Preis der Leipziger Buchmesse 2008 in der Kategorie Übersetzung

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Gabriele Leupold

nominiert für Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1

Gabriele Leupold

Gabriele Leupold, geboren 1954 in Niederlahnstein, kam zunächst wie nebenbei zum Übersetzen. Nach ihrem Studium der Slawistik und Germanistik unterrichtete sie Deutsch als Fremdsprache (u.a. ein Jahr lang an der Universität Fukui in Japan), verbrachte einen zehnmonatigen Forschungsaufenthalt in Moskau und widmete sich in Berlin, wo sie mit Unterbrechungen seit 1982 lebt, der Galeriearbeit. Den Moment, als sie zum ersten Mal daran dachte, selbst zu übersetzen, beschreibt sie wie das Gefühl eines Pianisten, dem es beim Anblick von Noten oder beim Hören eines Musikstücks in den Fingern juckt, das selbst zu spielen. Gabriele Leupold folgte diesem Impuls: Seit ihrer Rückkehr aus Japan übersetzt sie, hauptsächlich aus dem Russischen, u.a. Osip Mandelstam, Michail Bachtin, Vladimir Sorokin, Andrej Belyj und Boris Pasternak, organisiert und leitet seit den 90er Jahren zahlreiche Workshops für Übersetzer und Studierende, ist Koautorin der Video-Dokumentation Spurwechsel: Ein Film vom Übersetzen (2003) und Mitherausgeberin des Bandes In Ketten tanzen. Übersetzen als interpretierende Kunst. Ihre Arbeit wurde 1997 mit dem Übersetzerstipendium der Dialogwerkstatt Zug und 2002 mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.


Warlam Schalamows Erzählband Durch den Schnee ist in Gabriele Leupolds Übersetzung nun erstmals vollständig auf Deutsch verfügbar. Die kühle Präzision, die den Stil des Autors ebenso kennzeichnet wie die geschliffene Schönheit, mit der Schalamow den Schrecken inszeniert, werden in der deutschen Übertragung aufs Genaueste getroffen.


Kostprobe aus Warlam Schalamow, Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma I (Matthes & Seitz, Göttingen, 2008):

Синий свет взошедшей луны ложился на камни, на редкий лес тайги, показывая каждый уступ, каждое дерево в особом, не дневном виде. Все казалось по-своему настоящим, но не тем, что днем. Это был как бы второй. ночной, облик мира.

Белье мертвеца согрелось за пазухой Глебова и уже не казалось чужим.

- Закурить бы, - сказал Глебов мечтательно.

- Завтра закуришь.

Багрецов улыбался. Завтра они продадут белье, променяют на хлеб, может быть, даже достанут немного табаку...

(Noč’ju)

<…> Das blaue Licht des aufgestiegenen Mondes legte sich auf die Steine und auf den schütteren Tajgawald und zeigte jeden Absatz, jeden Baum in einer besonderen, nicht seiner Tagesgestalt. Alles schien auf seine Art real, aber anders als am Tag. Es war wie ein zweites, das nächtliche Gesicht der Welt.

Die Wäsche des Toten wurde an Glebovs Körper warm und schien schon nicht mehr fremd.

„Jetzt eine Zigarette“, sagte Glebov träumerisch.

„Morgen bekommst du deine Zigarette.“

Bagrezov lächelte. Morgen werden sie die Wäsche verkaufen, Brot dafür eintauschen, und vielleicht sogar ein bißchen Tabak ..

(„In der Nacht“, S. 21)

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