Ballin verantwortete Ergebnis ist ein angenehm zu lesender Text mit Erläuterungen, die sich dem augenzwinkernden Stil des Erzählers gut anpassen, dem man aber bei genauerem Hinsehen den Umweg über das Englische anmerkt: So kommen etwa literarische Anspielungen auf angelsächsische Werke oft ohne Nennung des Autornamens aus, während diese bei Verweisen auf andere Literaturen genannt werden; und in der direkten Rede finden manchmal gewisse saloppe Formen Verwendung, die eher an amerikanische Filme oder Krimis erinnern als an die persische Umgangssprache, die sich in Abgrenzung zur äußerst konservativen Schriftsprache auf der Basis des Teheraner Dialekts entwickelt hat.

Bei der Auswahl der Nominierten galten ausschließlich Kriterien literarischer Qualität; politisches Engagement sollte sich weder für noch gegen die Kandidaten auswirken. Umso mehr fällt auf, dass alle vier Geehrten im Ausland leben – ein Umstand, der nachdenklich stimmt.