Ein Nachruf von Josef Winiger

Ein beim Bergneustädter Gespräch 1975 aufgenommenes Schwarzweißbild zeigt das Publikum beim Eröffnungsvortrag. Annette sitzt ganz im Vordergrund in der ersten Reihe, links neben ihr Fritz Senn, ein paar Stühle weiter Elmar Tophoven. Ihre Miene verrät Neugier auf das vorne Gesagte, unter der Lupe meint man eine leichte Skepsis oder vielleicht Unsicherheit zu erkennen. Auf dem zweiten Foto, das ich von ihr habe, wurde ihr eben vom französischen Generalkonsul für ihre Verdienste um die Vermittlung der französischen Sprache und Kultur der Ordre des Arts et des Lettres ans Revers geheftet. Das war im März 2014 in München, auf dem Bild wirkt sie wie eine Grande Dame, aber ich meine auch das Lampenfieber zu sehen, das sie mir vor diesem Auftritt gestand. So war Annette. Eine Grande Dame war sie wirklich: Sie war promovierte Romanistin, hatte auch bei Mario Wandruszka studiert, auf den sich Tophoven immer wieder berief, sie war literarisch hoch gebildet, im französischen Literaturkanon sattelfest; sie war mit einem ranghohen französischen Diplomaten verheiratet; sie sprach Französisch so vollkommen akzentfrei und so elegant, wie ich es sonst bei Nicht-Frankophonen nie erlebt habe. Aber sie war zu intelligent und zu wenig von sich eingenommen, um die Grande Dame zu spielen. Umso mehr war sie für andere da. Als ihr Mann viele Monate im Wachkoma lag, sprach sie jeden Tag stundenlang mit ihm, und den Traum, nach München zu ziehen, genehmigte sie sich erst, als ihre pflegebedürftigen Eltern gestorben waren. Im Kollegenkreis nahm man nur immer ihre Freundschaft, Hilfsbereitschaft und geradezu bescheidene Zurückhaltung wahr. Sie bewarb sich nie um einen Übersetzerpreis, weil sie, wie sie mir einmal verriet, den Kolleginnen und Kollegen den Vortritt lassen wollte, die das Preisgeld nötiger hätten als sie. Chancen hätte sie allemal gehabt, ich erinnere mich noch genau, wie sie uns bei den ersten Werkstattgesprächen Französisch-Deutsch in Straelen mit eleganten und stilsicheren Lösungen in ihrer Übersetzung der Wachsbildnerin von Françoise Mallet-Joris beeindruckte. Sie war nicht nur perfekt, was die Kenntnis der französischen Sprache betraf, sie kannte auch das Land und seine Geschichte so gut wie niemand von uns Kollegen (sie besaß die französische Staatsbürgerschaft neben der deutschen, nahm stets an den französischen Wahlen teil). Bei den Verlagen, für die sie arbeitete, wurde die absolute Fehlerlosigkeit ihrer Übersetzungen und Lektorate hoch geschätzt. Wie viele Bücher sie übersetzt hat, ist nirgends verzeichnet, es müssen an die Hundert sein. Unter den Autoren finden sich George Sand, Jean-Paul Sartre, Julien Green, Erik Orsenna, Julia Kristeva, Jacques Le Goff. Ihr letzter Autor war Laurent Mauvignier, von ihm übersetzte sie für dtv Mit leichtem Gepäck, Was ist ein Leben wert? und Die Wunde. Am 12. Februar ist Annette gestorben, im Januar war sie achtzig geworden. Wir erfuhren mit großer Verspätung von ihrem Tod. Wir wussten, dass sie krebskrank war, aber sie klagte nicht über ihr Los und wollte niemandem zur Last fallen, irgendwann erreichte man sie nicht mehr am Telefon. Als hätte sie still und leise davongehen wollen – ganz Annette.