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Grete Osterwald
nominiert für Hédi Kaddour: Waltenberg
Gottfried Benns Erkenntnis „Das Wort ist keine Vokabel“ könnte gut als Motto über dem Schreibtisch jeder Übersetzerin, jedes Übersetzers hängen. Und kaum jemandem scheint sie bei der Arbeit bewusster zu sein als Grete Osterwald. Beim Lesen ihrer Übersetzungen spürt man, dass jedes einzelne Wort durchdacht und mit Bedacht gesetzt ist.
Diese analytische Genauigkeit kam ihren Übersetzungen französischer Wissenschaftler der Lacan-Schule zugute, bei denen sie ihr Studium der Sozialpädagogik und ihre während eines langjährigen Frankreichaufenthalts erworbenen Sprachkenntnisse glücklich verbinden konnte. Einen wesentlichen Beitrag zur Rezeption der Annales-Schule in Deutschland leistete Grete Osterwald mit ihren glanzvollen Übertragungen zahlreicher Werke von Lucien Febvre, Georges Duby und Fernand Braudel.
Dazwischen übersetzte sie mit derselben Präzision, hier gepaart mit hoher sprachlicher Sensibilität und stilistischer Vielfalt, immer wieder Romane aus dem Französischen, von Alfred Jarry bis Soazig Aaron, und seit 2003 aus dem Englischen, u.a. Nicole Krauss, Adam Langer und, als Co-Übersetzerin, Siri Hustvedt.
Für ihre Leistungen wurde Grete Osterwald mit dem Übersetzerpreis der DVA-Stiftung 1987, dem Übersetzerpreis des C.H.Beck Verlags 2001 und (zusammen mit Eva Moldenhauer) mit dem Wilhelm Merton-Preis 2007 ausgezeichnet.
Uli Aumüller
Leseprobe:
Lilsteins Hände wissen nicht mehr wohin, er spintisiert, erfindet die Geschichte neu, versetzt sich um zehn Jahre in die Vergangenheit zurück, er will absolut Unrecht gehabt haben, er kämpft mit einem Stück Torte, das sich von dem kleinen Löffel nicht klein machen lässt, er gibt auf, zeigt mit dem Löffel auf Sie und sagt:
„Vor zehn Jahren haben wir gegen einen blödsinnigen Krieg in Vietnam gekämpft, gegen Falken mit Sternenbanner, ein schönes Abenteuer, und heute gibt es in meinem eigenen Lager Narren mit roter Fahne, die im Orient gern selbst einen Krieg anfangen würden, keine wirklichen Militärs, keine wirklichen Politiker, nicht einmal richtige Narren.
Bei Shakespeare haben die Narren einen Hahnenkamm, sie tragen Schellen, aber sie besitzen echte Weisheit, sie sagen beispielsweise wenn du nicht lächeln kannst, je nachdem der Wind kommt, wirst du bald Schnupfen haben, oder lass ja die Hand los, wenn ein großes Rad den Hügel hinabrollt, damit dirs nicht den Hals bricht."
(Szene aus dem Jahr 1978, aus: Waltenberg, Frankfurt a. M.: Eichborn, 2009, S. 278)
Les mains de Lilstein ne savent plus quoi faire, il ratiocine, refait l’histoire, revient dix ans en arrière, il veut absolument avoir eu tort, il se bat avec un morceau de tarte qui ne veut pas se laisser couper à la petite cuillère, il renonce, pointe sa cuillère vers vous et dit:
"Il y a dix ans, nous avons lutté contre une guerre imbécile au Vietnam, contre des faucons à bannière étoilée, une belle aventure, et aujourd’hui il y a dans mon propre camp des bouffons à drapeau rouge qui aimeraient bien en faire une, de guerre, en Orient, à leur tour, pas de vrais militaires, pas de vrais politiques, même pas de vrais bouffons.
Chez Shakespeare les bouffons ont une crête de coq, des clochettes, mais ils ont une vraie sagesse, ils disent si tu ne sais pas sourire dans la direction du vent, tu vas bientôt attraper froid, ou encore lâche prise quand la grande roue dévale la colline, de peur qu'elle ne te brise la nuque."
(Waltenberg, Paris: Éditions Gallimard, 2005, S. 268)
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